Die „Höllensöhne Innichen“ und der archaische Brauch des „Toiflgians“
Wenn Anfang Dezember die Winterkälte durch die Gassen der Südtiroler Marktgemeinde Innichen zieht, sind sie nicht weit: die Krampusse. Mit geschnitzten Larven, Glocken, Ketten und Ruten ziehen sie durch ihr Dorf.
Die „Höllensöhne Innichen“ halten seit über zwei Jahrzehnten das Brauchtum des „Toiflgians“ in ihrer Heimatgemeinde hoch. Gegründet wurde der Verein an einem Krampustag. Am 5. Dezember 2001 entschloss sich eine Handvoll junger Burschen, in Innichen eine Krampusgruppe ins Leben zu rufen. „Wir waren damals noch junge Burschen und alle begeisterte Krampusse seit Kindestagen. Mit der Vereinsgründung wollten und wollen wir die Tradition des Toiflgians erhalten und sie an die nächsten Generationen weitergeben“, erzählt Gerd Niederwolfsgruber, eines der Gründungsmitglieder und aktueller Obmann des Vereins.
v.l.n.r.: Emanuel Nocker, Gerd Niederwolfsgruber und Tim Rainer
Die Krampusgruppe zählt heute 14 Mitglieder. „Ob Feuerwehrkommandant oder Kulturassessor – viele unserer Mitglieder engagieren sich auch in anderen Vereinen. So entsteht ein lebendiges Netzwerk, das weit über das Krampuslaufen hinausreicht.“ Mitglieder der Krampusgruppe sind etwa auch bei der Theaterwerkstatt, der Musikkapelle, bei der Feuerwehr oder dem Fußballverein aktiv. „Auch deshalb wird unser Verein von der ganzen Dorfgemeinschaft getragen“, ist der Obmann überzeugt.

Die enge Verbindung zu anderen Vereinen zeigt sich auch bei den jährlichen Hausbesuchen der Theaterwerkstatt Innichen am 5. Dezember. Gemeinsam mit dem Nikolaus, den Engelen und Knecht Ruprecht ziehen zwei Krampusse von Tür zu Tür. Und wenn sie in die warmen Stuben eingelassen werden, sorgen sie für leuchtende Augen und ehrfürchtiges Staunen – vor allem bei den Kindern.

Am 6. Dezember folgt der große Nikolausumzug, organisiert vom Tourismusverein. Er führt durch die Fußgängerzone bis zum Pavillon und begeistert jedes Jahr hunderte Zuschauer. „Die Krampusse sind eigentlich die Begleiter des Nikolaus und sorgen für Ordnung. Das war schon immer so – und wir führen dies auch weiter“, erklärt Emanuel Nocker, ebenfalls Gründungsmitglied des Vereins.

Neben den „Heimspielen“ in Innichen nehmen die „Höllensöhne“ regelmäßig an Krampusläufen im ganzen Land teil – etwa im Nachbardorf Toblach, wo alljährlich einer der ältesten Umzüge Südtirols über die Bühne geht. „Mittlerweile gibt es solche Veranstaltungen in fast jeder Ortschaft. Bei uns in Innichen bleibt es der traditionelle Nikolausumzug“, sagt Emanuel.

Ein besonderer Stolz der Gruppe ist Tim Rainer – gelernter Tischler und Larvenschnitzer aus den eigenen Reihen. „Mein Vater hat schon immer geschnitzt. Irgendwann habe ich auch damit begonnen“, erzählt der Innichner. Seine Masken sind Unikate, gefertigt aus Zirbenholz und versehen mit echten Hörnern – etwa von Gamsbock, Widder oder Kühen. „Mir ist wichtig, dass es echte, traditionelle Larven sind, so wie sie die Toifl bei uns seit jeher getragen haben. Keine Fantasiegestalten, keine modernen Filmfiguren, wie man sie heute oft sieht.“
Wie seit jeher ist es auch im Hochpustertal üblich, Krampuslarven untereinander auszuleihen – heute kommen viele aus Tim Rainers Werkstatt. Der typische Toifl in Innichen trägt eine Larve, einen Pelz, kleine Kuhglocken oder Ross-Schellen, Ketten und eine Rute. Die Leidenschaft für das Krampuslaufen beginnt früh: Auch Gerd Niederwolfsgrubers Söhne, acht und zwölf Jahre alt, laufen schon mit großer Begeisterung mit.

Die „Höllensöhne” sind nicht nur bei Umzügen präsent, sondern auch bei Maskenausstellungen, in Hotels, Gasthäusern und sogar im Acquafun, wo sie zur Krampuszeit schon in der Sauna zu Gast waren. „Es ist für uns eine Ehre und Freude, die Tradition des Toiflgians jedes Jahr Anfang Dezember wieder aufleben zu lassen und sie so auch für die nächsten Generationen zu erhalten. Für uns ist es weit mehr als ein Brauch – es ist Teil unserer Identität“, betonen die drei begeisterten Krampusse abschließend.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger





