Die Gesundheitsversorgung als Zukunftsfaktor
as Bezirkskrankenhaus (BKH) Lienz hat im Laufe seiner Geschichte stets eine wichtige Stellung in der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in Osttirol und in angrenzenden Talschaften eingenommen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Was sich aber geändert hat, sind die Rahmenbedingungen für medizinische Einrichtungen wie das BKH Lienz und neue Herausforderungen, wie der zuletzt auch viele andere Häuser betreffende Personalmangel. Im Osttirol heute-Interview nimmt der Sprecher des BKH Lienz, Primar Univ.-Doz. Dr. Andreas Mayr, auch darauf Bezug. Er erläutert die Aufgaben des Bezirkskrankenhauses im Jetzt und Heute, spricht die Erfahrungen an, die man während der Corona-Pandemie gemacht hat und informiert über zukünftige Vorhaben und Entwicklungen in Sachen Robotik und KI in der Medizin.
Prim. Univ.-Doz. Dr. Andreas Mayr
Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der stationären und ambulanten medizinischen Versorgung am BKH Lienz?
Das BKH Lienz hat als Einzugsgebiet die Region Osttirol und Oberkärnten – im Bereich Urologie auch Mittelkärnten – mit insgesamt ca. 75.000 Menschen. Die Versorgung der Bevölkerung sowohl stationär als auch ambulant orientiert sich dabei am Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) und am Regionalen Strukturplan Gesundheit Tirol (RSG Tirol). Nach deren Vorgaben und Regeln reagieren und arbeiten wir. Die Richtung, die dabei vorgegeben ist – nämlich eine vermehrt ambulante und tagesklinische Versorgung unserer Patienten zu gewährleisten, dabei aber die notwendige stationäre Versorgung auf qualitativ höchstem Stand aufrechtzuerhalten – führen wir konsequent durch. Wir haben, wie vom ÖSG und RSG Tirol geplant, die ambulante Versorgung unserer Patienten und auch die tagesklinische Struktur in den letzten Jahren hochgefahren und den stationären Betrieb dementsprechend angepasst.
Welche Rolle wird bzw. sollte das BKH Lienz im „Zukunftsraum Osttirol“ bzw. in der weiteren Entwicklung des Bezirkes Lienz spielen? Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?
Die primären Aufgaben unseres Krankenhauses liegen in der Beibehaltung unseres großen Spektrums, da wir aufgrund der exponierten Lage des Bezirkes Lienz dazu verpflichtet sind, alle wichtigen medizinischen Fächer rund um die Uhr anzubieten. In unserem Haus stehen alle wichtigen chirurgischen Fächer (Allgemeinchirurgie, Urologie, HNO, Gynäkologie und Geburtshilfe, Orthopädie/Traumatologie), alle wichtigen konservativen Fächer (Pädiatrie, Neurologie, Innere Medizin, Psychiatrie, Nuklearmedizin, Akutgeriatrie und Remobilisation) sowie alle unterstützenden Disziplinen (Radiologie, Anästhesie und Intensivmedizin, Physiotherapie, Labor, Hygiene, Wundmanagement, Psychologie, Logopädie, Ergotherapie…) zur Verfügung, viele davon 24 Stunden am Tag. Die große Herausforderung in der Zukunft liegt darin, dieses Angebot aufrecht zu halten. Bis jetzt ist dies immer gelungen und wir werden uns, trotz des schwierigen Arbeitsmarktes, extrem bemühen, diesen Standard auch weiter zu erfüllen. Eine weitere wichtige Aufgabenstellung für die nächsten Jahre ist es, die bauliche Struktur unseres Krankenhauses den heutigen Anforderungen an eine zukunftsweisende medizinische Versorgung anzupassen. Auch daran wird bei uns im Haus aktuell intensiv gearbeitet.
Wie viele stationäre Betten und tagesklinische Betten wird das BKH Lienz entsprechend dem RSG Tirol künftig noch haben und welche Abteilungen, Fachschwerpunkte, Institute und höherwertigen medizinischen Einrichtungen, dürften, längerfristig gesichert, weiterbestehen?
Wir hatten 372 systemisierte Betten und haben diese auf Grund der vom ÖSG/RSG Tirol vorgegebenen Umstrukturierung in Richtung vermehrter ambulanttagesklinischer Versorgung inzwischen auf 308 systemisierte Betten angeglichen. Die medizinische Versorgung ist deshalb keineswegs reduziert, sondern sogar verbessert worden. So können Patienten bei dem selben chirurgischen Eingriff, der vorher einen stationären Aufenthalt bedeutet hat, das Krankenhaus heute am gleichen Tag wieder verlassen, natürlich unter der nötigen medizinischen Kontrolle. Die medizinische Qualität und Sorgfaltspflicht ist dabei immer gegeben. Es ist unsere Aufgabe, alle derzeit bestehenden Abteilungen, Fachschwerpunkte, Institute und alle anderen notwendigen medizinischen Einrichtungen auch in Zukunft sicher zu stellen. Die medizinische Versorgung unserer Bevölkerung ist und bleibt damit gewährleistet.
Der Anteil an Oberkärntner PatientInnen im gesamten Einzugsgebiet des BKH Lienz schwankte in den letzten Jahren zwischen 25 und 28 Prozent: Welche Vorteile für die Qualität des medizinischen Angebotes und Leistungskataloges bietet ein Patienteneinzugsgebiet von etwa 75.000 gegenüber rund 48.000 Menschen?
Durch unsere geographische Lage sind wir auch für die Versorgung von Oberkärnten (ca. 25.000 Menschen) zuständig. Das medizinische Angebot und der Leistungskatalog müssen aber – unabhängig davon, ob wir 50.000 oder knapp 80.000 Menschen medizinisch versorgen – immer höchster Standard sein. Unsere medizinisch- technische Ausrüstung ist hochmodern und wird am aktuellen Stand gehalten. Auch die personelle Besetzung unseres Krankenhauses ist – abgesehen von der ärztlichen Besetzung einzelner Abteilungen – derzeit zufriedenstellend. Wir haben bisher – anders als in anderen Krankenhäusern Tirols – noch keine Betten sperren müssen und können so den laufenden Betrieb, sowohl für unsere Osttiroler Patient:innen, als auch für unsere Patient:innen aus Kärnten aufrechterhalten.

Welche Lehren hat man aus den Erfahrungswerten der Corona-Pandemie 2020 bis 2022 generell gezogen und was sind die Schlüsse für die Intensivmedizin in den Bereichen Anästhesie und Innere Medizin?
Die Corona-Pandemie konnten wir mit unseren vorhandenen Ressourcen insgesamt gut bewältigt. Wir haben alle betroffenen Patienten stationär und v.a. intensivmedizinisch-stationär aufnehmen können und mussten niemals auch nur annähernd Triage-Bedingungen überlegen oder durchführen. Dies spricht eindeutig dafür, dass sich unser Haus über die Jahre hinweg gut entwickelt hat. Andernfalls wäre die Extremsituation einer Pandemie – und das war eine extreme Ausnahmesituation und eine bisher noch nie vorhandene Ausnahmebelastung für alle Mitarbeiter:innen im Krankenhaus Lienz – nicht so zufriedenstellend zu bewältigen gewesen. Wir mussten komplett neue Strukturen schaffen, Normalstationsbetten und vor allem Intensivbetten aus dem normalen Krankenhaus-Alltag herausnehmen und zu Isoliereinheiten umfunktionieren, die Dienstpläne sämtlicher Abteilungen ändern, einfach unser Krankenhaus neu erfinden. Das ist uns aufgrund der Unterstützung aller Mitarbeiter:innen hervorragend gelungen. Dabei hat die intensive Zusammenarbeit mit anderen Krankenhäusern in Tirol, Kärnten und Salzburg, die positiv und friktionsfrei abgelaufen ist, sehr gut funktioniert. Wir haben zeitnah Patient:innen mit extrem intensivmedizinischem Aufwand an die Zentren schicken können und haben im Gegenzug immer wieder Patienten von den Zentren zu deren Entlastung übernommen. Kein einziger Patient hat trotz der weiten Entfernung zu den übergeordneten Zentren einen medizinischen Nachteil erfahren. Es wurde immer frühzeitig auf den jeweiligen Verlauf der Patient:innen reagiert und vorausschauend gehandelt. Sogar länderübergreifend hat dieses Konzept funktioniert – das BKH Lienz hat in Einzelfällen aushilfsweise bei extremem Intensivbettennotstand in Südtirol Patienten aus unserem Nachbarland übernommen. Auch die Vernetzung zwischen den einzelnen Krankenhäusern in Tirol, Kärnten und Salzburg hat sehr gut funktioniert. Es gab anfangs zweitägige, dann wöchentliche Videokonferenzen, in denen die Verteilung aller Patienten, aber vor allem intensivpflichtiger Patienten vereinbart wurde. Die Abstimmung innerhalb Tirols, aber auch mit den Nachbarländern Kärnten und Salzburg war eine ausgesprochen positive.
Wie zufrieden sind Sie mit dem aktuellen Status der medizinischen Notfallversorgung Osttirols und Oberkärntens im terrestrischen und luftgebundenen Bereich?
Die notfallmedizinische Versorgung Osttirols und Oberkärntens ist derzeit als sehr zufriedenstellend zu beurteilen. Wir haben im Bezirk Lienz vier Notarztsysteme (NEF Lienz als krankenhauszentriertes System am Hauptstandort, NEF Sillian, NEF Matrei und NEF Defereggen) und können damit trotz der speziellen geographischen Situation eine insgesamt flächendeckende notärztliche Versorgung für Osttirol und auch für Oberkärnten bewerkstelligen. Unser Ziel ist es, diese großzügige Notfallversorgung für unsere Bevölkerung zu sichern und aufrecht zu erhalten.
Die Robotok (Symbolbild) soll auch im BKH Lienz Einzug halten…
Welche Entwicklungen zeichnen sich im Hinblick auf den Einsatz der Robotik, beispielsweise bei Chirurgie-Robotern, mobilen Plattformen im Krankenhaus, oder robotischer Unterstützung in der Pflege und in der Rehabilitation ab?
Die Robotik hält auch im BKH Lienz Einzug. Es ist bereits beschlossen, das „Da Vinci-System“ in unserem Krankenhaus einzuführen. Wir haben diesbezüglich den großen Vorteil, dass zwei Oberärzte (je einer in Allgemeinchirurgie und Urologie) diese Operationstechnik ausgezeichnet beherrschen. Die Robotik-Chirurgie bedarf spezieller Kenntnisse und Ausbildungen und diese kann von den genannten Oberärzten an alle anderen Kollegen weitergegeben werden.
Künstliche Intelligenz, kurz KI, ist laut renommierten Zukunftsforschern schon jetzt eine der wichtigsten Innovationen, an denen Menschen arbeiten. Wie beurteilen Sie generell das Potenzial der KI für die Weiterentwicklung von Diagnose- und Behandlungsmethoden?
Natürlich ist das BKH Lienz auch einer Entwicklung in diesem Bereich gegenüber offen. Bereits jetzt funktionieren medizinische Geräte auf KI-Basis, wie beispielsweise unsere neuen CT- und MRT-Geräte, die noch heuer installiert werden. Ein Beispiel für die Hilfestellung durch die KI ist die Beurteilung einer computertomographischen Untersuchung. Beim Ganzkörper-CT eines Patienten werden über 2.000 Bilder generiert, die von einem Radiologen gesichtet und beurteilt werden müssen, um schlussendlich eine Diagnose erstellen zu können. Die KI hilft anatomische Unregelmäßigkeiten in diesen vielen Bildern zu erkennen und den Radiologen Auffälligkeiten zur genaueren Ansicht vorzuschlagen. Die Letztbeurteilung und Diagnose liegen dabei immer noch beim Radiologie-Facharzt. Wie diese Entwicklung weitergeht, werden wir uns genau anschauen und unser Krankenhaus dementsprechend ausrichten. In den kommenden Jahren werden die Innovationen auf diesem Gebiet auf einschlägigen Fachsymposien diskutiert und kritisch beleuchtet werden. An diesem Prozess werden wir wachsam teilnehmen und entscheiden, was für uns nützlich ist und in Frage kommt.
Danke für das Gespräch!
Foto:© Elias Bachmann, Martin Lugger, AdobeStock/Taechit, Master Video



