Angst und Depressionen aus der Tabuzone holen
Mit Vorträgen versucht die Selbsthilfe Osttirol Depressions-Krankheiten zu enttabuisieren. Das Interesse ist groß, nächster Abend am 19. März im Sparkassensaal Lienz.
Die bisherigen Informationsabende der Selbsthilfe Osttirol zum Themenkreis „Angst, Depressionen und Burn-Out“ waren viel besucht, was für ländliche Gebiete auch in der heutigen aufgeklärten Zeit noch nicht selbstverständlich ist. „Früher waren Depressions-Erkrankungen am Land ein absolutes Tabuthema. Mit unseren Veranstaltungen wollen wir nicht nur informieren, sondern Betroffenen Mut machen, über ihre Probleme zu reden, sich in der Selbsthilfe-Gruppe mit anderen auszutauschen und sich behandeln zu lassen“, erklärt Christine Rennhofer-Moritz, Geschäftsstellenleiterin der Selbsthilfe Osttirol. Primar Dr. Martin Schmidt, psychiatrischer Leiter am Bezirkskrankenhaus Lienz, beleuchtet bei den Informationsveranstaltungen die medizinische Seite. „Depressionen sind behandelbar und gehören auch behandelt. Die meisten Fragen der Betroffenen kreisen um das Thema Medikamente. Die Angst vor Medikamenten ist in diesem Bereich recht groß, das ist aber eine irrationale Angst“, betont Schmid.
Neueste Untersuchungen zeigen, dass in Österreich 8,3% der Bevölkerung an Depressionen erkrankt sind. „Ich schätze, dass der Prozentsatz an Erkrankten in Osttirol nicht viel vom Österreichschnitt abweichen wird“, meint Schmidt. Ein Ansteigen von Beschwerden und Erkrankungen in der kalten Jahreszeit ortet er nicht. „Nur rund 5% der Erkrankungen sind saisonale Depressionen, die Arbeit bei uns in der Abteilung verteilt sich ziemlich regelmäßig über das ganze Jahr“, erklärt der Primar.
Wolfgang Rennhofer, Leiter der Selbsthilfegruppe „Menschen mit Angst- und Panikattacken und/oder Depression“, berichtet bei den Infoabenden über seinen Weg aus Angst und Depressionen. „Ich nehme beim Austausch mit Betroffenen eine starke Angst vor Veränderungen wahr, wenn sie den Schritt in Richtung Behandlung machen. Ich persönlich habe den Weg heraus aus der Erkrankung nur mit Medikamenten geschafft“, berichtet Rennhofer von seiner eigenen Bewältigungsstrategie. Christine Rennhofer-Moritz referiert bei den Vorträgen nicht nur über die Rolle der Selbsthilfe, sondern auch über die Situation der Angehörigen. „Die Angehörigen nehmen einen wichtigen Part bei der Bewältigung dieser Krankheit ein und sollten deswegen genauso zu unseren Informationsveranstaltungen kommen wie die Betroffenen selbst“, sagt die Geschäftsstellenleiterin. „Als Angehörige eines Erkrankten bin ich draufgekommen, dass es am besten ist, keine Ratschläge zu geben, weil Ratschläge sind auch nur Schläge. Am besten ist es, dem Betroffenen einfach kommentarlos das Gefühl zu geben, das man für ihn da ist“, spricht Rennhofer-Moritz ihre Strategie der bestmöglichen Unterstützung als Angehörige an. Negativen Stress abbauen und verstärkt das tun, was einem Spaß macht, nennt Primar Martin Schmidt als Maßnahmen, die man selbst gegen Depressionen und Angstzustände unternehmen kann. „Ab einer bestimmten Phase ist die Depression aber eine autonome Krankheit, die zu behandeln ist. Man ist wie in einem Gefängnis von Symptomen eingesperrt, aus dem man selbst nicht mehr herauskommt“, so der Primar abschließend.
Nächste Informationsabende „Angst – Depressionen – Burn-Out, Fragen und Antworten“
Dienstag, 19. März 2013, 19.30 Uhr, Sparkassensaal Lienz
Dienstag, 21. April 2013, 20.00 Uhr, Haus de calce in Kals am Großglockner
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: R. Mühlburger, clipart
