Die Krippen von Sexten: Ein besonderer Kulturschatz im Hochpustertal

Eine der schönsten Krippenausstellungen Südtirols kann man im Hotel Mondschein in Sexten bestaunen. Die Sammlung der Familie Stabinger erzählt von Leidenschaft für alte Handwerkskunst und von jahrzehntelanger Pflege.

Eigentlich sollte der junge Anton Stabinger (geb. 1867) seinem Vater beim Brotbacken helfen – doch er hatte eine andere Leidenschaft für sich entdeckt: den Krippenbau. Wenn er nicht in der Bäckerei anzutreffen war, bastelte und tüftelte der Sextner in jeder freien Minute an seinen Krippen. Diese frühe Begeisterung sollte sein Leben prägen. 1906 brach Anton zu einer Pilgerreise ins Heilige Land auf – eine mutige Unternehmung für die damalige Zeit. Viele Tage war er unterwegs, kehrte ins Hochpustertal mit Skizzen der heiligen Stätten und einem Kopf voller Ideen zurück.

 

 

In seiner Werkstatt begann er, die Eindrücke umzusetzen: orientalische Panoramakrippen, detailreich und originalgetreu. Die erste von Anton Stabinger geschaffene Weihnachtskrippe wurde im Ersten Weltkrieg zerstört, doch der Bäcker und Gastwirt ließ sich nicht entmutigen. Ab 1918 begann er mit der Arbeit an einer neuen, möglichst naturgetreuen Weihnachtskrippe von beeindruckender Größe (4 x 2 Meter). Den Hintergrund gestaltete der Innichner Maler Kurz als Ölgemälde direkt auf die Mauer, während die Figuren aus Zirbenholz von den bekannten Nordtiroler Schnitzern Seisl, Speckbacher, Gwercher und Spiegl nach Stabingers Vorstellungen gefertigt wurden. Seisl hatte Anton bereits auf seiner Pilgerreise ins Heilige Land kennengelernt.

 

 

Die große Weihnachtskrippe – auch bekannt als Stabinger-Krippe – wurde 1922 erstmals ausgestellt. Zwischen 1926 und 1929 widmete sich Anton einem weiteren Großprojekt: der Fasten- bzw. Osterkrippe (5 x 2 Meter). Den Hintergrund schuf der renommierte Ahrntaler Kirchenmaler Johann Baptist Oberkofler, die rund 320 Figuren stammen vom bekannten Sextner „Herrgottschnitzer“ Josef Tschurtschenthaler. Im Jahr 1929 wurde diese Osterkrippe erstmals öffentlich ausgestellt.

 

 

Nach Antons Tod 1942 geriet die Sammlung zunächst in Vergessenheit. Die wertvollen Krippen lagerten über Jahrzehnte im Keller. Erst Enkel Anton Stabinger jun. (geb. 1927) nahm sich in den 1970er-Jahren der Aufgabe an, das Werk seines Großvaters wieder sichtbar zu machen. Er baute den Gasthof zu einem Hotel um und begann, die Krippen zu restaurieren. Von 1997 bis 1998 richtete er einen Ausstellungsraum im Keller des Hotels Mondschein ein.

 

 

„Mein Großvater baute zwei Krippenberge, um die Vielfalt der Sammlung zeigen zu können. Früher wurden bis zu 900 Figuren zwischen Weihnachten und Lichtmess neunmal gewechselt“, erzählt Roland Stabinger, der heute gemeinsam mit seiner Frau Karin das Hotel Mondschein führt und damit auch die Krippenausstellung betreut. „Da die originalen Hintergründe der Weihnachts- und Osterkrippe im 1. Stock des Gasthauses auf die Mauer gemalt waren, mussten neue geschaffen werden. Diese Hintergründe malte Herbert Begher aus Heinfels.“ Am 13. Dezember 1998 wurde die Krippenausstellung im Hotel Mondschein schließlich offiziell eröffnet.

 

 

Die Sammlung umfasst vier prachtvolle Panoramakrippen mit klassisch-orientalischem Charakter sowie verschiedene Tiroler Krippen von Sextner Krippenbauern. Die Panoramakrippen sind etwa vier bis fünf Meter breit und rund zwei Meter hoch. Über tausend Figuren bevölkern die Krippen: Hirten und Könige, Handwerker und Tiere, ganze Gruppen in Bewegung. Die orientalischen Panoramen entführen in die Landschaften des Heiligen Landes, die Tiroler Krippen holen die Weihnachtserzählung ins alpine Umfeld. Dass die Krippen heute in ihrer vollen Schönheit erstrahlen, ist dem Einsatz von Anton Stabinger junior zu verdanken. In mühevoller Kleinarbeit hat er die Krippen restauriert und ergänzt.

 

 

Heute führen Karin und Roland Stabinger das Erbe mit großer Verantwortung weiter – und geben die Freude an diesem kulturellen Schatz an die nächste Generation weiter. „Besonders berührt uns, dass auch unser Sohn Maximilian großes Interesse zeigt. Er hat sich oft mit viel Begeisterung mit seinem Urgroßvater, der 2020 verstarb, über die Krippen und die lange Geschichte der Ausstellung ausgetauscht“, freuen sich Karin und Roland Stabinger.

 

 

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Stabinger, Toni Ausserlechner

22. Dezember 2025 um