Iris Unterhofer: Von der wundervollen Kraft der Märchen und der Natur

Iris Unterhofer aus Taxenbach im Pinzgau hat ihre Leidenschaft für Geschichten und die Natur zu einem besonderen Lebensweg gemacht. Seit 14 Jahren ist sie freiberuflich als Märchenerzählerin, Wildnispädagogin und Kräuterfachfrau tätig.

Ihre Großmutter, der gelbe Lesestuhl und ein altes, vergilbtes Märchenbuch, das einst ihrem Urgroßvater gehörte – Iris führt ihre Leidenschaft für Märchen und Sagen auf diese drei Dinge zurück. „Meine Großmutter las mir aus dem Buch vor, und mit jeder Erzählung tauchte ich tiefer in neue Welten ein. In Baumhöhlen, unter Wurzeln und in Felswänden glaubte ich, geheimnisvolle Wesen zu erkennen, als ich als Kind durch die Natur streifte!“

 

 

Nachdem Iris die Ausbildung zur Sozialarbeiterin abgeschlossen hatte, führte sie ihr Weg zunächst nach Tansania. In Arusha, am Fuße des Kilimanjaro, arbeitete sie an einem Projekt mit Straßenkindern mit. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass Mädchen und Buben, ein afrikanischer Freund und ich an einem heißen Vormittag im mintgrünen Klassenzimmer saßen. Die Kinder begannen, Märchen zu erzählen, schlüpften in die Rolle von Hasen, einer Schildkröte und einer Hyäne. Die Motive und Inhalte der tansanischen Erzählungen waren für mich neu – und dennoch schienen mir die Bilder vertraut. So wurden die Märchen aus meiner Kindheit wieder lebendig!“

 

 

Nachdem sie in den Pinzgau zurückgekehrt war, nahm Iris ihre Arbeit als Sozial- und Jugendpädagogin auf. Die studierte Sozialarbeiterin war unter anderem in der Bewährungs- und Haftentlassenen-Hilfe und in der Jugendwohlfahrt tätig. Mit Jugendlichen verbrachte sie viel Zeit in den Wäldern, und auch in der Freizeit war sie vor allem in der Natur zu Hause. In dieser Zeit absolvierte sie auch die Ausbildungen zur Wildnispädagogin und Kräuterfachfrau. „Ich hatte das Gefühl, dass noch etwas fehlte. Diese Lücke füllte ich mit dem Lehrgang ‚Märchen begreifen‘ und mit der intensiven Beschäftigung mit Märchen. Nun konnte ich das Märchenhafte in der Natur und die Natur in den Märchen zusammenführen.“

 

 

Die Sozialarbeit trat immer mehr in den Hintergrund. Seit 2010 arbeitet die Pinzgauern nun als freiberufliche Märchenerzählerin, Wildnispädagogin und Kräuterfachfrau. „2022 ist die Biografiearbeit hinzugekommen, die wunderbar mit meiner bisherigen Tätigkeit verschmilzt.“ Von der Märchenwanderung durch den geheimnisvollen Wald über Auftritte in Schulen, Kindergärten, in Bibliotheken, Seniorenheimen und Museen bis hin zu großen Veranstaltungen – Iris hat immer die passenden Geschichten mit im Gepäck.

 

 

„Als Erzählstoff verwende ich am liebsten alte Volksmärchen aus aller Welt sowie Sagen aus dem Alpenraum – speziell aus Salzburg, dem Pinzgau und Pongau. Besonders gerne erzähle ich auch im Pinzgauer Dialekt.“ Ihr vielfältiges Angebot fasst die Salzburgerin unter dem Namen „Schermtax“ zusammen. Der Begriff aus dem Pinzgauer Dialekt beschreibt eine freistehende Fichte mit ausladenden Ästen. „Seit jeher suchen Mensch und Tier unter der Schermtax Schutz – bei Regen und Schnee, bei Sonne und Hitze. Viele verweilen unter dem Baum, um die Natur und die Umgebung zu beobachten, zusammenzusitzen und sich gegenseitig Geschichten zu erzählen.“

 

 

Unterstützung bei ihrer Arbeit erhält Iris oft von ihrem Mann Martin. Er ist im Südtiroler Ahrntal aufgewachsen und begab sich 2007 auf die andere Seite des Alpenhauptkammes, ins salzburgerische Innergebirg. Zuvor war Martin in Neuseeland und Indien, in Südamerika sowie China unterwegs und arbeitete auch als Wegmacher und für einen Dokumentarfilmer. „Im Pinzgau war ich viele Jahre als Nationalpark-Ranger und später als hauptberuflicher Wanderführer tätig. Meine Neugierde und mein Wissensdrang lassen mich in unserer Bergwelt immer noch Neues und Spannendes entdecken – von den Wildtieren, Pflanzen und Pilzen bis hin zu den Gletschern“, erzählt er.

 

 

Martin arbeitet mittlerweile als EDV-Techniker, begibt sich aber im Rahmen von „Schermtax“ mit Kindern und Erwachsenen immer wieder als Wanderführer, Naturerlebnispädagoge und Trail Running Guide auf Entdeckungsreise in die Natur. Workshops, Natur- und Märchenerlebnistage für Jung und Alt sowie insbesondere auch Camps bieten Iris und Martin inzwischen auf der Bucheck Alm in Fusch an der Glocknerstraße an. Die beiden haben die Hütte mit Platz für bis zu 15 Personen vor drei Jahren liebevoll instandgesetzt.

 

 

„Ob in der stillen Winterlandschaft oder im Sommer, wenn unsere Schafe und Zwergesel auf der Almweide grasen – Bucheck sehen wir als Ort der Begegnung, an dem Kreativität, das Abenteuer, das Entdecken und Erforschen, das Erzählen und Lauschen zu Hause sind. Die Alm birgt wundervolle Schätze, die uns in der Einfachheit die Fülle spüren lassen“, beschreiben Iris und Martin diesen besonderen Ort in den Hohen Tauern.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Franz Reifmüller, Schermtax

29. November 2024 um