Flüchtlinge: Interview mit Georg Mackner von der TSD

Über die Tiroler Soziale Dienste GmbH will man von Seiten des Landes schneller auf die sich ständig verändernde Situation reagieren – ein Interview mit Dr. Georg Mackner.

Aufgabe der TSD, der Gesellschaft für die Flüchtlingsbetreuung in Tirol, ist es, sowohl die MitarbeiterInnen im Flüchtlingswesen – von der Heimleitung bis zum Handwerker – zu koordinieren, als auch einheitliche Standards in Betreuung, Verpflegung und Unterkunft umzusetzen. Vor allem will man von Seiten des Landes Tirol über die TSD auch schneller auf die sich ständig verändernde Flüchtlingssituation reagieren können und die Kommunikation mit der Tiroler Bevölkerung auf ein
möglichst sachliches Niveau heben. Der in der TSD für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Dr. Georg Mackner meint, dass das Thema ein sehr von Emotionen geprägtes sei, obwohl sich in den letzten Wochen viel zum Positiven hin verändert habe.

Herr Dr. Mackner, Europa und Österreich erleben derzeit einen Andrang von Flüchtlingen, der die Politik an ihre Grenzen bringt und die Gesellschaft spaltet wie kein anderes Thema. Noch ist kein Ende des Flüchtlingsstromes in Sicht. Wie ist die aktuelle Lage in Tirol?
Derzeit verzeichnen wir keine stark ansteigende Tendenz bei den Flüchtlingszahlen. Allerdings beobachten wir die Entwicklung sehr genau, da sich durch die Verlagerung der Fluchtrouten über Kroatien und Slowenien die Situation sehr rasch ändern kann. Aus diesem Grund finden auch tägliche Abstimmungsgespräche zwischen Polizei, Land Tirol sowie den Einsatz- und Hilfsorganisationen statt.

Wie viele Flüchtlingsheime werden derzeit von der TSD tirolweit koordiniert, wie viele sind es in Osttirol?
Bis vor rund 1,5 Jahren verzeichneten wir im Land 24 Unterkünfte für AsylwerberInnen, aktuell sind es
über 90. Der Bezirk Lienz beherbergt zurzeit in Lienz, Dölsach, St. Johann i.W. und Prägraten knapp 200 Flüchtlinge. Weitere 20 könnten bald in Virgen wohnen.

Gibt es weitere Angebote aus anderen Osttiroler Gemeinden? Was ist Ihnen in der Abstimmung zwischen Anbieter, Kommune und TSD wichtig?
Vorrangig ist das Miteinander, eine sensible Vorgangsweise, die die Interessen aller Beteiligten wahrt. Die Ernsthaftigkeit des Themas erfordert Sachlichkeit und Struktur, aber auch das Einbeziehen jener Menschen aus der Bevölkerung, die Ängste und Sorgen haben. Angesichts der Willkommenskultur, die
in den letzten Wochen um sich gegriffen hat – die Ankunft von flüchtenden Menschen wurde nicht selten wie ein Event gefeiert – sind jene, die Bedenken äußern, in den Hintergrund gedrängt worden. Mir geht es darum, dass auch sie gehört werden. Aus Osttirol haben wir einige weitere Angebote vorliegen, doch müssen diese zuerst geprüft und mit den Gemeinden abgestimmt werden. Mein Anspruch an die Diskussion ist es, ausgewogen und frühzeitig zu informieren und die Anliegen aller Seiten gut zu moderieren. Im Regelfall ist eine gute Lösung möglich. Sollte der Widerstand jedoch zu groß sein, sehen wir von der Installierung eines Flüchtlingsquartieres ab.

Vor allem in den Landgemeinden besteht der Wunsch, dass Familien mit Kindern in den Quartieren untergebracht werden. Am Beispiel von Prägraten wird deutlich, dass es aber vor allem ledige, junge Männer sind. Nach welchen Kriterien erfolgt die Zuweisung der AsylwerberInnen?
Die Realität zeigt, dass primär der alleinstehende Mann und nicht die Familie mit Kindern flieht. Natürlich bemühen wir uns – im Rahmen der TSD ist dafür das sogenannte Belegsmanagement zuständig – sehr, die Menschen so zu verteilen, wie es für alle Seiten am zuträglichsten ist. Dabei müssen jedoch viele Faktoren, wie u.a. unterschiedliche Nationalitäten, das Vorhandensein notwendiger Infrastrukturen vor Ort (z.B. Kindergärten und Schulen für Flüchtlingskinder) oder auch die Logistik und Organisation der Betreuung berücksichtigt werden.

Wie erfolgt die medizinische Versorgung jener, die aus ihren Heimatländern geflüchtet sind? Die medizinische Erstversorgung ist Aufgabe des Bundes. Nach Zuteilung an die einzelnen Bundesländer und dem Erreichen entsprechender Quartiere in Stadt- oder Landgemeinden erfolgt diese über niedergelassene Ärzte vor Ort, in Abstimmung mit der jeweiligen Heimleitung.

Welche Möglichkeiten der Unterbringung gibt es?
Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen Vollversorgungs- und Selbstversorgungsstrukturen. Erstere
sind mit vier derart strukturierten Heimen in Tirol klar in der Unterzahl. Bei den meisten Einrichtungen, etwa wie in der Angerburg in Lienz, erhalten die AsylwerberInnen 240 Euro pro Kopf und Monat und bestreiten damit alle Ausgaben für Verpflegung etc. selbst.

Die TSD hat vor Kurzem auch eine Hotline ins Leben gerufen, die Sachspenden aus der Bevölkerung an die richtigen Empfänger kanalisiert bzw. Auskünfte an interessierte Ehrenamtliche erteilt. Was können Sie uns dazu sagen?
Alle jene, die einen Beitrag leisten möchten, können von Montag bis Freitag zwischen 8.00 und 18.00
Uhr unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800/080 777 anrufen. Dort erfahren sie, was akut benötigt wird und wo und wann eine Sachspende abgegeben werden kann. Dies gilt auch für Menschen, die sich ehrenamtlich mit ihrer Zeit und ihrem Können zugunsten von Flüchtlingen engagieren wollen. Des Weiteren werden auch Immobilienangebote sowie sonstige Anliegen, Wünsche und Anregungen von der Spendenhotline entgegengenommen.

Text: E. Hilgartner, Foto: Brunner Images

23. September 2015 um