Fluch oder Segen? Vom richtigen Umgang mit Medikamenten

„Über Risiken und Nebenwirkungen…“ Diesen Satz hat wohl jeder von uns schon oft gehört und sicherlich auch diverse Medikamenten-Beipackzettel studiert.

Wer die dafür nötige Zeit aufbringen konnte, dem ist sicherlich des Öfteren der Schreck in die Glieder gefahren bzw. war zumindest irritiert. Das dem aber nicht so sein müsste, betont Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner, Facharzt für Innere Medizin mit Niederlassung in Lienz. Er erklärt im Folgenden, wie man mit Medikamenten richtig umgehen soll und kann.

Beipackzettel sind mehr juridische Absicherungen für Pharmafirmen als hilfreiche Ratgeber. Patienten können aber darauf vertrauen, dass sie heutzutage keine Medikamente verschrieben bekommen, die eine unbekannte oder nicht kalkulierbare Gefahr in sich bergen. Man sollte deshalb auf jeden Fall mit dem Arzt seines Vertrauens besprechen, mit welchen Nebenwirkungen zu rechnen ist und wie häufig das vorkommt. Eine Frage an den verordnenden Arzt ist aber dennoch sicherheitshalber zu empfehlen: Verträgt sich das mit meinen anderen Medikamenten, z.B. mit einem Blutverdünner? Wichtig ist, dass man mit seinem Arzt die aktuelle Medikamentenliste auf jeden Fall durchgeht. Denn hier könnte sich so manche Überraschung herausstellen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man mehr über seine Medikamente weiß, als dass man z.B. „zwei runde Weiße in der Früh und ein eckiges Blaues am Abend“ nimmt. Hand aufs Herz, wer glaubt, dass sich ein Arzt bei tausenden verschiedenen Medikamenten Farbe und Form merken kann? Also sollte man immer einen Zettel in der Geldtasche mitnehmen, auf dem Medikamente mit Namen, Dosis und Einnahmezeitpunkt vermerkt sind. Das lohnt sich und kann dem Arzt zeitaufwendige Recherchen ersparen und Ihre Sicherheit verbessern! Übrigens ganz nebenbei: Wenn Schokolade einen Beipackzettel nach den geltenden Vorschriften haben müsste, würden sehr viele einen weiten Bogen um diesen Stimmungsaufheller machen. Denn in diesem Beipackzettel müsste es ungefähr heißen: „Gefahr von Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen durch Diabetes, Übergewicht, Tod durch allergischen Schock bei Nussallergie… usw.“

Wie wirksam Medikamente sein können
Bluthochdruck tut nicht weh (und ist dennoch der größte „Killer“ in der westlichen Welt!), zu hohes Cholesterin spürt man nicht, und doch hat allein die konsequente Behandlung dieser beiden Risikofaktoren die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen halbiert. Noch vor 20 Jahren waren die häufigsten chronischen Leukämieerkrankungen ein Todesurteil, heute sind sie weitgehend heilbar. 80 Prozent der Frauen mit Brustkrebs und über 90 Prozent der Menschen mit Schilddrüsen- und Hodenkrebs werden heute geheilt. Hinzu kommen z.T. große Fortschritte bei der Therapie von Parkinson, MS, Magengeschwüren, Diabetes und Infektionen. Operationen wegen Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren sind eine Seltenheit geworden – um weitere Beispiele aufzuzählen. Und dennoch gibt es Menschen, die Medikamente ablehnen, wie sprichwörtlich „der Teufel das Weihwasser“. Das ist zweifellos zu respektieren, nur segensreich ist es meistens nicht. Dennoch, nicht alle Medikamente sind gleich wichtig. Manchmal ist auch weniger mehr!

Grenzen des Medikamentencocktails
Im Laufe eines Lebens kann schon einiges zusammenkommen: Bluthochdruck, Rhythmusstörungen, Zucker, Blasenstörungen, Gicht, Kniegelenksarthrose, Rückenschmerzen, chronische Bronchitis… und für alles gibt es ein Mittelchen, das man dem Leidenden gerne zukommen lassen will. Was aber im Einzelfall gut ist, muss in der Summe nicht immer besser sein. Wenn mehr als fünf verschiedene Medikamente wirksam werden, ist ihr Zusammenwirken nicht mehr gut vorhersehbar, besonders wenn man in die Jahre kommt. Im Alter scheiden manche Medikamente aus, weil die Nebenwirkungen zunehmen. Aus diesem Grund haben Experten zwei Listen (Priscus- und Fortaliste) erstellt, die dem Arzt helfen, Medikamente altersgerecht zu verordnen. Es zahlt sich aus, halbjährlich seinen Vertrauensarzt zu konsultieren, um zu klären, ob nicht manche Medikamente weggelassen oder vereinfacht werden können. Manchmal haben auch bewährte Hausmittel erstaunliche Effekte!

 

 

Placebo und Nocebo, ein ungleiches Paar
Placebos sind Scheinmedikamente. Sie haben keine Wirksubstanz zum Inhalt, wirken aber oft trotzdem, selbst wenn der Patient weiß, dass es sich um ein Placebo handelt. Deswegen werden neue Medikamente immer gegen Placebo geprüft, um ihre Wirksamkeit zu testen. Sie müssen besser sein als das Scheinmedikament, sonst werden sie nicht zugelassen. Heute wissen wir, dass der sogenannte „Placeboeffekt“ in jedem Menschen vorhanden ist und er das Geheimnis vieler „Wundermittel“ ist. Die „Placebowirkung“ gibt es in der Schul- und Alternativmedizin. Sogar manche Operationen an Gelenken und im Gehirn wirken, auch wenn sie nur als Scheinoperationen angelegt werden.

Wenn man aber mit Glauben, Worten und Taten heilen  oder Schmerz lindern kann, dann kann man sicherlich auch das Gegenteil bewirken. Dieser Effekt heißt „Nocebo“ und ist quasi der böse Bruder des segensreichen Placebos. Ein klassisches Beispiel sind die unseren Medikamentenpackungen beigelegten Beipackzettel. Alleine durch das Lesen dieser zahlreichen, zwar selten auftretenden, aber theoretisch immer möglichen Nebenwirkungen tritt ein Teil dieser Nebenwirkungen ein und die oft segensreichen Medikamente werden nicht mehr eingenommen, natürlich ohne den Arzt zu informieren. Muskelschmerzen bei Cholesterinsenkern sind so ein Beispiel. Auch wenn diese manchmal tatsächlich möglich sind, treten sie auch bei Scheinmedikamenten auf, wenn denen ein Beipackzettel mit Hinweis auf Muskelschmerzen beigelegt wird. Man rechnet, dass ca. 10 bis 20 Prozent aller verordneten Medikamente deshalb im Mülleimer verschwinden. Seien Sie lieber ehrlich und informieren Sie Ihren Arzt, wenn Sie zu einem Medikament kein Vertrauen finden. Das ist keine Beleidigung, schafft aber klare Verhältnisse!

 

 

Globuli und Bachblüten – alles Schwindel?
Homöopathen verschreiben oft kleine weiße Kügelchen, die sogenannten „Globuli“. Derzeit ist ein erbitterter Kampf gegen die Homöopathen durch sogenannte Skeptiker im Gange. Sie verleihen sich gegenseitig Schmähpreise und haben den Pfad der fairen wissenschaftlichen Diskussion längst verlassen. Den Kügelchen  wird jede Wirksamkeit abgesprochen, den Verordnern Scharlatanerie unterstellt. Dennoch: Es gibt seriöse wissenschaftliche Wirknachweise für Globuli, aber auch manchen Unsinn rundherum. Sie haben sogar die Aufnahme in die Empfehlungen zur begleitenden Krebstherapie geschafft. Homöopathika sollten allerdings nie erprobte Strategien der Schulmedizin ersetzen, sondern diese fallweise ergänzen. Und: Nur wer eine solide Ausbildung dazu nachweisen kann, sollte auch verordnen! Das gilt für alle Komplementärtherapien! Wochenendkurse sind da zu wenig!

Für Bachblüten gibt es keine seriösen wissenschaftlichen Wirknachweise, vermutlich aber öfters einen Placeboeffekt bei harmloseren Befindlichkeitsstörungen.

Nahrungsergänzungsmittel und Co
Vitamine, Spurenelemente, Eiweißstoffe und Enzyme scheinen aktuell in aller Munde. Deren Defizit wird häufig vermutet und viele (teure) Bestimmungen werden durchgeführt. Nur bei den wenigsten der meist teuren Bestimmungen ist jedoch nachgewiesen, dass die Normalisierung der häufig nicht gesicherten Normwerte gesundheitlichen Nutzen bringt. Der Placeboeffekt ist groß, aber auch die Kosten! Außerdem mehren sich Berichte über Nebenwirkungen durch Überbehandlungen mit Mikronährstoffen. Lediglich bei Fehlernährung, in höherem Alter, bei Immobilität und manchen Begleiterkrankungen (v.a. Krebs) oder manchen begleitenden Medikamenten ist eine Verabreichung fallweise sinnvoll.

Der richtige Einnahmezeitpunkt
Allgemein gilt für die Medikation: Auf nüchternen Magen bedeutet 30 bis 60 Minuten vor der Mahlzeit oder frühestens zwei Stunden nach der Mahlzeit. Vor dem Essen bedeutet 30 Minuten bis eine Stunde vor der Mahlzeit. Mit der Mahlzeit bedeutet: während der Mahlzeit oder unmittelbar danach. Nach dem Essen bedeutet ca. zwei Stunden danach.

 

 

Sieben Tipps
• Erstellen Sie mit Ihrem Arzt eine Medikamentenliste mit genauen und vollständigen Namen, Dosis und Einnahmezeitpunkt und nehmen Sie diese Liste immer in Ihrer Geldtasche mit.

• Gehen Sie diese Liste 2x im Jahr mit Ihrem Hausarzt durch, ob Sie alles noch benötigen.

• Fragen Sie beim Abholen der Medikamente in der Apotheke gelegentlich um einen Check, ob die Medikamente auch zusammenpassen.

• Wenn Sie Blutverdünner nehmen, informieren Sie Zahnarzt und andere Ärzte vor einem Eingriff. Das Absetzen ist nicht ungefährlich, aber meist nicht nötig (außer bei größeren Operationen).

• Nachbaumedikamente (sog. Generika) sind nicht schlechter als Originalpräparate.

• Ein Magenschutz ist häufig nicht dauerhaft nötig (v.a. nicht, wenn Sie „nur“ mehrere Medikamente nehmen). Bei längerer Einnahme von Rheumamitteln ist er aber unverzichtbar!

• Medikamente sind Ihre Freunde, und vor allem keine „natürlichen Feinde“. Sterben Sie nicht den Medikamentenverweigerer-Heldentod! Aber: Holen Sie sich bei obskur erscheinenden Wundermitteln eine seriöse Zweitmeinung ein, es könnte Ihre Gesundheit oder zumindest die Geldbörse unnötig bedroht sein.

 

Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner
Facharzt für Innere Medizin
(Kardiologie, Gastroenterologie, Nephrologie,
Intensivmedizin, Akupunktur sowie
begleitende Krebstherapie)
mit Niederlassung in Lienz
Ordination:
Tel.: 04852/64070-415
p.lechleitner@tirol.com

 

Text: Peter Lechleitner

27. April 2022 um