Bruck an der Glocknerstraße: Gerti Pucher und die Kunst des „Säckelns“
Gerti Pucher ist eine der letzten Säcklerinnen im Pinzgau und im Salzburger Land. In ihrer Werkstatt entstehen Lederhosen, Taschen und Accessoires, die nicht nur Generationen überdauern, sondern auch Geschichten erzählen.
Wenn man Gerti Pucher in ihrer Werkstatt im Brucker Ortsteil Gries besucht, wird man zuerst mit einem Kaffee empfangen. „Mir ist wichtig, dass sich die Menschen hier wohl fühlen, ungeachtet dessen, was sie zu mir führt“, sagt sie. Und tatsächlich: Die Atmosphäre in ihrer Werkstatt ist warm und einladend. Im Dezember 2024 hat sich die Pinzgauerin als Säcklerin selbstständig gemacht, kurz nachdem sie die Meisterprüfung zur Lederbekleidungsherstellerin erfolgreich abgelegt hat.

Schon früh faszinierte Gerti das Arbeiten mit Leder. Nach dem Abschluss der Werbedesign-Akademie am WIFI Salzburg arbeitete sie zunächst als Grafikerin. Mit 30 Jahren entschied sie sich für einen beruflichen Neustart und begann eine Schneiderlehre, die sie mit der Meisterprüfung abschloss. 2017 begegnete sie dem Säcklermeister Peter Jelinek in Saalfelden – ein Wendepunkt. „Ich habe Peter oft beim Arbeiten zugeschaut. Seine Kreativität und der Umgang mit Leder haben mich begeistert. Da gibt es keine Online-Tutorials oder Kurse. Die traditionellen Techniken werden überliefert – und wie in jedem anderen Handwerk braucht es auch hier Präzision und Gespür.“

Gerti arbeitet vorwiegend mit sämisch gegerbtem Hirschleder, das sie aus dem Brixental, dem Ennstal oder direkt aus der Region bezieht. Diese traditionelle Fettgerbung macht das Leder besonders weich, langlebig und atmungsaktiv – ein Gegenentwurf zur schnelllebigen Mode. „Der Geruch von Leder ist für mich etwas Besonderes. Eine Lederhose überlebt oft den Träger und wird weitergegeben. Das ist Nachhaltigkeit, wie sie früher selbstverständlich war.“

Die Fertigung ist ein Ritual: Der Kunde sucht sich Leder und Stickmuster aus, Gerti nimmt Maß, schneidet die Teile zu und näht sie grob zusammen. Nach der Anprobe wird die Hose wieder zerlegt. Dann beginnt ihre Lieblingsarbeit: das Sticken. „Die Motive zeichne ich auf Papier, loche sie zu einer Schablone und übertrage sie mit Gummi Arabicum, einem natürlichen Pflanzenharz, und einer Schwanenfeder aufs Leder.“ Diese Technik stammt aus der traditionellen Reliefstickerei.

Jedes Motiv wird von Hand gestickt – traditionell oder nach persönlichen Wünschen. „Ein Kunde wollte, dass ich ‚Odaten‘ auf seine Hose sticke. So nennt man den Großvater im Pinzgauer Dialekt. Das war ihm wichtig, weil er selbst Opa geworden ist und daraufhin mit einem Freund die ‚Odaten-Musi‘ gegründet hatte.“ Mit der Stickerei bekommt jede Hose ihre eigene Geschichte. „Hier bin ich penibel genau – da steckt viel gestalterisches Feingefühl drin.“ Geklebt wird mit Mehlpapp, einer Mischung aus Roggenmehl und kochendem Wasser. Dieser natürliche Kleber verbindet Lederschichten so fest, dass sie Jahrzehnte halten.

„Das Futterleder wird innen auf das Oberleder geklebt, d.h. die Hose wird besetzt. Das macht sie langlebig und gibt ihr auch auf der Innenseite eine saubere Optik. Bei einer handgemachten Lederhose sieht man innen nur feines, ungefärbtes Leder.“ Gerti arbeitet am liebsten mit alten Nähmaschinen und Werkzeugen, die schon von ihren Vorbesitzern für dieses Handwerk optimiert wurden. Auch bei den Knöpfen bleibt sie ihrer Linie treu: „Ich bin ein Nostalgiefan. Alte Knöpfe haben einfach mehr Charme.“ Besonders gern verarbeitet sie Hirschhornknöpfe aus Altbeständen, die sie gezielt aufkauft und überarbeitet. „Die passen einfach perfekt zu einer echten Lederhose.“

Die Lederhosen aus Gertis Werkstatt sind Maßanfertigungen – Unikate, individuell bestickt und liebevoll verarbeitet. Neben Lederhosen fertigt sie auch Taschen, Rucksäcke und Jägerbedarf. „Da kann ich mich kreativ austoben. In einer Zeit, in der Fast Fashion alles überrollt, ist es mir wichtig, echtes Handwerk lebendig zu halten. Jeder Kundenwunsch ist für mich ein neues Abenteuer – und genau darin sehe ich meine Berufung.“

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Manfred Schwaiger, Pucher


