Neues Buch als kulturelles Gedächtnis: Toblachs Bauernhöfe erzählen Geschichte
Autor Elmar Rainer hat für das „Toblacher Höfebuch“, dritter Band der Reihe „in vico Duplago – Toblacher Ortsgeschichte“ über zehn Jahre hinweg Archive durchforstet, Quellen gesichtet
und Hofgeschichten rekonstruiert.
Toblach im Hochpustertal ist heute vor allem als Tourismusort bekannt. Doch bevor ab den 1870er-Jahren Gäste aus aller Welt die Schönheit der Dolomiten entdeckten, war das Leben hier über Jahrhunderte von der bäuerlichen Kultur geprägt. Das neue Toblacher Höfebuch rückt diese Vergangenheit ins Zentrum und zeigt, wie eng Geschichte, Landschaft und Menschen miteinander verwoben sind.
Autor Elmar Rainer, Mag., BA: geboren am 23. Juli 1980 in Innichen, Studium der Geschichte und Archäologie an der Universität Innsbruck, Diplom für Archivkunde, Paläographie und Diplomatik (Italien), seit 2019 freiberuflicher Historiker. Schwerpunkte: Familien- und Besitzgeschichte, Genealogien, Haus- und Hofgeschichten, Transkriptionen historischer Dokumente, Archivwesen in Tirol und Südtirol. Betreuung des Gemeindearchivs Toblach und Archivrecherchen im Auftrag. Foto: Photoatelier Kromar/Innichen
Ein Werk von außergewöhnlichem Umfang
Der Band umfasst 910 Seiten und ist reich bebildert. Kernstück sind die Porträts von 166 historischen Höfen, ergänzt durch Kurzbeschreibungen von 55 weiteren Häusern und ein Kapitel über längst verschwundene Hofstellen. Eine Höfekarte ermöglicht die Lokalisierung und Altersbestimmung der Höfe und macht die Siedlungsentwicklung sichtbar. Damit füllt das Buch eine Lücke in der Lokalgeschichte, die bislang nur fragmentarisch dokumentiert war.

Historische Einführung: Wasser als Segen und Gefahr
Einleitend führt das Buch in die Geschichte Toblachs ein. Besonders eindrücklich ist die Darstellung der Rolle des Wassers: Einerseits brachte es wirtschaftlichen Nutzen durch eine reiche Mühlenlandschaft, andererseits verursachte es wiederkehrende Überschwemmungen und zerstörte ganze Siedlungen wie das Dorf Alt-Wahlen.
Baugeschichte und Höfekarte
Ein weiteres Kapitel widmet sich der Bau- und Siedlungsgeschichte. Die flächendeckende Aufnahme des Höfebestandes erlaubt eine präzise zeitliche Einordnung und zeigt die Entwicklung der Siedlungslandschaft. Die eigens erstellte Höfekarte ist nicht nur ein wissenschaftliches Instrument, sondern auch ein visuelles Hilfsmittel für Leserinnen und Leser, die die Höfe heute aufsuchen möchten.
Auf der Karte links unten das um die St. Nikolaus-Kirche neu entstandene Dorf Wahlen, rechts entlang des Silvesterbachen die um diese Zeit (ab 1859) noch verzeichneten Gebäude des nach 1823 aufgegebenen Alt-Wahlen: Foto: Autonome Provinz Bozen/Abteilung Grundbuch
Die Hofporträts – Geschichten bis ins Mittelalter zurück
Der Hauptteil des Buches besteht aus den Hofporträts. Jedes folgt einem klaren Aufbau: Steckbrief mit Lage, Meereshöhe, Hof- und Vulgonamen, rechtlichem Status, historischen Beschreibungen und Bildern. Ergänzt wird dies durch Tabellen der Besitzerfolgen, die oft bis ins 17. Jahrhundert – vereinzelt sogar bis um 1300 – zurückreichen. Abgerundet wird jedes Porträt durch einen Fließtext, der die Hofgeschichte erzählt – eine Chronik von Besitz wechseln, Bauentwicklungen und Namensherkünften. „Entscheidendes Kriterium für die Aufnahme in die Liste der 166 Höfe war deren Status als geschlossener Hof“, betont der Autor. Damit sind jene Höfe gemeint, die bei der Grundbuchanlegung um 1908 (Toblach) bzw. 1912 (Wahlen) als geschlossene Höfe geführt wurden oder später diesen Status erhielten und bis heute bewirtschaftet werden.
Der Schluderbach-Hof in Alt-Schluderbach 2018. Foto: Bauforschung-tirol (B. Lanz & S. Mitterer)
Spurensuche in Archiven
Die Erstellung des Höfebuchs war eine akribische Arbeit. Rainer und sein Team durchforsteten Grundbücher, Verfachbücher, Steuerkataster, Transportbücher und Urbare. Besonders wertvoll waren die Pfarrmatriken im Toblacher Pfarrarchiv, die Tauf-, Trauungs- und Sterbedaten lieferten. „Von Bedeutung waren aber auch das Toblacher Gemeindearchiv, die Pfarrarchive von Niederdorf und Sillian, das Stiftsarchiv Innichen, das Stadtarchiv Bruneck, das Staatsarchiv Bozen, die Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum und nicht zuletzt auch die Privatarchive vieler Toblacher Bürgerinnen und Bürger, die zusätzliches Quellenmaterial zur Verfügung stellten“, erklärt Rainer. „Aus der Fülle an Material musste eine Auswahl getroffen werden, um eine sachliche und nicht wertende Darstellung zu gewährleisten.“
Ein kulturelles Gedächtnis
Das Höfebuch ist mehr als ein Nachschlagewerk. Es ist ein kulturelles Gedächtnis, das die bäuerliche Vergangenheit Toblachs bewahrt und sichtbar macht. Es zeigt, wie eng die Geschichte der Höfe mit der Entwicklung des Ortes verbunden ist und wie sich Lebenswelten über Jahrhunderte veränderten. Die Auftraggeber waren der Südtiroler Bauernbund und der Heimatpflegeverein Toblach mit den Herausgebern Peter Kristler und Agnes Mittich Steinwandter.
Blick von Norden auf das Toblacher Oberdorf (vor dem ersten Weltkrieg). Foto: Privatarchiv H. Daverda Mittich „Unteregarter/Unterelsler“
„Der Anspruch, ein möglichst vollständiges Bild der historischen Toblacher Höfelandschaft zu zeichnen, gepaart mit dem Glück einer überaus reichen Quellenlage und nicht zuletzt dem Willen von Seiten der Auftraggeber, einen finanziellen, organisatorischen und zeitlichen Mehraufwand in Kauf zu nehmen, ermöglichte es erst, das Toblacher Höfebuch in diesem Umfang zu realisieren – ein lobenswerter Umstand, der heute nicht mehr selbstverständlich ist“, fasst der Autor zusammen.
Bedeutung für die Gegenwart
Das Werk ist nicht nur für Historikerinnen und Historiker von Interesse. Es richtet sich auch an die Bevölkerung Toblachs, die ihre Wurzeln besser verstehen möchte, und an Gäste, die den Ort nicht nur als touristisches Ziel, sondern auch als gewachsene Kulturlandschaft erleben wollen. Die Hofgeschichten machen deutlich, dass hinter jedem Gebäude eine Geschichte steckt – von Menschen, Familien und Schicksalen, die den Ort geprägt haben.
Text: Raimund Mühlburger


