Bereits über 60 robotisch unterstützte Operationen am BKH Lienz
Seit 2024 steht der OP-Roboter da Vinci Xi am BKH Lienz Operationsteams bei Eingriffen in den Fachbereichen Urologie und Chirurgie zur Verfügung. Mit den bislang durchgeführten Eingriffen zeigen sich alle Beteiligten mehr als zufrieden.
Die Geschichte der Laparoskopie und Robotik ist eine faszinierende Entwicklung, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Die Laparoskopie, auch als minimal-invasive Operationstechnik oder „Knopflochchirurgie“ bekannt, entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts, als die ersten laparoskopischen Verfahren zur Untersuchung der Bauchhöhle durchgeführt wurden. In den 1970er-Jahren erlebte die Technik durch verbesserte optische Instrumente einen bedeutenden Aufschwung. In der Urologie wurde die Laparoskopie in den 1990er-Jahren populär, insbesondere für Eingriffe wie die Nephrektomie (Entfernung der Niere) und die Prostatektomie (Entfernung der Prostata). Aufgrund der starren Geräte sowie der 2D-Sicht waren der konventionellen Laparoskopie jedoch methodische Grenzen gesetzt.
Die Geschichte der robotischen Chirurgie begann in den 1980er-Jahren, als erste ferngesteuerte Roboterarme für minimal-invasive Operationen getestet wurden. Die US-Armee experimentierte mit einem robotergestützten System, um verwundete Soldaten aus der Ferne operieren zu können. Auf Basis dieser Technologie entstand der da Vinci Roboter der Firma Intuitive Surgical, mit dem im Jahr 1999 von einem Urologen aus Frankfurt am Main als erste robotisch unterstützte urologische Operation weltweit eine radikale Prostatektomie durchgeführt wurde. Das da Vinci-System ermöglichte es dem Operateur, komplexe urologische und zunehmend auch chirurgische oder gynäkologische Eingriffe minimal-invasiv in 3D-Sicht mit einer, bis dato nicht möglichen Präzision und Kontrolle durchzuführen. Minimal-invasiv bedeutet, dass die Operation durch kleine Schnitte (5 bis 12 mm) in der Haut durchgeführt wird. Um im Körper Platz für die Operation zu gewinnen, muss das OP-Gebiet mit Gas gefüllt werden. Durch diese Einschnitte werden kleine Schleusen eingebracht, durch die Instrumente wie auch die Optik eingeführt werden.
Bis zu diesem Punkt sind konventionelle Laparoskopie und robotisch assistierte Chirurgie identisch. Nun aber spielt der da Vinci seine Vorteile aus: Sowohl die Schleusen, als auch die hochentwickelten Präzisionsinstrumente werden nicht vom Operateur direkt bedient, sondern mit Hilfe von Roboterarmen präzise gesteuert. Gesteuert bedeutet allerdings nicht autonom. Denn: Hinter jeder einzelnen Bewegung im Patienten steht der Operateur an der Bedienungskonsole, der im Körper die einzelnen Instrumente in einer beeindruckenden Bewegungsfreiheit steuern kann. Das System ist in Hinblick auf die Patientensicherheit so konstruiert, dass eine unbeabsichtigte Aktivierung im Bauchraum nicht stattfinden kann. Die hohe Präzision sowie die exzellente Detailsicht der 3D-Optik mit bis zu 10-facher Vergrößerung ermöglichen es dem Chirurgen, Strukturen wie Gefäße, Nerven oder Tumorgrenzen besser zu erkennen und somit schonender zu operieren.
Dr. Hubert Volgger, Primar der Urologischen Abteilung, beherrscht die neue Technik ebenso wie sein Oberarzt Dr. Andreas Martinschek.
Die robotergestützte Operationstechnik hat ihre Erfolgsgeschichte rund um die Welt fortgesetzt. Aktuell wird weltweit alle 16,8 Sekunden eine da Vinci-Operation gestartet und diese Methode darf inzwischen bereits als Standardoperationsverfahren in der Urologie bezeichnet werden. Die häufigsten urologischen Eingriffe betreffen die Entfernung von Niere, Harnblase oder Prostata. Das größte Potential gegenüber der klassischen Laparoskopie besteht jedoch in der organerhaltenden Entfernung von Tumoren sowie in der rekonstruktiven Chirurgie, wobei der Operateur mit dem da Vinci hier sein volles Potential ausschöpfen kann. Laparoskopie wie auch Robotik haben das Operieren revolutioniert. Die Vorteile der Methode kommen sowohl Patienten als auch Operateuren zugute. Für den Patienten wird die postoperative Erholungsphase verkürzt. Er hat weniger Schmerzen, einen geringeren Blutverlust und bessere kosmetische Ergebnisse durch kleinere Hautschnitte im Vergleich zur offenen Operation. Durch die exaktere und damit schonendere Präparation werden auch die funktionellen Resultate verbessert und der Patient kann schneller in das Arbeitsleben sowie den gewohnten Alltag zurückkehren. Auch die Belastungen für den Operateur und das gesamte OP-Team werden reduziert. Während laparoskopische Eingriffe die Operateure oft zu langen, statischen Positionen zwingen und körperlich fordern, sitzt der Chirurg bei robotischen Eingriffen ergonomisch und in entspannter Haltung an einer Konsole. Dies verbessert die Feinmotorik, reduziert die Ermüdung und steigert die Konzentrationsfähigkeit während längerer Eingriffe. Am Ende des Tages haben sowohl Patienten als auch Operateure mehr Lebensqualität! Roboterassistierte Operationen mit dem da Vinci-System sind, wie bereits erwähnt, Standardverfahren in der Urologie. Am Bezirkskrankenhaus Lienz und im Rahmen des Gemeindeverbandes BKH Lienz wurde vor geraumer Zeit entschieden, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen. Es folgte, mit Unterstützung des Landes Tirol, der Ankauf eines da Vinci Xi-Systems der Firma Intuitive, welches die aktuellste Entwicklungsstufe dieser Produktreihe darstellt. Der OP-Roboter in Lienz ist damit nicht nur ein medizinisches Highlight für die ganze Region, sondern auch ein Zeichen dafür, dass Hightech-Medizin längst nicht mehr nur in Zentren durchgeführt wird. Mit dieser Investition legt man im Lienzer Krankenhaus den Grundstein für eine chirurgische Versorgung auf Spitzenniveau – direkt vor Ort und mitten in Osttirol. „Ich war lange Zeit skeptisch, ob ein Konzept wie dieses in Lienz problemlos umgesetzt werden kann. Mittlerweile, über 60 robotisch durchgeführte Eingriffe später, bin ich vom da Vinci-System, von dessen Qualität und Möglichkeiten voll überzeugt. Die Instrumente erlauben Bewegungen präziser als die menschliche Hand“, schwärmt Dr. Hubert Volgger, Primar der Urologischen Abteilung.
Primar Dr. Hubert Volgger an der Steuerungseinheit des da Vinci Roboters
Die außergewöhnlich kurze Einarbeitung in das neue System ist einem glücklichen Umstand geschuldet: Durch die Anstellung zweier versierter da Vinci-Operateure – OA Dr. Andreas Martinschek (Urologie) und OA Dr. James Waha (Chirurgie) – musste nicht, wie in vielen Kliniken, bei Null gestartet werden. Die Kombination von langjähriger offener Operationserfahrung einerseits und blinder Vertrautheit mit dem Roboter andererseits hat die Einführung der neuen Methode extrem erleichtert. Auch die OP-Pflegepersonen zeigen sich vom System überrascht. „Im Gegensatz zur offenen Operation haben wir den OPSitus immer im Blick und können den Eingriff leichter mitdenken. Wir sitzen im wahrsten Sinne des Wortes in der ersten Reihe“, berichtet DGKP Chiara Koller, eine der ersten OP-Fachkräfte, die das da Vinci-Programm am BKH Lienz mit aus der Taufe gehoben hat. „Nach nunmehr über 60 Operationen mit unserem da Vinci ist mehr als klar, dass diesem System keine Grenzen gesetzt sind“, lässt Dr. Dr. Arvin Imamovic, Primar der Abteilung für Allgemeinchirurgie, wissen. „Wir wollen unsere Expertise weiter ausbauen und die Grenzen des Möglichen verschieben. Der da Vinci Xi ist ein Symbol für unseren Anspruch, den Menschen in unserer Region die bestmögliche medizinische Versorgung zu bieten“, spricht er Ziele an.
Primar Dr. Hubert Volgger und Oberarzt Dr. Andreas Martinschek demonstrieren mit einem Rasiervorgang, welche präzise Detailarbeit mit dem da Vinci-Roboter möglich ist.
Die Kombination aus modernster Technik und menschlicher Fähigkeit hat die operative Versorgung der Patientinnen und Patienten in Osttirol und Umgebung auf ein neues Niveau gehoben. Die Mitglieder des robotischen Teams sind stolz auf die bisher erbrachten Leistungen und die Patienten äußerst zufrieden. Die Ergebnisse übertreffen bereits jetzt alle Erwartungen. Das da Vinci-System hat sich als sicher, zuverlässig und fehlerfrei präsentiert. Nach dem gelungenen Start können in Zukunft auch die Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in das laufende Programm miteingebunden werden.
Text: Medizinredaktion, Fotos: © Brunner Images, Martin Lugger