Tirol Shan – Kalser gelang Erstbesteigung in China

Vittorio Messini aus Kals schaffte mit seinen beiden Südtiroler Bergführer-Kollegen Simon Gietl und Daniel Tavernini die Erstbesteigung eines Fünftausenders im östlichen Himalaya.

Simon Gietl aus St. Johann im Ahrntal, Daniel Tavernini aus dem Vinschgau und Vittorio Messini aus Kals am Großglockner – alle drei sind sie leidenschaftliche Bergsteiger und Eiskletterer, und alle drei sind auch ausgebildete Bergführer. Mit der Erstbesteigung einer 5.860 Meter hohen Granitnadel im westlichen Himalaya ist den drei Alpinisten am 26. Oktober 2014 ein ganz besonderer Clou gelungen. Ausgegangen ist die Expedition von Simon Gietl – er gehört mit seinen 30 Jahren zu den bekanntesten Südtiroler Alpinisten der Gegenwart. Als er im Sommer 2013 mit dem Exped Kader des Deutschen Alpenvereins in den Dolomiten unterwegs war, erzählte ihm der Teamleiter von seiner Expedition im Minya Konka Massiv in der chinesischen Provinz Sichuan. Gietl wollte auch unbedingt in diese eher unbekannte Berggegend mit 5.000 bis 7.000 Meter hohen Bergen östlich von Tibet und konnte Vittorio Messini und Daniel Tavernini für eine Expedition begeistern.

Simon Gietl (im Vordergrund) auf der Sharte des Tirol Shan. Im Hintergrund der Gipfel der 5.860 Meter hohen Granitnadel

Simon Gietl (im Vordergrund) auf der Scharte des Tirol Shan. Im Hintergrund der Gipfel der 5.860 Meter hohen Granitnadel

Am 6. Oktober 2014 standen die drei Alpinisten dann mit Sack und Pack am Münchner Flughafen. Zunächst ging es in die chinesische Stadt Chengdu und weiter in das Landesinnere nach Kiangding. „Mit Hilfe von 14 Eseln brachten wir das Material ins Basislager auf 4.000 Metern Höhe. Dort schlugen wir gemeinsam mit dem Koch Zuong und dem Offizier Alex die Zelte auf“, erzählt uns Vittorio Messini. Der über dem Tal thronende, pyramidenförmige „Little Konka“ stach den Alpinisten sofort ins Auge. Diesen Berg wollten sie unbedingt zuerst besteigen. Nach krankheitsbedingten Ruhetagen und Akklimatisationsphasen standen sie einige Tage später auf dem
5.928 hohen Gipfel. Nächstes Ziel war die Erstbebegehung der „Stiffler’s Mum“-Westwand. Schon 2010 waren Franzosen nach acht Seillängen an dieser 800 Meter hohen Wand gescheitert. Auch die drei Tiroler mussten wegen des Wetters wieder umdrehen. Aber sie hatten sofort wieder ein neues Ziel – einen bisher unbestiegenen Berg zwischen „Stiffler’s Mum“ und „Melcyr Shan“ .

Der von den drei Tiroler Bergführern erstbestiegene Gipfel im östlichen Himalaya trägt nun hochoffiziell den Namen Tirol Shan.

Der von den drei Tiroler Bergführern erstbestiegene Gipfel im östlichen Himalaya trägt nun hochoffiziell den Namen Tirol Shan.

Am gleichen Tag wurde noch bis zum Einstieg gespurt und die erste Eislänge eingehängt. Die ersten sechs Seillängen der geplanten Linie wurden bereits 2012 vom DAV Exped Kader erstbegangen. Am nächsten Tag hieß es wieder früh aufstehen, und nachdem über Nacht der Wind die Spur wieder zugeweht hatte, musste Simon bis zum Einstieg wieder alles neu spuren. Vittorio hatte nun die Aufgabe, die unteren steilen Eislängen zu klettern. „Die steilste Linie war ziemlich dünn und klang hohl. Ich konnte sie aber durch ein paar Cams auf der Seite im Fels entschärfen“, so Vittorio Messini. Bei Sonnenaufgang übernahm Simon Gietl wieder die Führung. Es ging über 50 bis 60 Grad steiles Schnee-Eis-Gelände auf eine ausgesetzte Scharte.

Im Hochlage des Little Konka schlugen die drei Alpinisten ihre Zelte auf.

Im Hochlager des Little Konka

„Auf den letzten 40 Metern hatten wir noch einmal richtig gute Bedingungen – Sonne, kein Wind und richtig schöner Granit. Und vor uns der noch unbestiegene Gipfel. Daniel war nun an der Reihe und stieg souverän die Länge (6-) vor – übrigens an seinem Geburtstag“, erzählt uns der Kalser Bergführer vom Finale dieser Erstbesteigung. Auf den letzten zehn Metern packte Simon Gietl auf einer ausgesetzten Kante noch einmal kräftig an, und die drei Tiroler standen erstmals auf dieser 5.860 Meter hohen Granitnadel. „Tirol Shan“ – also Tiroler Spitze – wurde der Berg von den drei Alpinisten getauft. Shan ist das chinesische Wort für Bergspitze. „Tirol Shan heißt dieser Berg nun auch offiziell. Die Erstbesteiger dürfen dem jeweiligen Gipfel nämlich einen Namen geben. Die Bezeichnung Tirol Shan wurde auch von der Mountaineering Association Sichuan in die Register eingetragen“, freut sich der Kalser Bergführer. Die Mountaineering Association ist vergleichbar mit dem Alpenverein bei uns. Die Organisation vergibt die Permits und organisiert alles rund um die Expeditionen – Hotel, Taxi bis zur letzten Ortschaft, Esel, Köche und einen Offizier.

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„Wenn man in China über 5.000 Meter Bergsteigen will, benötigt man ein Permit. Je höher man hinauf will, desto mehr muss man ausgeben. Noch mehr kostet eine Erstbesteigung. Aber man hat uns für den Tirol Shan einen günstigen Preis gemacht“, schmunzelt Messini. Der Verbindungs-Offizier muss alles dokumentieren, ist aber auch für die Bergsteiger als „Guide“, der die regionalen Verhältnisse kennt, ein wichtiger Begleiter. „Unser Offizier war eigentlich nur Tour-Guide für Städte. Es hat aber trotzdem alles bestens funktioniert, weil er perfekt Englisch konnte und so für uns alles Wichtige übersetzte. Richtig frei bewegen kann man sich, sobald man im Base Camp angekommen ist. Die einzige Einschränkung waren für uns dann nur mehr die traumhaften Gipfel, für die wir kein Permit hatten. Mit wunderschönen Bergerlebnissen und einer erfolgreichen Erstbesteigung im Rucksack reisten wir dann wieder heim nach Europa“, so Vittorio Messini abschließend.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Privat

29. November 2014 um