Erfolg trotz Technik-Pech für Team Niedertscheider
Technikprobleme, aber Team-Triumph: So könnte das Résumé des ersten 24-Stunden-Rennens für das Osttiroler Team Niedertscheider Motorsport beim 24-Stunden-Rennen lauten.
Mit dem 24-Stunden-Rennen in Dubai ging von Freitag, 9.1., bis Samstag, 10.1. das erste Langstreckenrennen des neuen Jahres in Dubai über die Bühne. Zur 10. Auflage des legendären Sportwagenbewerbes im Mittleren Osten fanden sich 89 Autos am Start der rund 5,3 Kilometer langen Rennstrecke ein. Für das Osttiroler Team Niedertscheider Motorsport – wir berichteten – war die hohe Schule des Motorsports die bislang größte Herausforderung. Martin Niedertscheider und seine Mannschaft mussten zweimal rund um die Uhr Topleistungen erbringen, mit extremen Belastungen für Körper, Seele und Budget. Neben dem Teamchef teilten sich Lukas Niedertscheider, Georg Steffny, Michael Fischer und der Italiener Marco Maranelli die Arbeit hinter dem Lenkrad. Gewechselt wurde alle eineinhalb Stunden. Lukas Niedertscheider kam dabei natürlich seine motorsportliche Erfahrung im Suzuki Cup Europe zugute. Auf ihr Können und ihre Erfahrungen konnten aber auch George Steffny (zweimaliger Meister der BMW 325 Challenge), Michael Fischer (24h-Erfahrung, „Racing Rookie“ der 1600ccm-Champion in der Austrian Rallye Challenge 2014) und Marco Maranelli (GT-Erfahrung bis hin zum Ferrari) zurückgreifen. Maranelli kannte zudem auch das Rennfahrzeug des Niedertscheider-Teams gut: Den britischen Sportwagen vom Typ Ginetta G50 mit 340 PS. Das Exemplar aus Lienz hört übrigens auf den Kosenamen „Gina“.
Das Rennwochenende in Dubai wurde für die Motorsportbegeisterten rund um Martin Niedertscheider zur Geschichte in zwei Teilen: Die Trainings verliefen problemlos, ohne Rücksicht auf die Startposition konzentrierte man sich vor allem auf die Rennvorbereitung. Und so spielte sich das Langstreckenrennen für das Team Niedertscheider ab. Hier der Tagebuch-Bericht im Originalton:
Um 14.10 Uhr füllte sich der gesamte Bereich des Dubai Autodromes mit dem Donnergrollen der fast 40.000 PS der 89 Autos, die gerade von der zweiten Aufwärmrunde auf die Start-Ziel-Linie abbogen und auf die umspringende Ampel lauerten. Das 24-Stunden-Rennen von Dubai war gestartet und mittendrin auf Platz 59 das Team Niedertscheider. Martin Niedertscheider fuhr den Startstint und musste sich im hinteren Mittelfeld durch den Startpulk kämpfen. In der Startphase verlor Martin einige Plätze und nach nicht einmal zwei Rennminuten wurde der erste „Code-60” (maximales Tempolimit auf der gesamten Strecke nur mehr 60 km/h) verursacht. Martin bewies Nerven aus Stahl und gewann in seinem Stint Position um Position zurück.
Die ersten zehn Stunden des Rennens verliefen problemlos und es herrschte optimistische Zurückhaltung in Anbetracht der zeitweisen Führung in der Klassenwertung. Niemand traute sich die gute Position laut auszusprechen, so groß war die Anspannung im Team. Insgesamt bewegte man sich innerhalb der Top 30. Klingende Namen wie Nova Race und Speedworks Motorsport mussten sich hinten anstellen und auch die Polesetter Optimum Motorsport konnten dem Marsch der Osttiroler Truppe zeitweise nichts entgegensetzen. Für mehrere Stunden wurde dann der zweite Klassenrang gehalten und die Spannung in der heimischen Box stieg ins Unermessliche. Doch dann aus heiterem Himmel das erste Pech: Bei Georg Steffny’s Nacht-Stint kam es zu einem Differentialschaden, „Gina“ musste an die Box, was dem Team gut zwei Stunden Fahrzeit kostete.
Ein starkes Schlagen am Lenkrad zwang Marco Maranelli gegen 3.00 Uhr zu einem Boxenstopp, bei dem die Bremsscheiben getauscht wurden. Doch das „Unglück“ nahm auch dann seinen Lauf: Marco meldete plötzlich angespannt am Funk: „Its black, the track is black. I have no lights!” Die Kabelverbindung zu den Lichtern war beschädigt und es wurde stockfinster für den Italiener, welcher sofort an die Box lenkte. Um den defekten Kabelstrang zu tauschen, wurde Lukas mit der Tagmotorhaube auf die Strecke geschickt. Diese besitzt keine Lichter und so musste er mit den Hilfsscheinwerfern der Stoßstange auskommen. Trotz der miserablen Sichtverhältnisse konnte er in diesem Stint die schnellste Runde des Teams fahren, eine 2:14.8. Daraufhin musste Martin seinen Sohn etwas einbremsen, welcher prompt langsamer fuhr, um Spritverbrauch und Reifenverschleiß zu optimieren. Im anschließenden Stint von Michael Fischer dann der nächste Technikdefekt: Eine starke Rauchentwicklung im Innenraum zwang Michael an die Box. Martin befürchtete Übles. Die Mechaniker stellten einen weiteren Differentialschaden fest. Üblicherweise gibt ein Team an dieser Stelle auf, doch das Wort „aufgeben“ findet sich nicht im Tiroler Wortschatz. Man schraubte unermüdlich und voller Pathos weiter. Die Rennmechaniker suchten ihre letzten Kräfte zusammen und arbeiteten hart, um das Weiterfahren zu ermöglichen.
Um 14.02 Uhr Ortszeit überquerte Georg Steffny kurz nach dem Siegerauto auf dem 78. Gesamtplatz bzw. am 7. Klassenrang die Ziellinie. Das Team erwartete ihn schon sehnsüchtig auf dem Zaun der Boxenmauer, wo man den Emotionen freien Lauf ließ. Einige Teammitglieder brachen in Freudentränen aus und jeder lag sich in den Armen. An dieser Stelle konnte man von einem großartigen Erfolg für Niedertscheider-Motorsport sprechen: der Ankunft im Ziel beim ersten Antreten bei dem Langstreckenrennen in Dubai.
Die unerwartet gute Position und die bis fast zur Hälfte des Rennens perfekte Konstanz sowie die Rennstrategie waren der ausschlaggebende Grund für das große Interesse am Osttiroler Team. Mehrere Fernsehminuten, Großaufnahmen und spannende Duelle auf der Strecke – das Niedertscheider Motorsport Team konnte sich in den Medien von seiner besten Seite präsentieren.
Hier einige Team-Stimmen zum Rennen: Lukas Niedertscheider: „Ich war ganz benommen vom Adrenalin. Wenn man nach zwei Stunden aus dem Auto aussteigt, ist man körperlich ziemlich fertig. Allerdings kommt es auch auf die Intensität der Stints an. Ich bin echt um mein Leben gefahren!” Georg Steffny: „Es war auf jeden Fall eine tolle Erfahrung, alle waren von der Performance des Autos und der Fahrer positiv überrascht. Das Paket hat von Anfang an gestimmt. Es war mit Sicherheit nicht mein letztes 24-Stunden-Rennen!” Michael Fischer: „Mein Résumé fällt kurz aus: Manchmal hat man das Glück nicht auf seiner Seite. Die Mechaniker haben meine Hochachtung, ich hätte den Hut draufgehaut. Trotzdem: Mit der Lederhosn in Dubai, es war ein wahnsinnig tolles Erlebnis!” Das letzte Wort gehört Teamchef Martin Niederscheider: „Trotz des Materialpechs bin ich mit der Teamleistung enorm zufrieden. Die ganze Mannschaft hat reibungslos zusammengearbeitet und sich keine Fehler geleistet. Der Zusammenhalt war unglaublich, das hat alle noch mehr motiviert. Für unser erstes 24-Stunden-Rennen haben wir unser Ziel erreicht – wir konnten das Auto ins Ziel bringen. Darüber bin ich überglücklich. Der Abschluss des Projektes Dubai wird uns noch sehr lange in Erinnerung bleiben.”
Hier die Ergebnisliste des 24-Stunden-Rennens in Dubai
Text: J. Hilgartner/Fabian Bonora, Fotos: Team Motorsport Niedertscheider



