„Osttirol hat die beiden Corona-Jahre insgesamt gut durchtaucht“

So lautete am 17.1. das Resümee der VertreterInnen der WK Tirol in Lienz. WK-Präsident Walser und Bezirksobfrau Hysek-Unterweger lobten die Resilienz der Osttiroler Wirtschaft.

Branchen wie die exportierende Industrie, Handwerk und Gewerbe sowie die Bauwirtschaft erwiesen sich als starke Träger der Konjunktur, während hingegen der stationäre Handel, die persönlichen Dienstleister und insbesondere der Tourismus schwer von den Auswirkungen der Pandemie getroffen wurden. Auch im zweiten Jahr der Corona-Pandemie mit den bekannten weltweiten Verwerfungen in Wirtschaft und Gesellschaft haben die heimischen Unternehmen einmal mehr eine erstaunliche Widerstandskraft und Fähigkeit bewiesen und sind insgesamt gut durch die Krise gekommen, zumal als Maßstab die beiden sehr erfolgreichen Vor-Corona-Jahre 2018 und 2019 heranzuziehen waren. Der Blick auf die Beschäftigtenzahl verdeutlicht das insgesamt gute Zeugnis, welches die Spitze der Wirtschaftskammer der Osttiroler Wirtschaft ausstellte, wenngleich auch Problemfelder wie der Fachkräftemangel, die Inflation oder der Trend hin zum Einkauf im Internet nicht außen vorgelassen wurden.

 

Bezirksobfrau Michaela Hysek-Unterweger: „Der WK-Bezirksausschuss hat für 2022, wie auch das Wirtschaftsparlament der WK-Tirol, insbesondere auch das Thema Nachhaltigkeit aufgegriffen. Schließlich fragen immer mehr KundInnen nach nachhaltigen Produkten sowie Dienstleistungen. Außerdem suchen junge MitarbeiterInnen vermehrt nach nachhaltigen Arbeitgebern.“

 

Positives Bild am Arbeitsmarkt

Zur Erinnerung: 2019 gab es mit 6,5 Prozent die seit exakter Erfassung von Arbeitsmarktdaten geringste Arbeitslosenquote in Osttirol. Im Jahr eins der Corona-Pandemie (2020) verringerte sich die jahresdurchschnittliche Zahl der Beschäftigten noch um 400 Personen gegenüber 2019, und für 2021 ist zu erwarten, dass der Beschäftigtenstand des Jahres 2019 wieder erreicht werden konnte. „In den Monaten Juni bis September herrschte in Osttirol mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent sogar de facto Vollbeschäftigung“, strich Bezirksobfrau Michaela Hysek-Unterweger die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt heraus. „In den genannten Monaten war die Arbeitslosigkeit im Bezirk Lienz im Schnitt geringer als jene des gesamten Bundeslandes Tirol.“ Wie schon im Jahr 2020 konnten das produzierende Gewerbe, der Bausektor und die Industrie die Beschäftigtenstände im Bezirk Lienz nicht nur halten, sondern mit Stichtag 30.9.2021 sogar erhöhen, wobei sich insbesondere die Industriebetriebe mit einem Zuwachs von mehr als 200 Beschäftigten weiterhin als führende Arbeitgeber erwiesen. Das ganze Jahr 2021 über konnten sich die Osttiroler Bauunternehmer und Handwerker über volle Auftragsbücher freuen.

 

WK Tirol-Präsident Christoph Walser blickt optimistisch in die Zukunft. Er rechnet für 2022 mit einem Wirtschaftswachstum „von fünf bis sechs Prozent“. Ein weiterer Lockdown würde diese Zahl allerdings halbieren.

 

„Riesenthema“ Fachkräftemangel

Die Freude darüber wurde allerdings durch den teilweise eklatanten Mangel an Fach- und Hilfskräften, aber auch durch Lieferengpässe und damit verbundene Preissprünge getrübt. „In Osttirol standen 2021 in 297 Lehrbetrieben (+13 gegenüber 2020) 793 Lehrlinge in Ausbildung (-6 gegenüber 2020), was einen 0,8%igen Rückgang bedeutet. In vielen Branchen klagen die Unternehmen darüber, dass sie trotz intensiver Bemühungen offene Lehrstellen nicht besetzen können“, so Michaela Hysek-Unterweger, die damit einen Teilaspekt des allgemeinen Fachkräftemangels ansprach. Für ganz Tirol bezifferte WK-Präsident Christoph Walser die Anzahl der aktuell fehlenden Fachkräfte mit 33.000. „Wenn die Hochrechnungen bis 2040 stimmen, dann werden uns bis dahin noch einmal über 30.000 Arbeitskräfte fehlen – ein Riesenthema für die Zukunft!“ Als Lösungsansätze nannte er insbesondere die von Seiten der Wirtschaft schon seit längerem geforderte „Stärkung der Lehre“, aber auch den erforderlichen Ausbau der Kinderbetreuung. Außerdem sollten, so Walser, von Seiten der Politik Möglichkeiten geschaffen werden, dass Pensionisten ohne die derzeit hohe steuerliche Belastung zumindest teilweise ins Erwerbsleben (stundenweise z.B. als Urlaubsvertretung) zurückkehren könnten bzw. dass die Rahmenbedingungen für die Zuwanderung aus dem Ausland (Rot-Weiß-Rot-Karte) verbessert werden. Als große Chance für den Arbeitsmarkt bezeichnete er die Digitalisierung, die durch Corona an Schwung aufgenommen habe. „Schwere körperliche Arbeit könnte künftig durch Robotik ersetzt und Mitarbeiter nach einer entsprechenden Umschulung in anderen Bereichen eingesetzt werden.“

Tourismus, Dienstleister und stationärer Handel „schwer gebeutelt“

Dass der Tourismus inklusive der tourismusnahen Dienstleister und der stationäre Handel zu den von der Pandemie bzw. den damit verbundenen Lockdowns am stärksten betroffenen Branchen zählen, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Wie stark sich dies aber in den Nächtigungszahlen im Bezirk Lienz im Winter 2020/21 niederschlug, überraschte dann aber doch. Die dazu gehörenden Zahlen nannte Michaela Hysek-Unterweger: „Während wir 2019/2020 trotz vorzeitig beendeter Wintersaison noch 821.573 Winternächtigungen und einen Rückgang von `nur` 8,6 Prozent gegenüber dem Winter 2018/2019 verzeichnen konnten, ist die Wintersaison 2020/2021 mit nur mehr 63.160 (!) Nächtigungen bei den allermeisten Beherbergungsbetrieben total ausgefallen.“ Ein Lichtblick, so die WK-Bezirksobfrau, seien zwar die Zahlen der beiden vergangenen Sommersaisonen, was aber nicht über die Gesamtbilanz insbesondere des Tourismusjahres 2020/2021 hinwegtäuschen könne. „So wenige Nächtigungen gab es zuletzt Anfang der 1960er-Jahre – also vor der Eröffnung der Felbertauernstraße. Dass während der Lockdowns auch viele bisherige TourismusmitarbeiterInnen in andere Branchen wechselten und zudem weniger Arbeitskräfte aus dem EU-Ausland zur Verfügung standen, machte den Touristikern zusätzlich das Leben schwer.“

Im stationären Handel und bei den persönlichen Dienstleistern ließen sich, wie Michaela Hysek-Unterweger weiter ausführte, die Verwerfungen in Zahlen aktuell zwar noch nicht festmachen, als unleugbares Symbol der Krise sei aber zu werten, dass in letzter Zeit überdurchschnittlich viele Geschäfte in Lienz zugesperrt hätten. „Der Leerstand erfasst auch schon ehemalige Bestlagen. Dass hier nicht nur die Attraktivität der Stadt verloren geht, sondern auch Arbeits- und Ausbildungsplätze scheint vielen Konsumenten aber noch nicht bewusst zu sein. Eine Verbesserung der Situation ist wohl nur dann zu erwarten, wenn einerseits die Chancengleichheit zwischen stationärem und digitalem Handel wieder hergestellt wird und andererseits bei den KundInnen ein Umdenken bewirkt werden kann.“

 

„Unsere Wirtschaft wandelt sich aufgrund von Digitalisierung und Globalisierung in rasanter Geschwindigkeit. In einer immer komplexer werdenden Welt wird Bildung zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung Osttirols und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, so WK-Bezirksstellenleiter Reinhard Lobenwein.

 

Zukunft braucht Strategie

Auf den Beitrag der WK-Bezirksstelle Lienz zur weiteren Attraktivierung des Wirtschaftsstandortes Osttirol nahmen Bezirksobfrau Michaela Hysek-Unterweger und Bezirksstellenleiter Reinhard Lobenwein abschließend Bezug. „Hier bedarf es einerseits einer klaren Zielsetzung und andererseits aber auch einer entsprechenden Umsetzungsstrategie“, betonte Reinhard Lobenwein, der unisono mit der WK-Bezirksobfrau den Bereich Bildung als „Erfolgsfaktor für den ländlichen Raum“ bezeichnete. Im Rahmen von „Vordenken für Osttirol“ sollen demnach Veranstaltungen und Schwerpunktaktionen organisiert werden, wobei dabei immer auch das Thema Nachhaltigkeit mitspielt. Ein wichtiges Pilotprojekt soll die „Berufsakademie Lienz“ werden, die man in Zusammenarbeit mit der TFBS umsetzen will. Mit dem Campus Technik Lienz stehe, so Hysek-Unterweger, dem Bezirk ein wichtiges Bildungsinstrument zur Verfügung. Es sei diesbezüglich aber notwendig, Partner aus der Region in die Strategieentwicklung und in die Entscheidungsprozesse vermehrt einzubinden. Im ersten Quartal 2022 sollen mit Vertretern der UMIT-Tirol und mit dem Land Tirol als politischem Verantwortungsträger für die Region verbindliche Gespräche zur langfristigen Neupositionierung des Uni-Standortes Lienz geführt werden.

 

Text: E. Hilgartner, Fotos: Osttirol heute

18. Januar 2022 um