Herzschwäche: unterschätzt, verkannt und vernachlässigt

Beim Herzkongress 2022 in Barcelona war Herzschwäche ein wichtiges Thema. Herzspezialist Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner informiert über das Krankheitsbild und Therapiemöglichkeiten.

Das Krankheitsbild der Herzschwäche, im Fachjargon „Herzinsuffizienz“ genannt, betrifft mindestens zwei Prozent der Bevölkerung, was umgesetzt auf den Bezirk Lienz rund 1.000 Patienten bedeutet. Bei den über 65-Jährigen gilt die Herzschwäche als der häufigste Grund einer stationären Krankenhausaufnahme. Mit einer jährlichen Sterblichkeit von 30 Prozent ist die Prognose einer manifesten Herzschwäche eher schlecht und damit durchaus mit verschiedenen Krebserkrankungen vergleichbar.

Häufige Symptome sind eine ausgeprägte Atemnot bei Belastung sowie nachts im Liegen, fallweise Husten, eine ungewohnte Müdigkeit sowie beidseits geschwollene Beine mit rascher Gewichtszunahme. Ein weiterer Hinweis ist, dass am Hals schon beim Sitzen oft dicke, gestaute Venen sichtbar werden. Ein Problem liegt darin, dass diese Symptome auch andere Ursachen haben können. Leider schätzt nur einer von zehn Betroffenen die Symptomatik selbst richtig ein, sodass eine genaue Abklärung durch einen Arzt unerlässlich ist! Wichtige Grundlagen einer fundierten Diagnostik sind neben einem ausführlichen Arzt-Patient-Gespräch und einer körperlichen Untersuchung der Herzultraschallbefund sowie die Bestimmung des Herzhormons proBNP.

Was sind die Ursachen, die zu diesem Krankheitsbild führen?
Erfahrungswerte zeigen, dass lange andauernder Bluthochdruck, verengte Herzkranzgefäße, anhaltende Herzrhythmusstörungen (z.B. schnelles Vorhofflimmern mit unregelmäßig schnellem Puls), weiters Diabetes, Herzklappenveränderungen, seltene angeborene Muskel- und Stoffwechselerkrankungen als Ursachen einer Herzschwäche identifiziert werden können. Nicht zu vergessen sind auch Herzmuskel-Entzündungen, die zuletzt bei Covid-19-Erkrankungen auffällig häufig auftraten. Darüber hinaus weiß man heute, dass auch moderne Krebsmedikamente, akut oder oft erst nach Jahren, herzschädigend wirken können. Entscheidend sind diesbezüglich neue Untersuchungsregeln vor und nach potenziell schädigenden Krebsmedikamenten. Nur so kann man diesbezüglichen Gefahren frühzeitig auf die Spur kommen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen.

Wie sind die Behandlungsaussichten?
Im Frühstadium ist die Prognose gut. Sie verschlechtert sich aber, wenn eine manifeste Herzmuskelschwäche bereits zu einem Krankenhausaufenthalt geführt hat. Doch auch hier besteht Hoffnung: Neue Medikamente, spezielle Schrittmacher-Systeme sowie technische Behandlungsmöglichkeiten von Rhythmusstörungen haben bereits ein neues Zeitalter eingeläutet! In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass bei einer diagnostizierten Herzschwäche mindestens vier Medikamentensäulen gleichzeitig eingenommen werden müssen. Hinzu kommen oft noch Tabletten gegen Wassereinlagerungen im Körper bzw. zur Blutverdünnung. Es ist also ein größerer Cocktail nötig! Dieser hilft, hält aber leider so manchen davon ab, sich zielgerichtet behandeln zu lassen. Dies gilt vor allem für die Gruppe der so genannten „Medikamentenverweigerer“. Natürlich ist zu respektieren, wenn sich ein Patient dagegen entscheidet. Trotzdem ist es bedauerlich, wenn man damit die Chance, einer wirklich bedrohlichen Krankheit entgegenzuwirken, vergibt!

Was kann der Patient selbst tun?
Ein entscheidender Faktor bei Herzschwäche ist eine regelmäßige Bewegung. Die genaue „Dosis“ sollte mit dem Arzt des Vertrauens besprochen werden. Wichtige Impulse dafür kann z.B. auch ein Reha-Aufenthalt geben. Lebensrettend kann es sein, relevantes Übergewicht abzubauen und auf Nikotin zu verzichten. Dies gilt auch für den Alkoholkonsum, der maximal moderat ausfallen sollte. Und: natürlich Medikamententreue, sprich die exakte und tägliche Einnahme der vom Arzt verschriebenen Tabletten!

 

 

Reisen mit Herzschwäche?
Bei einer guten Medikamenteneinstellung und in den Herzinsuffizienz-Stadien I bis III ist es unter Auflagen möglich, auch mit dem Flugzeug zu verreisen. Ein Vorab-Check beim Arzt sollte dem aber vorausgehen! Allen, die mit einer Krankheit oder einem gesundheitlichen Problem kämpfen, sei empfohlen, Medikamente immer im Handgepäck mitzunehmen und die benötigte Menge großzügig zu bemessen. Koffer gehen manchmal verloren und Rückreiseverzögerungen sind nie auszuschließen.

 

 

Ein weiterer Tipp ist es, immer auch ein Medikamentenverordnungsblatt oder, noch besser, einen aktuellen Arztbrief mitzuführen. Das kann im Notfall sehr hilfreich sein! Beachten sollte man auch, dass bei intensiver Sonnenbestrahlung Hautreaktionen auftreten können. Ein entsprechender Sonnen- und Hitzeschutz ist also sehr wichtig!

 

 

Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner
Facharzt für Innere Medizin (Kardiologie, Gastroenterologie, Nephrologie, Intensivmedizin, Akupunktur sowie begleitende Krebstherapie) mit Niederlassung in Lienz
Ordination: Tel.: 04852/64070-415
p.lechleitner@tirol.com

 

Die Einordnung der Herzinsuffizienz erfolgt in vier Stadien, die auch als NYHA-Stadien bezeichnet werden. Sie stammen von der New York Heart Association (NYHA), einer medizinischen Fachgesellschaft.

NYHA-Stadium 1: In diesem Stadium erlebt der Patient noch keine Einschränkungen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Bei normalen, alltäglichen körperlichen Belastungen wie Treppensteigen verspürt er weder Luftnot oder Herzrhythmusstörungen, noch fühlt er sich übermäßig erschöpft.

NYHA-Stadium 2: Hier geht die Herzinsuffizienz mit leichten Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit einher. Bei alltäglichen körperlichen Belastungen, zum Beispiel in den zweiten Stock zu laufen, fühlt sich der Patient schnell erschöpft oder bekommt Atemnot. Es treten aber keine Beschwerden im Ruhezustand auf.

NYHA-Stadium 3: In diesem Stadium sind die körperlichen Einschränkungen noch stärker ausgeprägt und treten auch bei geringen körperlichen Aktivitäten auf. Beispielsweise fühlt sich der Betroffene erschöpft oder leidet unter Atemnot, wenn er im Haus umhergeht oder Hausarbeiten erledigt. In Ruhe treten diese Symptome hingegen nicht auf.

NYHA-Stadium 4: Im letzten Stadium treten die Herzinsuffizienz-Symptome schließlich auch in Ruhe auf. Das hat zur Folge, dass der Patient bettlägerig wird. Er fühlt sich jedoch auch dann erschöpft und ist kurzatmig.

 

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12. Oktober 2022 um