Kontroverse um Natura 2000-Schutzgebiet
Neben dem Zonenplan für die Grenzen von Natura 2000 hat die Tiroler Landesregierung am 3.3. auch ein Naturschutzgebiet an der Isel verordnet. Begutachtungsfrist läuft bis 7. Mai.
Der Beschluss der Tiroler Landesregierung vom 3. März 2015 und die nun für alle Interessierten zur Einsicht aufgelegten Ausweisungsunterlagen stoßen in der Iselregion weiter auf heftigen Widerstand. Während der Osttiroler VP-Landtagsabgeordnete Hermann Kuenz am Dienstag, 10.3., in einer Aussendung betont hatte, dass weder die Natura 2000-Ausweisung, noch das verordnete Naturschutzgebiet auf das Wirtschaften und die Osttiroler Bevölkerung Auswirkungen haben würden, warnen politische Vertreter und Vereinsfunktionäre aus Prägraten, Virgen und Matrei vor gravierenden negativen Folgen. In einer Pressekonferenz am Freitag, 13.3., zeigten die Bürgermeister der Gemeinden des hinteren Iseltales anhand verschiedenster Beispiele und detaillierter Karten auf, was das verordnete Naturschutzgebiet in der derzeitig vorliegenden Form für die Bewohner des Tales wirklich bedeuten kann. „Wenn die Verordnung so in Kraft tritt, dann ist das nichts anderes als eine Turbozündung für die weitere Abwanderung aus dem Tal“, so etwa der Virger Bürgermeister Dietmar Ruggenthaler. Er bezeichnete den „willkürlich vorgenommenen und politisch motivierten“ Ausweisungsvorschlag des Landes als echten „Jobkiller“. Ruggenthaler: „Die in Virgen ansässige Firma Bstieler, die derzeit 12 Arbeitsplätze vor Ort sichert, wird auf Basis dieses Beschlusses ihren Standort vergessen, das Wetterkreuztaxi nicht mehr fahren können und auch das Radwege-Konzept ad acta gelegt werden müssen.“ Ähnlich wie sein Bürgermeisterkollege aus Virgen kritisierte auch Bgm. Anton Steiner aus Prägraten die fehlende Kommunikationsbereitschaft der Landespolitiker mit den Menschen vor Ort. Zu dem in Innsbruck angekündigten „regionalwirtschaftlichen Programm Isel“ meinte Steiner, dass sich jeder, der rechnen könne (Anm. der Redaktion: 10 Mio. Euro über 10 Jahre für alle betroffenen Gemeinden) selbst eine Meinung bilden könne. Der Verordnungstext des Naturschutzgebietes, der die Verwendung von Kraftfahrzeugen außerhalb von Verkehrsflächen tatsächlich verbietet, werde, nach derzeitigem Stand, beispielweise die Präparierung von Loipen, die Benützung von Parkplätzen bei Sportanlagen und ähnliches unmöglich machen.
Die Folgen für den Tourismus, aber auch für die Landwirte in seiner Heimatgemeinde sprach der Prägratner Vize-Bgm. Anton Hatzer an. Er erinnerte an die „leeren“ Versprechungen, die man den Menschen im Tal schon im Zusammenhang mit dem Nationalpark Hohe Tauern gemacht habe. „Von einem touristischen Erfolgsprojekt kann keine Rede sein. Die Nächtigungszahlen der letzten Jahrzehnte beweisen das Gegenteil. Waren es in Prägraten im Jahr 1981 noch 200.000 Nächtigungen, so sind es heute rd. 60.000!“ Hatzer verwies auf die „dramatische“ Abwanderung aus dem Tal und auf die Tatsache, dass es nun noch schlimmer kommen werde. Für junge Landwirte etwa sehe er unter diesen Umständen keine Motivation mehr, die Höfe ihrer Väter zu übernehmen. „Wer soll die Kulturlandschaft noch pflegen? Mit welchem Recht wird unser Tal von jeglicher weiteren wirtschaftlichen Entwicklung ausgeschlossen?“ Noch schärfer fasste der Virger Vize-Bürgermeister Wolfgang Gasser die vorherrschende Stimmung im Iseltal zusammen: „Über uns wird beinhart drübergefahren. Unser Vertrauen wurde missbraucht, wir sind verraten und verkauft worden!“
Völliges Unverständnis für die Vorgangsweise des Landes Tirol und auch für die Erklärungen des Osttiroler Landtagsabgeordneten Hermann Kuenz äußerten aus Matreier Sicht Bürgermeister BR Andreas Köll, Vize-Bürgermeisterin Elisabeth Mattersberger und der Hubener Gemeindevorsteher Helmut Forcher. Bgm. Köll erläuterte anhand umfangreichen Zahlenmaterials, dass der Ausweisungsvorschlag des Planungsverbandes 34, der mit Brüssel abgestimmt wurde, weit mehr den Vorgaben der EU als jener des Landes Tirol entspricht. Er hinterfragte erneut die rein politisch motivierte Entscheidung, dass man am Kalserbach, wo – wissenschaftlich erforscht – das wertvollste Tamarisken-Vorkommen in Osttirol gegeben ist, willkürlich mehr als die Hälfte des Tales herausgenommen habe, um offensichtlich ein 20 Mio. Euro-Kraftwerk zu ermöglichen. Andreas Köll kündigte an, im Rahmen der Begutachtungsfrist bis 7. Mai auf alle Ungereimtheiten in der Verordnung hinzuweisen. Darüber hinaus werde man abwarten, was die von SPÖ, impuls Tirol und FPÖ im Tiroler Landtag eingebrachten Anfragen bzw. was jene im Parlament und im Bundesrat ergeben. Vize-Bürgermeisterin Elisabeth Mattersberger formulierte ihre Enttäuschung über das Vorgehen des Landes und bezeichnete die Aussagen von LH-Stv. Ingrid Felipe und LA Hermann Kuenz als „zynisch“. LA Kuenz vertrete offensichtlich die Interessen der Landesregierung und nicht jene der Menschen in Osttirol. Hubens Gemeindevorsteher Helmut Forcher formulierte seine ausdrückliche Sorge um die Arbeitsplätze in den Gemeinden an der Isel. „Wenn der wirtschaftlichen Entwicklung kein Raum mehr gelassen wird, dann ist die Abwanderung nicht zu stoppen!“
Text: H. Kraner/E. Hilgartner, Fotos: www.osttirol-heute.at


