Die „Alpenraute Lienz“ und ihre Bergheimat „Laserz“
Wir nutzten die Gelegenheit des „Ankletterns“ und sprachen mit Obmann Stefan Stern und jungen Bergsteigern über das Bergsteigen im Laserz-Kessel, über Erstbegehungen, die Alpenraute-Hütte und über Kameradschaft im Verein.
Rund um die Alpenraute-Hütte herrschte am Samstag, 22. Juni, reges Treiben: Gut 30 Alpenrautler, Gäste und Freunde hatten sich hier am Morgen, vor dem Aufbruch in den Laserz-Kessel, zu Kaffee und Kuchen eingefunden. Das jährliche „Anklettern“ ist für die Alpenrautler mehr als nur der Start in die Klettersaison, es ist auch ein Symbol für die Kameradschaft und die gemeinsame Leidenschaft für das Bergsteigen. „Der Laserzkessel ist unsere Bergheimat. Viele der Routen wurden von Mitgliedern der Alpenraute Lienz erstbegangen, und unsere jungen Wilden stellen sich hier auch immer wieder neuen Herausforderungen“, erzählt Obmann Stefan Stern.
Stefan Stern leitet seit 2019 die Alpenraute Lienz als Obmann.
Gegründet wurde die Alpine Gesellschaft Alpenraute Lienz im Jahre 1905. Sieben Jahre später durchstieg Rudl Eller den Alpenrautekamin (Kantenköpfl) im Alleingang. Die Westkante am Kantenköpfl, den so genannten „Schinderriss“, begingen Gustl Thaler und Franz Idl erstmals im Jahr 1935. Es folgten Erstbegehungen der direkten Laserz Nordwand (1939 durch Gustl Thaler, Gerald Leinweber), der „Egger-Sauschek“ in der Südwand (1953 durch Toni Egger/Hans Sauschek) und des Nordwandpfeilers in der Laserz Nord-wand (1974 durch Sepp „Blasl“ Mayerl, Hermann Neumair, Franz Rienzner und Leo Baumgartner).

In den letzten vier Jahrzehnten sind folgende Erstbegehungen im Laserzkessel besonders hervorzuheben: der „Che Guevara Crack“ in der Laserz Nordwand (1985 durch Herbert Zambra und Robert Mayr), die „Kulturbanause“ in der Südwestwand (1999 durch Markus Huber und Herbert Zambra) sowie die „Safety Discussion“ in der Südwand (2012 durch David Lama und Peter „Luner“ Ortner).
„Früher wurden nur Routen geklettert, die durch Holzkeile und Schlaghaken abgesichert werden konnten – also vornehmlich Risse und Kamine. Mit der modernen Bohrhaken-Technologie wurden auch glatte Wandfluchten kletterbar. In den vergangenen Jahren haben wir damit begonnen, alte Touren im Laserz zu sanieren. Dabei ist es uns ein großes Anliegen, die Routen möglichst im Urzustand zu erhalten. Wenn es sich um Schlaghaken-Touren handelt, bringen wir – wenn nötig – neue Schlaghaken an und verbessern die Stände“, erzählt Stefan.
Mit seinen imposanten Felswänden und den zahlreichen Kletterrouten bietet der Laserzkessel für Alpinkletterer ideale Bedingungen. „Man findet hier sehr gut abgesicherte Bohrhaken-Touren und leicht zugängliche Plaisir-Routen ebenso wie anspruchsvolle, selbst abzusichernde Klettereien“, so der Obmann.

Die Alpenraute-Hütte auf 1.627 Metern Seehöhe nahe der Dolomitenhütte ist der Stützpunkt des Vereins. Der Beschluss zur Erbauung einer eigenen Unterkunft wurde im Frühjahr 1922 gefasst. „Interessanterweise war als eigentlicher Standort der Weißsteinsattel vorgesehen. Das dafür an die Gemeinde Tristach gestellte Ansuchen wurde jedoch abgelehnt. Man machte sich auf die Suche nach einem Bauplatz auf dem Gebiet der Stadt Lienz und fand diesen am Premstall. Bei der amtlichen Vermessung nach Beendigung des Hüttenbaus stellte sich heraus, dass die Hütte doch auf Tristacher Gemeindegrund liegt. Es hatte sich nämlich ein Mappenfehler eingeschlichen. Die Gemeinde Tristach zeigte sich dieses Mal aber sehr entgegenkommend und überließ der Alpenraute den Grund samt Zugangs- und Wasserbezugsrecht“, blickt der Alpenraute-Obmann zurück.

Der Wunsch, dass die Alpenraute in ihrer unmittelbaren „Bergheimat“ eine Hütte ihr Eigen nennen darf, ging also in Erfüllung. Eingeweiht wurde der Alpenraute-Stützpunkt im September 1923. „Die Hütte kann von unseren Mitgliedern jederzeit genutzt werden. Sie ist der Ausgangspunkt für unsere Sommer- und Winterbergfahrten. In den Sommermonaten werden hier die Pflichtabende abgehalten, und am 25. Dezember findet traditionell die Julfeier statt. Ein unverzichtbarer Stützpunkt ist sie auch beim Laserzlauf, dem Skitourenrennen, das wir seit dem Jahr 1983 veranstalten.“

Stefan Stern zeigt sich besonders stolz darauf, dass junge Bergsteiger frischen Wind und innovative Ideen in den Verein bringen. „Es ist inspirierend zu sehen, wie die Jugend mit neuer Energie an die Sache herangeht, und gleichzeitig an den Traditionen, die unseren Verein ausmachen, interessiert ist.“ Allein vier neue Mitglieder wurden seit Jänner 2024 in den Verein aufgenommen. Mitglied bei der Alpenraute kann man ab dem vollendeten 18. Lebensjahr werden. Für die Aufnahme benötigt man im Anwärterjahr zwei Alpenrautler als Bürgen und eine Zweidrittel-Mehrheit bei der Abstimmung am Ende des Probejahres.

Rene Moritz aus Lienz ist seit 2024 Mitglied im Verein. „Mir liegt vor allem die Kameradschaft am Herzen. Ich tausche mich gerne auch mit unseren Senioren aus – und dabei geht es nicht immer nur um das Bergsteigen. Wir unterstützen uns gegenseitig, egal, ob am Berg oder im Alltag. Die Alpenraute-Hütte ist mein absoluter Lieblingsplatz. Wenn ich hier sitze und die Aussicht ins Laserz genieße, kann ich sehr gut abschalten“, schwärmt der 42-jährige Lienzer.

Der Dölsacher Patrick Steiner wurde in den letzten beiden Jahren „Alpenrautler des Jahres“. Diesen „Titel“ erhält man nicht für besondere alpinistische Leistungen, sondern für herausragendes Engagement im Verein. Zwei Mal im Jahr werden Arbeitstage auf der Hütte organisiert, und man hilft sich unter den Mitgliedern aus, wenn einmal Not am Mann ist. „Ich habe immer schon gerne zugehört, wenn sich Bergsteiger Geschichten von gemeinsamen Touren erzählt haben. Bei der Alpenraute schätze ich vor allem den Zusammenhalt, das gemeinsame Arbeiten für den Verein und den Austausch zwischen Alt und Jung“, so der 31-Jährige, der seit 2018 auch aktiver Bergretter ist.

Patrick Steiner hat auch Florian Reiter, den Bruder seiner Freundin, motiviert, der Alpenraute beizutreten. Nach dem Anwärterjahr ist der 27-Jährige im Juni 2024 in den Bergsteigerverein aufgenommen worden. „Das Klettern und Skitourengehen im Laserz faszinieren mich. Besonders gut gefallen mir bei der Alpenraute auch die Veranstaltungen, wie das Anklettern und der Laserzlauf. Wenn wir auf der Hütte zusammensitzen, werden nicht nur Kletterpläne geschmiedet, sondern auch Freundschaften gepflegt“, betont er.

Die Kameradschaft ist auch für Kevin Liebhart, seit drei Jahren Mitglied bei der Alpenraute, etwas ganz Besonderes. „Bei uns in Osttirol gibt es so viele Möglichkeiten, gemeinsame Berg- und Skitouren zu unternehmen. Die Alpenraute ist ein cooler Bergsteigerverein mit einer über 100-jährigen Geschichte. Ich schätze vor allem auch den Austausch mit den älteren Mitgliedern bei den Pflichtabenden und Veranstaltungen. Die Alpenraute habe ich schon als Kind kennengelernt. Als ich vor drei Jahren nach Lienz zurückkehrte, war es für mich keine Frage, diesem traditionellen Bergsteigerverein beizutreten“, so der 33-Jährige abschließend.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Elias Bachmann











