Spannende Spuren aus der Vergangenheit
Der aus Abfaltersbach stammende Dr. Andreas Rauchegger gewährte uns im Pfarrhaus von Anras einen Einblick in die Welt von Tauf-, Toten- und Traubüchern.
Kirchenbücher – auch Matriken genannt – gelten nicht nur als die wichtigste Quelle für die Familienforschung, sie geben auch Aufschlüsse über die regionale Handwerksgeschichte oder Wanderungsbewegungen. Über Jahrhunderte hinweg wurden wichtige Daten und Fakten – Geburten, Eheschließungen oder Sterbefälle, in den Kirchenbüchern vermerkt. Im Gebiet des heutigen Österreich war es insbesondere die katholische Kirche, die die Verwaltung dieser Aufzeichnungen bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts herauf wahrnahm. Mit Joseph II., dem Sohn Maria Theresias, setzte eine konsequente Unterordnung gesellschaftlicher Angelegenheiten unter die staatliche Verwaltung ein. Dazu bediente man sich in den habsburgischen Ländern erneut der Kirche.
Im Pfarrhaus von Anras erzählte uns Andreas Rauchegger viel Interessantes über seine Projekte, über Osttiroler Museen, über seine Arbeit im Landwirtschaftsmuseum Brunnenburg im Dorf Tirol bei Meran und über Informationen, die in Pfarrmatriken zu finden sind.
Erst seit dem Jahr 1939 ist es in Österreich die Aufgabe der Standesamts- und Staatsbürgerschaftsverbände, Geburten, Todesfälle, Eheschließungen, Scheidungen u.v.a.m. in Personenstandsbüchern festzuhalten. Einer, der sich intensiv mit historischen Kirchenmatriken, vor allem jenen des Osttiroler Pustertales, auseinandersetzt, ist der 1977 in Lienz geborene und in Abfaltersbach aufgewachsene Kulturwissenschaftler Dr. Andreas Rauchegger. Er hat nach dem BORG Lienz zunächst das Kolleg für Kunsthandwerk und Objektdesign in Kramsach besucht und war einige Jahre beruflich u.a. als Restaurator und Kunstglaser tätig. In dieser Zeit wurde sein besonderes Interesse am Themenkreis Ethnologie geweckt, weshalb er im Alter von 26 Jahren mit seinem Studium an der Universität Innsbruck begann. 2012 schloss er dieses mit dem Doktorat in Europäischer Ethnologie ab. Derzeit arbeitet Andreas Rauchegger für das Kunst- und Auktionshaus Innsbruck und begleitet darüber hinaus diverse Forschungs- und Ausstellungsprojekte.

Zu seinem vielfältigen Tätigkeitsbereich gehört die Arbeit als Co-Kurator für das Landwirtschaftsmuseum Brunnenburg in Dorf Tirol bei Meran. „Seit seinem Gründungsjahr 1974 hat dieses Museum dem Geschick und Können sowie dem Einfallsreichtum der bäuerlichen Welt ein besonderes Augenmerk geschenkt. Ein wesentlicher Bereich ist jener des Reparierens, des Wiederverwendens und des Umfunktionierens von Gegenständen der Sachkultur. In die Zusammenfassung der Kunst des Flickens und Wiederverwertens im historischen Tirol (www.flick-werk.net) habe ich auch sämtliche Osttiroler Museen eingebunden, sodass auf diesem Wege viele Quellen wissenschaftlich ausgewertet und interpretiert werden konnten“, erzählt er. In der Rubrik „Auf weiter Flur“ gehe es z.B. um „geflickte Wege“ und Verklausungen im Hochgebirge oder um die Konsolidierung des Burghügels von Heinfels.

Aktuell recherchiert der Kulturwissenschaftler in den Kirchenbüchern von Strassen, Abfaltersbach, Obertilliach und Anras. „Im Zuge einer Pilotstudie des Heimatpflegevereins Anras widme ich mich in enger Zusammenarbeit mit Dr. Robert Perfler und Josef Mascher der Bewirtschaftung der so genannten ‚Überdrauer Schattseite‘ und im Konnex damit dem Stammbaum der ,Ybertrager/Ybertraaer/Ibertrager/Ybertracher‘.“ Der in Abfaltersbach und Anras bekannte Flurname „Übertrache“ für Überdrau erinnert an ein Geschlecht, dessen Spuren sich um 1800 verlieren. Dr. Rauchegger: „Gerade eine derart weit zurückreichende Familiengeschichte kann nur über Kirchenmatriken erhoben werden. Die frühesten Quellen reichen in diesem Fall bis ins 12. Jahrhundert zurück. Darin eingebunden sind auch Aufzeichnungen aus Obertilliach, das früher zum Gericht Anras gehörte.“

Bei gemeindeübergreifenden Recherchen sei die im Dezember 2015 von Seiten des Landes Tirol eingerichtete Plattform „Matriken Tirol Online“ sehr hilfreich. „Die Kirchenmatriken sind auch bei der Rekonstruktion der lokalen Handwerksgeschichte eine wertvolle Quelle. Sie geben beispielsweise Aufschluss über Knechte, Tagelöhner oder einzelne Berufsstände. Bei Eheschließungen oder im Todesfall wurde nicht selten der Beruf der betreffenden Person, wie Schmied oder Schneider, angeführt. Außerdem wurden z.B. Messer- und Scherenschleifer, die früher von Dorf zu Dorf zogen, namentlich und mit Angaben über ihre Besitzverhältnisse im Totenbuch jenes Dorfes vermerkt, in dem sie verstarben“, berichtet Andreas Rauchegger über interessante Details. Die Matriken bergen zudem spannende Daten und Fakten über die transkommunale Migration und ermöglichen einen Vergleich von Geburts- und Heiratsraten aus früherer Zeit mit jenen der Gegenwart.

Aus medizinhistorischer Sicht seien vor allem Sterbebücher interessant, weil darin oft auch die Todesursache aufgeschrieben wurde. Als Beispiel dafür nennt er einen Ausschnitt aus dem Totenbuch von Anras, in dem es wie folgt heißt: „Caspar Annewanter aus Obertilliach, 48 Jahre, wollte am 4. März 1812 die Dachschintel zum Pfarrgottshause von der Schattseite ober dem Rombichl zuliefern. Es stürzte sein Schindel Fuder, warf ihn um, und er walgte über den (…) Berg bis zum Bach hinab. Gräßlich zugerichtet und zerstimmelt wurde er noch lebendig bis unter das Lehen Häußl zu Uebertrag gebracht, wo er (…) verschied.“ Auch beim Projekt „Bauhistorische Analyse und dendrochronologische Datierung ausgewählter Höfe im Pustertal“ spielen Pfarrmatriken nach Angaben des Wissenschaftlers eine wichtige Rolle. „In den Verfachbüchern sind Entricht- und Besitzverträge verzeichnet – eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion der Baugeschichte eines Hofes. Nicht immer ist die Folio-Nr. des vorhergehenden Vertrages angegeben. Dann kann z.B. über das Sterbedatum des Besitzers im Totenbuch eruiert werden, wann es einen Besitzvertrag gegeben haben muss“, erzählt er Einzelheiten aus dem Projekt des Heimatpflegevereins Anras unter Leitung von Obmann Dr. Robert Perfler.

Auch für die Erforschung der Geschichte jenes Gebäudes, in dem Andreas Rauchegger derzeit arbeitet, werden Kirchenmatriken und Pfarrchroniken herangezogen. „Einst war dieses Gebäude – als Ableger des Klosters Frauenchiemsee – der Kammerhof von Hötting. In den Besitzverträgen ist allerdings zwischen 1648 und 1750 eine Lücke festzustellen. Die Recherche in den Matriken erbrachte, dass ein Trauzeuge als ,Wiert und Gastgeb von Hötting‘ bezeichnet wurde. Dies könnte ein Hinweis auf den damaligen Besitzer dieser ,Wirtstaferngerechtigkeit‘ sein“, nennt er abschließend noch ein Beispiel dafür, in welch vielfältiger Weise Kirchenbücher wertvolle Auskunft geben können.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Osttirol heute/Hotzler