Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner: „Die Medizin geht weiter!“

Die Medizin steht zwar im Bann von Corona, ist allerdings nicht stehengeblieben. „Es gibt neue Möglichkeiten und neue Hoffnungen“, erklärt der Internist und Kardiologe aus Lienz.

Für unsere LeserInnen hat er die wichtigsten neuen Erkenntnisse und Innovationen auf dem Gebiet der Krebsmedizin bzw. der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammengefasst. Noch immer dominieren Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und/oder Herzschwäche sowie Krebserkrankungen die Sterbestatistik. Corona ist nur ein Bruchteil davon und ließe sich als bedrohliches Krankheitsbild viel leichter vermeiden. Sie wissen um die leidige Diskussion! Ähnliches kennen Herzmediziner von der angeblichen „Cholesterinlüge“, wiewohl die Diskussion wissenschaftlich beendet und bestens abgesichert ist. Erhöhtes LDL-Cholesterin ist der wesentliche Treiber für Gefäßverkalkungen, 40 mg/dl weniger Cholesterin lässt sich auf eine 20%ige Risikoreduktion übersetzen. Auch hier gibt es zahlreiche Internet-User und sogar einige wenige Ärzte, die davon nichts wissen wollen. Blogs zu lesen, die dem eigenen Wunschdenken entsprechen, und sogar ein absolviertes Medizinstudium bedeuten nicht immer, am Stand der Wissenschaft und frei von obskuren Denkstrukturen zu sein. Ich möchte, ohne Vollständigkeit zu beanspruchen, im Folgenden einige Beispiele der neuesten Entwicklungen aufzeigen, die mit deutlicher Leidensreduktion und oft beträchtlicher Lebensverlängerung verbunden sind.

 

Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner ist Internist und Kardiologe mit Diplom für begleitende Krebsmedizin in Lienz. Kontakt per Mail unter p.lechleitner@tirol.com oder per Tel.: 04852/64070-415

 

Krebsmedizin
Bei einer der aggressivsten Brustkrebsvarianten (dem sogenannten „Triple-negative Tumor“ mit Metastasen) bringt die Kombination von klassischer Chemo mit den modernen Immuncheckblockern einen deutlichen Überlebensvorteil. Überhaupt gelten solche Kombinationen auch bei vielen anderen Krebserkrankungen als vielversprechend. Es gelingt immer besser, den Tumor des einzelnen Menschen auf seine genetischen Eigenheiten hin zu erforschen und darauf die geeignete Therapie abzustellen. „One fits all“ gilt nicht mehr! Immuncheckblocker sind intelligente Medikamente, die das eigene angeschlagene Krebszell- Eliminierungssystem wieder „scharf“ machen. Allerdings hat man erkannt, dass die Wirksamkeit dieser Medikamente mit der Zusammensetzung unserer Darmbakterien (dem sogenannten Mikrobiom) zusammenhängt – davon wird übrigens auch der Muskelverlust bei Krebserkrankungen beeinflusst. Hier kommt wieder die Wichtigkeit einer gesunden Ernährung ins Spiel. Krebserkrankte haben ein erhöhtes Risiko für Corona (Covid-19), das durch die Impfung deutlich reduziert wird. Dies konnten Studien klar zeigen. Die häufigste Leukämie (die sogenannte „chronisch-lymphatische Leukämie“) kann durch eine neue Medikamentenkombination in eine Dauerremission übergeführt werden, an der man kaum mehr stirbt. Auch die häufigste bösartige Bluterkrankung, das sogenannte „Multiple Myelom“, welches ohne Knochenmarkstransplantation nicht geheilt werden kann, hat mit einem neuen Antikörper einen mächtigen Gegner bekommen, der zu einer deutlichen Lebensverlängerung verhilft.

Eine weitere neue Krebstherapie, bei der eigene Abwehrzellen außerhalb des Körpers „geschärft“ (gentechnisch programmiert) und dann wieder verabreicht werden (die sogenannte „CAR-T-Zelltherapie“) ist dabei, die Therapie von bestimmten akuten Leukämien, Lymphdrüsenkrebserkrankungen und Myelomen zu revolutionieren. Für das sehr häufige Prostatakarzinom gibt es neue Leitlinien für ein abgestuftes Vorgehen (zuwarten, radikal oder nur teilweise operieren oder bestrahlen), wobei neben der Gewebstypisierung die sogenannte „multiparametrische Magnetresonanz-Untersuchung“ bedeutsam ist. Das sind nur einige eindrucksvolle Beispiele aus jenem Medizinbereich, der die stärkste Dynamik aufweist.

Herzerkrankungen
Herzerkrankungen zu verhindern, ist das erste Ziel! So hat sich in einer chinesischen Studie herausgestellt, dass auch für Menschen zwischen 60 und 80 Jahren ein Blutdruck zwischen 110 und 130 mmHg am wirksamsten Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindert. Verstärkt wird dieser Effekt, wenn das in der Nahrung verwendete Kochsalz zu einem Viertel durch Kaliumsalz ersetzt wird. Wiederum konnte gezeigt werden, dass die Senkung auf sehr niedrige Cholesterinwerte (LDL-Cholesterin kleiner 55 mg/dl) der beste Schutz vor einem neuerlichen Herzinfarkt ist. Dazu werden von vornherein meist gut verträgliche Kombinationstherapien eingesetzt. Es gibt zwei völlig neue Cholesterinsenker mit guter Wirksamkeit – und bereits auch eine Impfung gegen hohes Cholesterin.

 

 

 

Apropos Impfung: Pneumokokken- und Grippeimpfung sind in der Lage, die Sterblichkeit von Herzpatienten deutlich zu senken. Die bei jungen Männern sehr seltene Herzmuskelentzündung nach Coronaimpfung (1:10.000) steht in keinem Verhältnis zu dem, was Corona selbst bei gesunden Kindern anrichten kann. So muss eines von 1.000 infizierten Kindern mit der lebensbedrohlichen Multi-Systementzündung auf die Intensivstation. Die dann oft ablaufende Herzmuskelentzündung fällt sehr viel schwerer aus als jene nach einer Impfung. Für Patienten mit Herzmuskelschwäche gibt es drei neue Medikamente, die sowohl die Lebensqualität als auch die Lebensdauer beträchtlich verbessern. Zur Erklärung: Eine schwere Herzschwäche hat eine ähnliche Prognose wie ein weit fortgeschrittenes Krebsleiden! Herzrhythmusstörungen kann man durch sogenannte „smart wearables“, also Uhren wie Apple Watch 3, Smartwatch „Fit Bit Sense“ oder Handykameras, die jeder kaufen und bedienen kann, auf die Spur kommen. Zunehmend mehr Rhythmusstörungen können weiters durch Eingriffe am Herzen mit hochfrequentem Strom oder Kälte unterbrochen und eliminiert werden. Auch das ist nur ein Ausschnitt aus der modernen Welt der Herzmedizin, die in den nächsten Jahren noch einige Überraschungen bereithalten wird!

 

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16. Dezember 2021 um