Krisenintervention: Erste Hilfe für die Seele

Menschen, die plötzlich von einem Unglück betroffen sind, zu betreuen – das haben sich die 15 Ehrenamtlichen des Osttiroler RK-Kriseninterventionsteams zum Ziel gesetzt.

Seit dem Jahr 2000 gibt es das Kriseninterventionsteam im Bezirk Lienz, zum Zeitpunkt der Gründung vor 12 Jahren stellte man die zweite derartige Einrichtung in Tirol (nach Kufstein) dar. Osttirol-Teamleiterin Maria Stotter, die sich gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Hannes Gatterer auch um organisatorische Fragen kümmert, erzählt: „Wir waren tirolweit die ersten, die mit einer fundierten Ausbildung gestartet sind und sehen uns als multifunktionelles, aber nicht professionelles Team. Unsere Aufgabe ist es, Menschen in Ausnahmesituationen aufzufangen, sozusagen Erste Hilfe für die Seele zu leisten. Wir betreuen sowohl Opfer als auch deren Angehörige, sind aber auch für die Sanitäter und Helfer in den Blaulichtorganisationen da.“

Das Kriseninterventionsteam Osttirol wird vom Roten Kreuz getragen, die Mitarbeiter kommen aus den verschiedensten Berufen, gehören aber alle dem Roten Kreuz an. Sie werden unter der Woche von der Rettungsleitstelle per SMS verständigt und dann, je nach Verfügbarkeit, eingeteilt. Am Wochenende stehen immer zwei Personen auf Abruf bereit. „In den gesamten 12 Jahren mussten wir noch keine einzige Hilfestellung absagen“, so Maria Stotter. Die Einsätze – im Durchschnitt sind es pro Jahr rund 50 bis 60 Kriseninterventionen – verlangen den geschulten Kräften, die grundsätzlich zu zweit arbeiten, nicht nur ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen, sondern auch maximale Flexibilität ab. „Jeder Fall ist anders“, berichtet Hannes Gatterer, „das reicht vom plötzlichen Tod eines Angehörigen, über eine lebensgefährliche Verletzung oder vermisste Personen, Verkehrsunfälle, Familientragödien und geht hin bis zum plötzlichen Kindstod oder Selbstmord.“

Ein einheitliches, starres Schema, wie man mit Betroffenen umgeht, kann es deswegen nicht geben. „Wir haben in unserer umfangreichen, rd. 160 Stunden umfassenden Ausbildung gelernt, auf jede Situation individuell zu reagieren. Am wichtigsten ist es, dass man den Zugang zu den Menschen findet. Jeder ist anders und jeder spricht auf etwas anderes an. Wir reichen den Menschen in Notsituationen die Hand, unterstützen sie und begleiten sie ein Stück weit, dürfen dabei aber nie vergessen, dass wir ihnen den Schmerz und die Trauer nicht abnehmen können“, so Gatterer weiter, der hauptberuflich als Polizist in Lienz tätig ist und ursprünglich als Verbindungsperson vorgesehen war.

„Im Zuge der Ausbildung wurde mir aber klar, dass mich die Arbeit im Kriseninterventionsteam anspricht und dass ich das machen möchte. Ich finde es schön, dass ich meinen Mitmenschen einen Teil meiner Freizeit schenken darf.“ Dies sieht auch Maria Stotter so, die ergänzt, dass … „man auch selbst in seiner persönlichen Weiterentwicklung unheimlich viel von dieser Tätigkeit profitieren kann. Der Zugang, den man zu seinen Mitmenschen hat, verändert sich im Laufe der Jahre. Mit der Bandbreite der Extremsituationen, die man erlebt, wachsen auch die eigenen Fähigkeiten, damit umzugehen.“

Die außergewöhnlichen Ereignisse, mit denen sich die „Klienten“ der Kriseninterventionsteams konfrontiert sehen, stellen für viele einen tiefen Einschnitt in das bisherige Leben dar und rufen bei vielen starke Gefühle und akute Belastungsreaktionen hervor, zu denen Hilf- und Ratlosigkeit, Schuldgefühle, Angst, heftige Stimmungsschwankungen und Orientierungslosigkeit gehören können.

„Die einen schreien, andere werden aggressiv oder brechen zusammen. Und manche reagieren völlig sprach- und teilnahmslos auf das Geschehene. „Allen gemeinsam ist eigentlich nur die Verzweiflung“, fasst Maria Stotter ihre Erfahrungen zusammen. Die meisten Betroffenen realisieren laut ihren Angaben außerdem nicht sofort, was passiert ist und was das für sie bedeutet. „Es ist dann unsere Aufgabe, ihnen z. B. – so traurig es auch ist – zu vermitteln, dass ihr Angehöriger oder Freund wirklich tot ist“, betont die Teamleiterin. Insgesamt trägt die frühzeitige, möglichst rasch nach dem belastenden Ereignis einsetzende Betreuung durch das Kriseninterventionsteam dazu bei, akute Belastungsreaktionen abzufangen und spätere, gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Belastungsstörungen zu vermindern. Obwohl es oft Monate und Jahre dauert, bis Angehörige den Tod eines Familienmitgliedes verarbeitet haben, können die Helfer nicht ewig bleiben.

„Wenn wir feststellen, dass die ersten Schritte gemacht sind, dass das soziale Netz und das Umfeld greifen, dann wird es Zeit für uns, zu gehen“, sagt Hannes Gatterer, der zum Abschluss auch darauf hinweist, wie wichtig es für das Team selbst ist, den „Selbstschutz“ nicht zu vergessen. „Wir führen sehr viele Gespräche miteinander. Alle zwei Monate kommen wir außerdem zu Nachbesprechungen der einzelnen Fälle zusammen. Entscheidend ist es, zu wissen, was einem selbst gut tut. Nur so und in der Gruppe können auch wir gestärkt aus dem Erlebten herausgehen.“

Text: Redaktion, Foto: ÖRK/Krisenintervention

05. September 2012 um