Interview mit Harald Oblasser: Wie geht’s unserem Wald, Herr Forstdirektor?
Seit 1. Juli 2025 steht DI Harald Oblasser als Nachfolger von DI Josef Fuchs an der Spitze des Tiroler Forstdienstes. Im Interview erklärt er, wie Waldschutz, Wiederbewaldung und moderne Technologien ineinandergreifen.
Herr Oblasser, Sie sind seit 1. Juli 2025 neuer Forstdirektor des Landes Tirol. Könnten Sie sich kurz vorstellen. Ihr Name klingt stark nach Osttirol – haben Sie hier biografische Wurzeln?
Ich bin seit 2013 beim Land Tirol im Forstdienst beschäftigt. Zunächst war ich in den Bereichen Gutachten und Forstschutz tätig, anschließend für die forstliche Förderung. Vor meiner Bestellung zum Nachfolger von Josef Fuchs war ich Vorstand der Abteilung Waldschutz. Zwischenzeitlich übte ich zudem die Aufgaben als Referent für Forstwesen und Regionen im Kabinett von Bundesminister Norbert Totschnig in Wien aus.
Die Annahme über meine biografischen Wurzeln ist richtig: Meine Eltern kommen aus dem Iseltal, ich selbst bin fest mit Osttirol verbunden. Wenn es die Zeit zulässt, bin ich im gerne zur Ausübung der Jagd oder zur Unterstützung in der Landwirtschaft auf Besuch.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Waldsituation in Tirol, insbesondere im Bezirk Lienz, nach mehreren Jahren mit starkem Borkenkäferbefall und Schadholzrekorden?
Schadensereignisse im Wald fordern die Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer sowie Behörden und Gemeinden zunehmend heraus. In den vergangenen Jahren lag der Anteil an Schadholz am Einschlag für Tirol bei mehr als 70 Prozent, für den Bezirk Lienz noch wesentlich höher. In Osttirol wurde der Wald durch Schadensereignisse größeren Ausmaßes (Sturm und Schneebruch) in drei aufeinanderfolgenden Jahren stark in Mitleidenschaft gezogen.
Trotz größter Bemühungen um eine zeitgerechte Aufarbeitung kam es hier, beginnend mit dem Sommer 2021, zu einer Massenvermehrung des Borkenkäfers. Eine solche Dimension war speziell für den Südalpenraum neu. Über ein Fünftel der Waldfläche in Osttirol wurde stark geschädigt. Im vergangenen Jahr konnten erstmals eine gewisse Entspannung in der Dynamik und erfreulicherweise auch keine weiteren größeren Schadensereignisse im Wald festgestellt werden. Zudem waren die Waldbestände mit ausreichender Feuchtigkeit gut versorgt, was zu einem deutlichen Rückgang des frischen Borkenkäferbefalls führte. Grundsätzlich gilt jedoch: Die Temperaturen im Alpenraum steigen im Vergleich zum globalen Mittel überdurchschnittlich an. In Kombination mit Schadholz und ausgeprägten Trockenperioden wird das zu einer erhöhten Gefährdung durch schädliche Forstinsekten wie den Borkenkäfer führen.

Wie kann die Forstverwaltung die Waldbesitzer bei der Aufarbeitung des Schadholzes und bei der Wiederbewaldung konkret unterstützen?
Die betroffenen Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer konnten, in Abstimmung mit Behörden, Gemeinden und Infrastrukturbetreibern, enorme Mengen an Schadholz bewältigen. Seit dem Windwurf im Herbst 2018 gelang es so, mehr als 4,5 Millionen Festmeter aufzuarbeiten, was in etwa der Nutzungsmenge von insgesamt 23 früheren „Normaljahren“ entspricht. Im Rahmen der forstlichen Förderung unterstützen wir gezielt die Wiederbewaldung und Pflege. Die Gemeindewaldaufseher sowie die Bezirksforstinspektion stehen für die direkte Abstimmung zur Verfügung. Zudem können geförderte Maßnahmen einfach und unbürokratisch über den Verein „Bergwald Osttirol“ abgewickelt werden, was dem kleinstrukturierten Waldbesitz im Bezirk sehr zugutekommt.
Welche Regionen in Osttirol sehen Sie derzeit als besonders gefährdet, was die Schutzwaldstabilität und Naturgefahren betrifft?
Eine klare regionale Abgrenzung ist schwierig, da der Schutzwaldanteil im gesamten Bezirk ein sehr hoher ist. Besonders wichtig sind die Objektschutzwälder, die den direkten Siedlungs- und Wirtschaftsraum betreffen.
Wie kann die Wiederbewaldung in schwer zugänglichen Gebieten – etwa im Defereggental oder im Iseltal – beschleunigt werden?
Vorab möchte ich betonen, dass die Aufforstungsaktivitäten im Bezirk vorbildlich sind. Die jährlichen Pflanzenzahlen sind stark angestiegen, auch die Produktion im Landesforstgarten wurde entsprechend erhöht. Die notwendige Wiederbewaldung kann aufgrund des großen Ausmaßes jedoch nicht alleine nur über Aufforstungen bewerkstelligt werden. Wo es der Standort zulässt, setzen wir verstärkt auch auf die sogenannte „Naturverjüngung“. Es geht also nicht unbedingt um eine weitere Beschleunigung, sondern um die Sicherung der notwendigen Qualität der Forstpflanzen und um die Umsetzung. Für Schutzwaldbereiche sowie für die notwendigen Pflege- und Schutzmaßnahmen stellen wir Förderungs- und Investitionsmittel bereit.

Welche Prioritäten setzen Sie beim Schutzwaldmanagement in Osttirol, bei dem Lawinen, Muren und Erosion eine zentrale Rolle spielen?
Wir bringen die verfügbaren Mittel vor allem im Schutzwald zum Einsatz, wobei Objektschutzwälder – also Wälder, die etwa Siedlungen schützen – prioritär sind. Über sogenannte „Flächenwirtschaftliche Projekte“ setzen wir die notwendigen Maßnahmen gemeinsam mit den Interessenten um. Der Landesforstdienst und die Wildbach- und Lawinenverbauung stehen den Betroffenen und Interessenten bestmöglich für Beratung, Planung und Umsetzung der Maßnahmen zur Verfügung.
Wie kann man sicherstellen, dass Schutzwälder trotz Klimawandel langfristig ihre Funktion erfüllen können?
Der heimische Wald kann durchaus als „kritische Infrastruktur“ bezeichnet werden. Dabei sind intakte Schutzwälder als günstigste und nachhaltigste Option zur Sicherung des Siedlungs-
und Wirtschaftsraumes unverzichtbar. Wir berücksichtigen den Klimawandel schon seit Längerem stärker in der Planung, etwa wenn es um geeignete Baumarten oder um Empfehlungen für die waldbauliche Behandlung geht. Als Beratungs- und Planungsinstrument steht die sogenannte „Waldtypisierung“ für die Waldstandorte Tirols flächendeckend zur Verfügung.
Gibt es neue technische oder forstliche Methoden, die Tirol künftig stärker nutzen sollte?
Digitalisierung, Fernerkundungsmethoden, Laserscanning und Modellierungen stellen eine wichtige Basis für die Waldwirtschaftsplanung der Zukunft dar. Auch der Einsatz von Drohnen ist sinnvoll möglich, beispielsweise für Erkundungen von Wildbächen im Naturgefahrenmanagement oder bei der Erfassung von Wildtierbeständen.
Welche Baumarten haben in Osttirol aus Ihrer Sicht langfristig Zukunft – und von welchen wird man sich verabschieden müssen?
Die Osttiroler Waldbestände werden im Allgemeinen nadelholzdominiert bleiben – mit Fichte und Lärche als Hauptbaumarten. Entscheidend ist jedoch, die geeigneten Baumarten für den jeweiligen Standort zu wählen und auch den Mischwaldanteil zu erhöhen, um langfristig stabile Waldbestände zu forcieren. Dafür bedarf es einer differenzierten Betrachtung auf Basis der Waldtypisierung. In vielen tieferen und mittleren Lagen wird sich der Laubholzanteil wesentlich erhöhen, etwa im Bereich des Lienzer Talbodens. Im Mittelpunkt steht dabei immer eine ausreichende und an den Standort angepasste Vielfalt – teilweise auch mit neuen Baumarten, die von den höheren Temperaturen profitieren. Massiv unter Druck steht die Baumart Esche, die seit mehreren Jahren unter einer eingeschleppten Pilzerkrankung leidet und in den Bestandsanteilen deutlich abnimmt.

Wie verändert der Klimawandel die Höhenverteilung der Baumarten und wie reagiert die Forstverwaltung darauf?
Mit dieser Frage beschäftigen wir uns im Rahmen der Waldtypisierung – also unserem Planungsinstrument für die Waldbestände der Zukunft. Eine sehr hohe Dynamik ist in Seehöhen bis ca. 1.000 Meter gegeben, aber auch in höheren Lagen verändern sich die Konkurrenzverhältnisse zwischen den Baumarten. Hinzu kommen Faktoren wie die großen Schadensflächen, die wiederum die Entwicklung von Lichtbaumarten wie Lärche, Kiefer, Eiche und Pioniergehölzen besonders begünstigen.
Wie kann man die Resilienz der Bergwälder erhöhen, wenn Extremwetterereignisse weiter zunehmen?
Schlüsselfaktoren aus unserer Sicht sind eine gezielte Wiederbewaldung und vor allem eine ausreichende Pflege der Flächen. Dies forcieren wir auch über das forstliche Förderungsprogramm. Zudem gilt: Zu hohe Holzvorräte in alten Beständen sollten vermieden werden, da diese anfälliger gegenüber Störungen und Schädlingen sind. Zudem muss der Wildeinfluss auf einem akzeptablen Niveau gehalten werden, damit sich die Jungbestände entsprechend entwickeln können. Dies bringt auch sehr hohe Anforderungen an die Jägerschaft mit sich. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen: Die Zusammenarbeit zwischen Forst- und Jagdakteuren im Bezirk ist vorbildlich!
Welche Rolle spielt die Almwirtschaft für den Zustand des Schutzwaldes – und wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
Die Almwirtschaft ist ein ganz wesentlicher Faktor in unserer Kulturlandschaft. Eine Herausforderung sind die vielen Schadensflächen, bis die Verjüngung auf diesen Flächen wieder entsprechend gesichert ist. Diese Flächen sind in Sachen „Waldweide“ vorübergehend zu schonen. In Einzelfällen können sogenannte Wald-Weidetrennungen eine sinnvolle Option sein.
Wie könnte Ihrer Einschätzung nach der Tiroler Wald im Jahr 2050 aussehen – und welche Weichen müssen dafür heute schon gestellt werden?
Die Anpassung der Wälder an den Klimawandel ist ein Generationenprojekt mit einem Zeithorizont weit über das Jahr 2050 hinaus. Das Waldbild wird sich vor allem in tiefen und mittleren Lagen verändern. Die langfristige Sicherung der Waldfunktionen verstehen wir als Kernauftrag des Landesforstdienstes. Dafür sind Maßnahmen auf mehreren Ebenen notwendig – von der Auswahl von geeigneten Baumarten, einer ausreichenden Waldpflege bis hin zur Abstimmung mit anderen Naturraumnutzern. Neben dem Klima unterliegen nämlich auch gesellschaftliche Entwicklungen einer hohen Dynamik.
Text und Interview: Raimund Mühlburger, Fotos: Land Tirol/Gruppe Forst


