Gemeinde- und regionsübergreifende Kooperationen als Zukunftsperpektive
Wie viele andere Gemeinden und Regionen Österreichs, ist auch Osttirol mit anhaltenden Veränderungen der Bevölkerungszahlen und -struktur konfrontiert.
Gerade die weitere demographische Entwicklung könnte zu einer der zentralen Zukunftsfragen des Bezirkes Lienz werden. Dies sieht auch DI Elisabeth Blanik, seit 2003 als Abgeordnete im Tiroler Landtag und seit 2011 Bürgermeisterin der Osttiroler Bezirkshauptstadt, so. Im Osttirol heute-Interview erläutert die SPÖ-Politikerin wichtige Handlungsfelder für die künftige Entwicklung des Bezirkes und der Stadtgemeinde Lienz und informiert darüber, welches Potenzial in der interkommunalen Zusammenarbeit der Osttiroler Gemeinden und in einer regionsübergreifenden Kooperation im Süd Alpen Raum liegen könnte.
Bgm. DI Elisabeth Blanik
Frau DI Blanik, Sie sind auf Bezirks- und Landesebene in zahlreichen Gremien vertreten, die sich u.a. auch mit den Fragen beschäftigen, wie der Zukunftsraum Osttirol gestaltet werden kann. Was sind derzeit die Themen, die im Vordergrund stehen?
Das zentrale Thema für die Zukunftsgestaltung unseres Bezirkes stellt die demografische Entwicklung und negative Wanderungsbilanz dar, da wir mehr Weg- als Zuzug haben. Der Bezirk verliert aktuell und laut Prognosen auch in der Zukunft insbesondere an jungen Mitbürger:innen. In diesem Zusammenhang erhält das Thema der sozialen Dienste und der Pflege esondere Bedeutung. Um die Megatrends der zukünftigen Entwicklung für Osttirol positiv nutzbar zu machen, müssen wir uns um den Zuzug von Personen im Erwerbsalter, um junge Familien und Betriebsgründer:innen bemühen. Wir müssen diesbezüglich auch die Pluspunkte der ländlichen Lebensqualität deutlicher hervorheben, zu denen neben hohen Umweltqualitäten auch günstigere Wohnkosten sowie ein intaktes gesellschaftlich-soziales Gefüge zählen. Mit Regio-Net und dem Ausbau des Breitbandnetzes konnten wir beweisen, dass wir Zukunft gestalten können. Wenn wir hier konsequent in der Folge auch den digitalen Datenraum umsetzen, besteht die Chance, unsere Lebensqualität mit beruflicher Entfaltung zu erhöhen. Sicherheit gilt als weiteres Metathema räumlicher Entwicklungsbilder – und hier sind wir im Bezirk gut aufgestellt. Wenn wir uns in Osttirol weiterhin positiv entwickeln wollen, ist auch eine Kooperation über die klassischen Grenzen des Bezirkes hinaus notwendig. Dazu arbeiten wir als Süd Alpen-Raum offen und konsequent mit dem Südtiroler Pustertal, mit Oberkärnten und mit anderen Nachbarregionen zusammen.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Anbindung Osttirols an externe Bildungs- und Wirtschaftsräume?
Unser geografischer und topografischer Rahmen bedingt, dass wir von allen 95 Bezirken und Statutarstädten den größten Mobilitätsbedarf ins nächste überörtliche Zentrum aufweisen. Aufbauend auf den Meilenstein „Mobilitätszentrum Lienz“ haben wir mit dem Land Tirol und der ÖBB Infrastruktur-Szenarien erarbeitet, welche die Bedeutung der ehemaligen Südbahn als Mobilitätsmittel
des öffentlichen Personen-Nah- und Fernverkehrs wieder aufnehmen und Zugverbindungen auf der Linie Wien-Zürich-Wien andenken. Mit der Inbetriebnahme des Koralm- und emmeringtunnels sowie des Brennerbasistunnels wird für die Südbahn wieder eine Renaissance als öffentliches Verkehrsmittel möglich. Die Geschichte unserer Stadt und Region zeigt die berechtigte Hoffnung auf, mit „der neuen Südbahn“ einen Bedeutungsgewinn durch bessere Erreichbarkeit zu erlangen. Dazu zählt auch, dass das Zugfahren künftig mehr als nur einen Transport von A nach B darstellen wird. Züge mit Internetausstattung und Bahnhöfe als digitale Knotenpunkte bieten die Chance, die Reise selbst für Arbeit, Bildung und Unterhaltung zu nutzen. Die Errichtung des Mobilitätszentrums, das wir sieben Jahre lang mit den ÖBB und dem Bundesministerium gemeinsam entwickelt haben, ist Leuchtturm und architektonisches Merkmal solch einer Entwicklung.
Die demografische Entwicklung Osttirols hat naturgemäß auch unmittelbare Auswirkungen auf die Infrastrukturverpflichtungen jeder einzelnen Gemeinde. Wie kann man dieser Herausforderung gezielt begegnen?
Die demografische Entwicklung, ein negativer Saldo zwischen Geburten und Todesfällen bzw. zwischen Zuzug und Wegzug beschreibt die Entwicklungspotenziale unseres Bezirkes. Eine Region mit rückläufigen Bevölkerungszahlen und insbesondere negativen Entwicklungen der erwerbstätigen Personen zwischen 15 und 65 Jahren läuft Gefahr, kontinuierlich steigende Sozialkosten bei rückläufigen Auslastungen der Freizeit- und Infrastrukturbetriebe tragen zu müssen. Diesem Trend kann nur mit einer verstärkten interkommunalen Zusammenarbeit begegnet werden. Es ist nicht mehr leistbar, dass jede Gemeinde sämtliche Einrichtungen bereitstellt. Deshalb braucht es Schwerpunktsetzungen im infrastrukturellen Bereich und insbesondere in der Daseinsvorsorge, also jener Einrichtungen, die von der Wasserund Abfallentsorgung über die sozialen Dienste, bis hin zu Bildungseinrichtungen und Freizeitinfrastrukturen reichen. Gefordert sind hier die Gemeindeverbände bzw. gemeindeübergreifende Infrastrukturkonzepte, wie wir sie im Bezirk insbesondere im Gesundheitsbereich bereits anbieten.
Sollten vor dem Hintergrund des aktuellen Arbeitsmarktes raumordnungstechnisch weitere Wohnungs- und Arbeitsplatzangebote für den qualifizierten Zuzug zur Verfügung gestellt werden, oder sollte sich unser Bezirk eher mit Defensivkonzepten beschäftigen?
Die Frage des Arbeitsmarktes zeigt auf den ersten Blick eine positive Entwicklung auf. Während wir vor Jahren noch mit einer Arbeitslosigkeit von rund 10 Prozent konfrontiert waren, besteht heute quasi Vollbeschäftigung. Zugleich wissen wir, dass wir zur Aufrechterhaltung unserer Wirtschaftsstrukturen und Bruttowertschöpfung im Bezirk den Zuzug von Personen im Erwerbsalter brauchen. Dies bedingt, dass wir für Bürger:innen, die an einem oder mehreren Arbeitsplätzen tätig und Wohnorten sesshaft sind, eine räumliche Entwicklung bieten, was bei einem Dauersiedlungsraum von rund 16 Prozent eine große Herausforderung darstellt. Hier gilt es insbesondere in den Objektbestand zu investieren, leerstehende Gebäude und Wohnungen für künftige Nutzer:innen zu sanieren, attraktiv zu machen und unsere Stadt- und Ortszentren qualitätsvoll zu verdichten. Wir bauen in Lienz beispielsweise auf Themen wie jene der 15 Minuten-Stadt, wo Wohnen im Kernbereich der Stadt für Junge und Ältere attraktiv wird und die Nutzung eines eigenen KFZ nur reduziert notwendig ist. Prognosen zufolge werden in wenigen Jahren 75 Prozent der Österreicher:innen in Ballungszentren wohnen. Mit einer klugen und verantwortungsbewussten Wohnbau- und Siedlungspolitik wollen wir diesem Trend begegnen.
Was sind aktuell die wichtigsten Zukunftsprojekte in Lienz – auch angesichts des immer kleiner werdenden finanziellen Spielraums für Gemeinden?
Der finanzielle und räumliche Spielraum unserer Städte und Gemeinden wird in den kommenden Jahren weiter abnehmen. Dazu gilt es, schwerpunktmäßig Entwicklungspfade zu identifizieren, welche zu uns und unserer Region passen und qualitätsvoll entwickelbar sind. Dabei wird sich immer mehr der Bedarf nach einer interkommunalen Abstimmung zeigen. Wir werden kommunale
Einrichtungen in einem offenen Dialog mit den anderen Gemeinden im Bezirk abstimmen und den Bürger:innen erklären müssen, dass wir uns nicht schlichtweg alles, was „schön“ ist, künftig leisten werden können. Das heißt aber nicht, dass wir an Lebensqualität verlieren, sondern nur, dass wir unsere Planung und Ressourcen besser abstimmen müssen.
Welche Visionen haben Sie persönlich für die Osttiroler Bezirkshauptstadt? Wie könnte bzw. sollte Lienz in 10 bis 15 Jahren aussehen?
Lienz verfügt über die doppelte Tagesbevölkerung im Verhältnis zur Nächtigungsbevölkerung. Das bedeutet, dass die Stadt eine hohe Zugkraft für eine große Anzahl an Menschen hat und damit auch Verantwortung trägt. Wir wollen unsere Sonnenstadt dahin entwickeln, dass sie gleichzeitig Wohnzimmer und Wirtschafts- sowie Sozialraum mit Impulsfunktion für die Region Süd Alpen-Raum wird. Diesbezüglich versuchen wir, unsere Entwicklung mit Bruneck, Spittal an der Drau und Hermagor gut abzustimmen und diesen Raum als vitale Achse, als lebenswerten Raum mit hohem Zukunftspotential zu entwickeln. Lienz wird in dieser Perlenkette eine besondere Rolle einnehmen und eine starke Partnerin für die Gemeinden der Region, die Wirtschaft und die Gesellschaft sein. Wir bilden seit Jahren strategische Netzwerke und Kooperationen und bemühen uns sehr, die Sonnenstadt Lienz als starke Standortmarke im überregionalen Kontext zu positionieren.
Danke für das Gespräch!
Fotos: © ExpaGroder, Martin Luger