„Osttirols Unternehmen zeichnen sich durch eine hohe Innovationskraft aus!”

Mag. Michaela Hysek-Unterweger ist seit Oktober 2019 als Obfrau der Bezirksstelle Lienz der Wirtschaftskammer Tirol tätig und in dieser Funktion laufend mit verschiedenen Aspekten und Fragestellungen der heimischen Wirtschaft befasst.

Wir wollten von der Unternehmerin, die die erste Frau an der Spitze der Osttiroler Wirtschaftskammer ist, wissen, wie Sie die aktuelle Situation der Wirtschaft im Bezirk Lienz beurteilt, wo sie Chancen und Herausforderungen sieht und welche Möglichkeiten es geben könnte, einem weiteren Rückgang der Bevölkerungszahlen in Osttirol und dem auch daraus resultierenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

 

Mag. Michaela Hysek-Unterweger

 

Frau Mag. Hysek-Unterweger, beim Neujahrsempfang im Festsaal der WK-Bezirksstelle am 22. Jänner wurden u.a. auch die nationalen und internationalen  Rahmenbedingungen angesprochen. Dazu unsere Frage: Wie krisenresistent hat sich die Osttiroler Wirtschaft in den vergangenen Jahren erwiesen?

Die Wirtschaft im Bezirk Lienz ist breit aufgestellt und teilt sich gut auf die verschiedenen Sektoren Handwerk und Gewerbe, Industrie und Tourismus auf. Daher sind die Auswirkungen der Krisen der letzten Jahre in Osttirol eher „gedämpft“ angekommen. Mein Eindruck ist, dass die Wirtschaft im Bezirk sich aktuell zufriedenstellend entwickelt. Sehr erfreulich ist, dass die Arbeitslosigkeit in unserer Region mit 4,1 Prozent auf einem historischen Tiefstand angekommen ist, früher lagen wir immer bei rund 10 Prozent. Ein bleibendes Problem sind die hohen Zinsen und die gestiegenen Kosten. Gerade kleinere Betriebe mit hohem Energieaufwand leiden massiv darunter!

Die europaweite Immobilienkrise und das hohe Zinsniveau üben nach wie vor hohen Druck auf die Bauwirtschaft und das Baunebengewerbe aus. Wie stark schlägt sich dies auf die Osttiroler Bauwirtschaft nieder?

Die aktuellen Kreditzinsen zeigen natürlich auch in Osttirol ihre Wirkung und betreffen vor allem den privaten Wohnbau. Wir erkennen dies am Einbruch der Nachfrage nach Wohnbaukrediten um rund 50 Prozent. Unsere Bauwirtschaft ist jedoch breit aufgestellt und kann auf andere Zweige wie Tiefbau, Tourismus oder betriebliche Investitionen ausweichen.

Aufgrund des sogenannten „Fernpass-Paketes” wurden Mautdiskussionen auch auf die Brenner-Route und die Felbertauern-Route ausgeweitet. Was könnte hier auf die Osttiroler Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und die Bevölkerung zukommen?

Aktuell gehen wir weiterhin davon aus, dass die bestehende Regelung am Felbertauern aufrecht bleibt.

Wie steht die WK Lienz zu den vieldiskutierten Umfahrungen in Sillian, im Südtiroler Pustertal und im Kärntner Drautal?

Umfahrungslösungen sind grundsätzlich begrüßenswert, wenn diese im Sinne der Bevölkerung und auch technisch realisierbar sind. Alle unsere Verkehrsanbindungen sind fragil – das Pustertal, der Felbertauern, sogar das Drautal und jetzt spürbar die aktuelle Sperre des Plöckenpasses. Wir können uns an Sperren fast aller dieser Verbindungen erinnern, durch Erdrutsch, Lawinengefahr oder andere Ursachen. Jede dieser Sperren hat natürlich negative Auswirkungen auf den Bezirk Lienz. Aktuell ist besonders der Tourismus betroffen, aber auch der ein oder andere Handwerksbetrieb, der im oberitalienischen Raum tätig ist. Wir treten für eine möglichst rasche Wiederinbetriebnahme der Plöckenpass-Strecke ein – etwa durch die Sanierung der bestehenden Fahrbahn oder durch den Bau einer Umfahrungslösung. Es sollte auch rasch entschieden werden, ob eine Tunnelvariante für die Zukunft sinnvoll ist.

Wie ist der aktuelle Stand bei den gemeinsamen Bemühungen mit dem TVB Osttirol um ein mögliches bezirksweites Hotelsonderförderpaket? Braucht unser Bezirk noch weitere Qualitätsbetten?

Osttirol hat sich im Tourismus in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Die Nächtigungszahlen sind im vergangenen Tourismusjahr auf 2,16 Mio. angestiegen – damit ist das Vor-Corona-Niveau wieder erreicht. In den Diskussionen um Qualitätsbetten arbeiten wir intensiv daran, anders als viele hochentwickelte Gebiete in Nordtirol behandelt zu werden. Während es sicherlich Regionen gibt, in denen sowohl Gästebetten als auch Zweitwohnsitze in sehr hohem Ausmaß existieren, haben wir im Bezirk Lienz noch einen großen Aufholbedarf, selbst wenn wir von sanftem Tourismus sprechen. Daher fordern wir weitere Unterstützungsmaßnahmen!

Welche Großprojekte zeichnen sich aktuell, abgesehen von der geplanten Skischaukel Sillian-Sexten, für den Bezirk Lienz ab, die für die weitere Entwicklung Osttirols wichtig sein könnten?

Es zeichnet sich derzeit nichts konkret ab, allerdings sind mehrere Projekte der touristischen Freizeitinfrastruktur in Planung. Infrastruktur rechnet sich nur mit Betten, daher ist die zuvor angesprochene Förderung auch so wichtig für unseren Bezirk!

Braucht Osttirol einen geregelten Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften?

Die Bevölkerungszahl im Bezirk Lienz zeigt sich nach vielen Jahren des Rückgangs das zweite Jahr in Folge stabil. Allerdings verzeichnen wir einen eher niedrigen Anteil an Menschen im erwerbsfähigen Alter und einen höheren Anteil von Menschen ab 65 Jahren. Im Mai 2024 findet wieder eine Osttiroler Jobmesse statt. Es braucht aber sicher weitere Maßnahmen, um mehr Menschen mit den Anbietern offener Arbeitsplätze zusammenzubringen. Mobilität, Kinderbetreuung, Anreiz für Vollzeit- Beschäftigung, Anreiz für Arbeit in der Pension und dann auch Zuzug sind unsere Ideen dazu. Ein wichtiges Puzzleteil ist der Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland, um die Nachfrage nach Arbeitskräften bedienen zu können. Die INNOS GmbH arbeitet an einem Projekt, das die Willkommenskultur im Bezirk verbessern hilft. Weiters ist an den Aufbau eines Welcome-Centers gedacht – dieses soll Zuziehende unterstützen, in Osttirol möglichst rasch Fuß zu fassen.

Wie beurteilen Sie im Allgemeinen die Innovationskraft der Osttiroler Wirtschaft?

Unsere Betriebe zeichnen sich seit jeher durch eine hohe Innovationskraft aus. Diese Fähigkeit ist auch unserer spezifischen Lage geschuldet. Und wir haben zahlreiche Firmen, die mit innovativen Produkten am Weltmarkt punkten. Diese finden wir in allen Sektoren – Handwerk und Gewerbe, Industrie, Dienstleistung und auch im Tourismus.

Welchen Stellenwert haben die Bildungsangebote im Bezirk Lienz?

Unsere Schulen im Bezirk decken eine große Vielfalt ab und lehren auf hohem Niveau. Als Mutter fühle ich meine schulpflichtigen Kinder sehr gut aufgehoben. Auch nach der Schulpflicht müssen  wir die Wahl nicht nach guter oder schlechter Ausbildungsstätte treffen, sondern sollten nach den Fähigkeiten der Kinder entscheiden, weil es in jedem Fall einen sehr guten Weg gibt: 300 Lehrbetriebe mit aktuell 800 Lehrlingen, HTL, HAK, HLW, LLA, BORG, BG/BRG, Dominikanerinnen – alle bieten eine gute Ausbildung. Danach wird es leider dünn. Der Campus Lienz muss so rasch als möglich wieder seine Aufgabe als Hochschulstandort erfüllen – in Lehre, Forschung und mit Kooperationen, gerade auch mit den Betrieben im Bezirk. Es liegt an den politischen Entscheidungsträgern, die Weichen für den Neustart am Campus Lienz rasch zu stellen.

Worin sehen Sie die besonderen Stärken der Osttiroler Wirtschaft, und wo liegen aktuell für Sie die größten Schwächen?

Vorzüge sehe ich vor allem in der Heterogenität des Produkt- und Dienstleistungsangebots unserer Unternehmen. Wir stehen in Osttirol sprichwörtlich auf mehreren Standbeinen. Hinzu kommt, dass die Menschen hier gut ausgebildet und sehr engagiert sind. In Hinblick auf aktuelle Problemfelder steht unsere Wirtschaft vor ähnlichen Herausforderungen wie jene in anderen Regionen. Diesbezüglich sind sicherlich die Transformation in nachhaltige Geschäftsmodelle, die Nutzung der digitalen Möglichkeiten und die weitere Vernetzung und Kooperation in und außerhalb des Bezirks zu nennen.

Ist unser Bezirk für Herausforderungen der Zukunft gerüstet?

Ja, davon bin ich überzeugt!

Wir danken für das Gespräch!

 

Fotos: © AdobeStock/Tongpool, Ramona Waldner

13. Mai 2024 um