Neukirchen am Großvenediger: Seit 125 Jahren für Menschen in Bergnot im Einsatz
Seit zwei Jahren leitet Alexander Bräuer die Bergrettungs-Ortsstelle Neukirchen-Wald-Königsleiten. Für den 42-jährigen Berg- und Skiführer sind eine fundierte Ausbildung und die Sicherheit seiner Mannschaft besonders wichtig.
Die Geschichte der Bergrettung Neukirchen ist eng mit der touristischen Erschließung des Oberpinzgaus und der Hohen Tauern verbunden. Nach der Erstbesteigung des Großvenedigers im Jahr 1841 entwickelte sich der Bergtourismus in der Region zunehmend. Bereits 1842 entstand am Großvenediger eine erste einfache Schutzhütte, die sogenannte „Rohreggerhütte“. 1875 wurde an nahezu derselben Stelle die erste „Kürsingerhütte“ eröffnet.

Stolzes Jubiläum
Mit der steigenden Zahl an Bergsteigern wuchs auch die Notwendigkeit organisierter Hilfe bei Unfällen. 1896 wurde deshalb in Wien die erste Bergrettungsorganisation gegründet, fünf Jahre später folgte die heutige Ortsstelle Neukirchen am Großvenediger-Wald-Königsleiten.
Im Rahmen der jährlich stattfindenden Berndlmesse feierte die Ortsstelle am 14. Juni das 125-Jahr-Jubiläum. Gemeinsam mit Freunden und Kameraden blickten die Bergretter bei der Berndlkapelle auf ihre lange Geschichte und auf bewegte Zeiten zurück. Unzählige Menschen wurden in den vergangenen Jahrzehnten aus alpinen Notlagen gerettet und geborgen.
Alexander Bräuer am Großglockner
Leidenschaft für die Berge
Seit zwei Jahren steht Alexander Bräuer als Ortsstellenleiter an der Spitze der Einsatzorganisation. Der 42-jährige gebürtige Walder ist zweifacher Familienvater und seit mittlerweile 20 Jahren engagiertes Mitglied der Bergrettung. Die Leidenschaft für die Berge wurde ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt. Schon sein Vater war Bergretter. „Ich hatte schon als Kind den Wunsch, Bergführer zu werden“, erzählt der Pinzgauer. Mit 30 Jahren schloss er die Ausbildung zum staatlich geprüften Berg- und Skiführer ab.
In seiner Heimat führt er Gäste beispielsweise regelmäßig auf den Großvenediger oder den Großglockner. Zwei- bis dreimal im Jahr ist er als Bergführer auch in der Schweiz unterwegs. Beruflich ist der Pinzgauer als Vertriebsleiter bei VAN DEER-Red Bull Sports tätig.
Alexander Bräuer mit seinem Sohn Jonathan auf dem Großvenediger
Anspruchsvolles Einsatzgebiet
Das Einsatzgebiet der Ortsstelle Neukirchen umfasst rund 235 Quadratkilometer und reicht von Königsleiten über den Wildkogel sowie das Ober- und Untersulzbachtal bis hinauf zum Großvenediger. Zu 15 bis 20 Einsätzen im Jahr wird die Mannschaft alarmiert. Das Einsatzspektrum ist vielfältig und reicht von Spaltenstürzen und Lawinenabgängen bis hin zu teils aufwändigen Sucheinsätzen.
Gerade in den weitläufigen Tauerntälern können sich Einsätze sehr anspruchsvoll gestalten. Der Mobilfunkempfang endet vielfach schon weit vor den hintersten Talbereichen, und selbst GPS-Geräte stoßen dort immer wieder an ihre Grenzen. Hinzu kommen nicht selten schwierige Wetterverhältnisse. „Oft werden wir alarmiert, wenn kein Flugwetter herrscht und die Wetterbedingungen schwierig sind.“

Aktuell zählt die Ortsstelle Neukirchen 30 Aktive, darunter drei Frauen. Zu ihnen gehört auch Bergrettungsärztin Dr. Daniela Bogensperger-Breuer. Nachwuchsprobleme kennt die Ortsstelle nicht, ständig befinden sich einige Bergretter in Ausbildung. „Eine fundierte Ausbildung ist enorm wichtig. Jeden Monat findet ein fixer Schulungsabend statt, hinzu kommen jährlich zwei bis drei größere Übungen“, erzählt der Ortsstellenleiter.
Zur Mannschaft der Ortsstelle Neukirchen gehören unter anderem Bergführer, Bergführerausbilder, Polizeibergführer, Bergrettungsausbilder, Hundeführer und Notfallsanitäter. Zuletzt trainierten die Oberpinzgauer Bergretter gemeinsam mit dem Bundesheer am neuen Klettersteig Friedburg. Für Alexander Bräuer ist es nicht nur entscheidend, Menschen in Bergnot möglichst rasch und professionell helfen zu können. Als Ortsstellenleiter trägt er auch Verantwortung für sein eigenes Team. „Ich sehe es als eine meiner wichtigsten Aufgaben, dass alle Kameraden, egal, ob bei einem Einsatz oder einer Übung, immer wieder gesund zu ihren Familien und Freunden heimkommen.“

Belastende Einsätze aufarbeiten
Neben den körperlichen Anforderungen können Bergrettungseinsätze auch psychisch belastend sein. Denn: Nicht jeder Einsatz geht gut aus. Eine wichtige Rolle spielen dabei jene Mitglieder, die über eine sogenannte PEER-Ausbildung verfügen und ihre Kameradinnen und Kameraden nach besonders fordernden Erlebnissen unterstützen. „Die Nachbesprechungen in der Gruppe sowie die Einzelgespräche mit den Kameraden sind extrem wichtig – besondere Geschehnisse müssen richtig aufgearbeitet werden.“
Eine weitere wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Einsätze ist die Zusammenarbeit über die eigene Ortsstelle hinaus. Besonders eng ist der Kontakt etwa zu den Bergrettungs-Ortsstellen in Krimml, Mittersill und Kitzbühel sowie auf der Südseite des Alpenhauptkammes zu den Ortsstellen Prägraten am Großvenediger, Matrei in Osttirol und Kals am Großglockner. Hinzu kommen je nach Anforderung auch Polizei, Rotes Kreuz oder das Bundesheer.
Ortsstellenleiter Alexander Bräuer: „Auf viele Menschen üben die
Berge eine unglaubliche Faszination aus. Sie dienen der sportlichen
Betätigung genauso wie der Entschleunigung. Eine gute Planung,
die richtige Ausrüstung und Respekt vor der Natur sind dabei aber
unerlässlich!“
Kameradschaft und Zusammenhalt
Neben der Kooperation mit anderen Ortsstellen und Organisationen spielt für Alexander Bräuer insbesondere Kameradschaft innerhalb der eigenen Mannschaft eine wichtige Rolle. „Wir müssen uns am Berg aufeinander verlassen können. Zum Zusammenhalt tragen auch gemeinsame Unternehmungen und jährliche Ausflüge bei. Sie gehören für mich ebenso zum Bergrettungsjahr wie Einsätze, Schulungen und Übungen“, betont der erfahrene Bergführer und Bergretter abschließend.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Bergrettung Neukirchen, Bräuer




