Von Skulptur und Form: Bildhauer Max Seibald und sein „My Space 192“
In Großkirchheim hat Max Seibald mit „My Space 192“ einen Dreh- und Angelpunkt des kulturellen Austausches im Mölltal und darüber hinaus geschaffen.
Aufgewachsen ist Max Seibald in der kleinen Fraktion Apriach in Heiligenblut. Zunächst absolvierte er bei Josef Pichler in Großkirchheim eine Tischlerlehre. „Bei meinem ersten Lehrmeister habe ich sehr viel über skulpturale Holzbearbeitung gelernt. Das hat mich so fasziniert, dass ich mich dazu entschloss, in einer privaten Bildhauerschule in Bad Kleinkirchheim die Ausbildung zum Bildhauer zu beginnen“, erzählt der heute 55-Jährige.

Nach erfolgreichem Schulabschluss zog es den Mölltaler nach Wien. Hier studierte er an der Akademie für bildende Künste zunächst bei Joannis Avramidis und später bei Michelangelo Pistoletto. Es folgte ein Studium an der Università di Venezia bei Antoni Muntadas. „Ich wollte immer schon nach Italien, dessen Kunst und Architektur eine große Anziehungskraft auf mich ausüben. Während des Studiums in Venedig konnte ich u.a. an einem Projekt im Dogenpalast mitarbeiten“, erzählt er.

Für gewöhnlich arbeitet Max Seibald mit Metall, Stein, Gips, Beton, Glas oder Holz. Manchmal widmet er sich, wie z.B. bei einem Projekt am Kitzsteinhorn, auch Werkstoffen wie Eis und Schnee, die der Vergänglichkeit ausgesetzt sind. Auf der Insel Krk in Kroatien hat er vor Jahren ein altes, verfallenes Steinhaus angekauft und dieses restauriert. „Eine Zeitlang habe ich in Kroatien gelebt und gearbeitet. Auch heute zieht es mich immer wieder an diesen wunderbaren Ort am Meer zurück.“

2011 richtete sich der Mölltaler in einem Gründerzeithaus im 7. Wiener Gemeindebezirk ein Atelier ein, dem er den Namen „Expositure“ gab. „Im Winter lebe und arbeite ich in der österreichischen Bundeshauptstadt, die Sommer verbringe ich aber großteils in Großkirchheim und versuche hier alljährlich mit einer Sommerausstellung einen kulturellen Beitrag für die Region zu leisten“, so der Bildhauer. Im August 2023 wird im Atelier „My Space 192“ die Ausstellung „Unbedingt“ zu sehen sein, die Max Seibald gemeinsam mit Lilian Mattuschka gestaltet.

„My Space 192“ – so hat Max Seibald das ehemalige Sattlerhaus im Großkirchheimer Ortsteil Döllach benannt, das er 2018 sprichwörtlich aus seinem Dornröschenschlaf erlöste. „Ich wollte ein Objekt an der Schnittstelle zwischen Skulptur und Haus schaffen“, erklärt er seine Intention. „Im Erdgeschoß habe ich ein Atelier eingerichtet, Obergeschoß und Dachgeschoß sind dem Wohnen und Arbeiten vorbehalten.“

Das Haus Döllach 192 fügt sich, direkt neben der alten Zinkhütte „Kohlbarren“ gelegen, eng und mit urbanem Charakter in die ehemals durch Bergbau und Handwerk geprägte dörfliche Struktur ein. „Der längliche Bestandskörper ist im Kern erhalten geblieben, wurde jedoch durch das Auseinanderschieben und Anheben des Satteldaches in seiner Struktur verstärkt und zeitgemäß der geänderten Nutzung angepasst. Die Cortenstahl-Verkleidung ergibt mit den gezielt gesetzten, flexibel nutzbaren Öffnungen eine skulpturale Gesamtwirkung. Vor allem das Erdgeschoß kann so entweder den Ort ins Gebäude holen oder sich verschließen.“
Für die wenigen raumbildenden Einbauten und die Wände nutzte der Bildhauer Lehmputz, Weichfaser- und Sperrholzplatten. Die gekonnt eingesetzten Materialien ergeben ein visuelles Paradoxon. Denn die Harmonie von „My Space 192“ folgt dem Prinzip der Kontraste. Das Gewicht und die Leichtigkeit der Skulptur spiegeln das Gleichgewicht der Proportionen in der Ordnung der Natur wider. Aus den Kontrasten, die zwischen Wasser, Fels, Luft und Erde bestehen, schöpft Max Seibald immer wieder Inspirationen für sein künstlerisches Schaffen.

„Hohlformen“ nennt Max Seibald seine jüngste Arbeitsserie, bei der er dicke Holzstämme bearbeitet. „Aus einer kompakten Materie entstehen eine äußere Form und ein innerer Raum. Letzterer wirkt auf die Umgebung, indem er sie integriert.“ Die Materialressourcen für die Serie „Hohlformen“ ergaben sich nach dem Sturmtief VAIA im Jahr 2018. Aufgrund der damaligen Situation kam es, wie es der Künstler ausdrückt, „zur Formfindung. Ich will einen künstlerischen Zusammenhang zwischen meinen Hohlformen und der Natur bzw. der örtlichen Umgebung herstellen“, merkt er dazu an.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Elias Bachmann, Max Seibald





