Lienz: Zähes Ringen um Lösung für die Bergbahnen
Beschlossen wurde bei der Sondersitzung des Lienzer Gemeinderates zur Zukunft der Lienzer Bergbahnen AG die Einleitung eines Bürgerbeteiligungsprozesses.
Etwas mehr als drei Stunden dauerte die von der VP-Fraktion geforderte Sondersitzung des Lienzer Gemeinderates zur Zukunft der Lienzer Bergbahnen AG. Prall gefüllt waren auch die Zuschauerränge – mit Wirtschaftstreibenden, Touristikern, Bergbahnen-Angestellten und sonstigen Interessierten. „Die Gesellschaft wurde im Jahr 1953 von 99 Wirtschaftstreibenden gegründet. Die finanzielle Lage ist derzeit dramatisch – vor allem wegen der Abgänge am Hochstein. Die Nachfrage nach Wintersport – speziell Skifahren – sinkt. Die Infrastruktur können wir uns nur dann leisten, wenn wir auch entsprechende touristische Einnahmen erzielen. Wenn wir nicht anfangen, uns ein zukunftsfähiges Konzept zu überlegen, ist die gesamte Infrastruktur gefährdet. Ich erinnere die Gemeinderäte daran, dass wir lt. TGO der Wirtschaftlichkeit, der Zweckmäßigkeit und der Sparsamkeit verpflichtet sind. Wenn es bei Beschlüssen um finanzielle Angelegenheiten der Bergbahnen geht, verlange ich daher eine namentliche Abstimmung“, so Bgm. DI Elisabeth Blanik (SPÖ) einleitend.
Anschließend informierten DI Thomas Diemling, AR-Vorsitzender der AG, und Vorstandsvorsitzender Mag. Klaus Hofstätter über die aktuelle finanzielle Lage des Unternehmens und stellten ihre Zukunftsszenarien vor. Im Wirtschaftsjahr 2014/15 musste im gesamten Unternehmen ein Verlust von ca. 1,1 Mio. Euro hingenommen werden. 100.000 Euro hat das Skigebiet Zettersfeld dazu beigetragen, 1 Mio. Euro der Hochstein. Der negative Cashflow beträgt am Hochstein im Winter 533.000 Euro, im Sommer ist er mit 205.000 Euro positiv. Im Gesamten ist der Cashflow am Hochstein also mit 328.000 Euro negativ. „Alles, was einen negativen Cashflow erzielt, muss man als ordentlicher Kaufmann schließen. Wir haben den Wirtschaftsprüfer informiert, dass dringender Handlungsbedarf besteht. In den vorläufigen Jahresabschluss 2015/16 wurde eine außerplanmäßige Abschreibung von 6,7 Mio. Euro eingerechnet, und es ergibt sich daraus ein Bilanzverlust von 9,3 Mio. Euro. Das ist ein Worst-Case-Szenario“, so Diemling.
Klaus Hofstätter stellte die von Vorstand und Aufsichtsrat entwickelten Zukunftsszenarien vor:
1. Einstellung des Winterbetriebes am Hochstein
„Es gäbe dann keine Beschneiung, keine Präparierung und keinen Weltcup mehr am Hochstein. Der Cashflow des Unternehmens würde sich um rund 500.000 Euro verbessern.“
2. Jährliche Abdeckung von 500.000 Euro durch die Hauptaktionäre
„Der Zustand der Infrastruktur könnte nur erhalten werden. Keine Erneuerungen oder Modernisierungen.“
3. ,Weiterwurschteln‘
„Der Gesamtbetrieb wäre gefährdet. Wir gehen bei dieser Variante von einer Unternehmensschließung in 5 Jahren aus, da das Eigenkapital dann aufgebraucht ist.“
4. Einstieg eines Investors
„Ein Investor müsste auch die Schulden von ca. 2,5 Mio. Euro übernehmen. Es gäbe kaum Mitspracherecht der bisherigen Eigentümer. Den schwarzen Peter einer eventuellen Schließung würde der Investor übernehmen.“
Keine Zukunftsoption ist für Hofstätter eine Vollausbau am Hochstein, da die Eigentümer hier überfordert wären. „Das käme einem betriebswirtschaftlichen Selbstmord gleich. Es gibt ein zu geringes Potenzial an Tagesgästen.“ Das Zuschießen von jährlich 500.000 Euro würde nur den laufenden Betrieb sichern. „Es gibt keine Alternative zum Kartenverbund. Die Kunden wollen das volle Angebot und zwischen den Skigebieten wechseln. Eine Preisreduktion bei den Karten hätte auch negative Auswirkungen auf das Zettersfeld“, so Hofstätter.
Vorstand und Aufsichtsrat gingen auch auf die von Bgm. Elisabeth Blanik und TVBO-Obmann Franz Theurl aufs Tapet gebrachten Alternativen ein. Blanik schlug die Gründung einer Betreibergesellschaft für den Hochstein vor, an die verpachtet werden könnte. „Eine unabhängige Gesellschaft hätte eigenes Personal und könnte die Preispolitik frei wählen. Das wäre durchaus eine Herausforderung“, so Hofstätter. Theurl schlug die Teilung des Unternehmens in zwei Gesellschaften (Zettersfeld und Hochstein) vor. „Das wäre ein möglicher nächster Schritt. Vor einer Spaltung wären aber die Hausaufgaben zu machen – also etwa die Schließung des Hochsteins im Winter. Die jährliche Verlustabdeckung müsste die neue Hochstein-Gesellschaft tragen“, so der Vorstand. Potenzial sehen Vorstand und Aufsichtsrat im Ausbau des Sommerbetriebes am Hochstein. „Selbst bei einer Auflassung des Winterbetriebes am Hochstein könnten am Zettersfeld nur die bestehenden Anlagen erhalten werden. Dort sind auch die modernsten Anlagen bereits zehn Jahre alt“, führte Klaus Hofstätter ins Treffen.
Anschließend kam es zu einer regen Diskussion im Gemeinderat. Einig war man sich lediglich darüber, dass es endlich an der Zeit war, die Zahlen auf den Tisch zu legen und eine Diskussion in Gang zu bringen. Es gab auch viele Fragen an Vorstand und Aufsichtsrat betreffend die wirtschaftliche Situation sowie die Frequenzen in den beiden Skigebieten und beim Osttirodler. „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Hochstein im Winter nicht wirtschaftliche zu führen ist. Das hat der Vorstand in den letzten 50 Jahren nicht geschafft, und das werden wir auch in Zukunft nicht zustande bringen“, sagte Thomas Diemling irgendwann zusammenfassend.
Stadtrat Wilhelm Lackner (SPÖ) brachte nach rund zwei Stunden Diskussion einen Abänderungsantrag zum von der ÖVP geforderten Tagesordnungspunkt 8 ein. Der Abänderungsvorschlag enthält im wesentlichen die Einleitung eines Bürgerbeteiligungsprozesses. „Es geht uns darum, die Bergbahnen AG als Infrastrukturbetrieb zu erhalten und einen gut vorbereiteten, partizipativen, auf Offenheit ausgerichteten Entwicklungsprozess einzuleiten. Die Entwicklungswerkstätte unter Beteiligung der Wirtschaftstreibenden und BürgerInnen sollte vom Stadtmarketing geleitet werden. Auch externe Expertisen und in einem zweiten Schritt alle beteiligten Gemeinden sollten eingebunden werden“, so Lackner. GR Dr. Gerwald Lentner (SPÖ) schlug den Zusatz vor, dass die Bürgermeisterin nach sechs Monaten dem Gemeinderat Bericht über den Stand des Bürgerbeteiligungsprozesses erstatten solle. Der Abänderungsvorschlag wurde mehrheitlich angenommen – die Mandatare der Volkspartei stimmten dagegen, die FP-Gemeinderäte enthielten sich der Stimme.
Text: Raimund Mühlburger, Foto: Brunner Images