Traditionelle Kunst und altes Handwerk: Vom „Bronzegießen“ im Virgental

Die Magie des Bronzegießens fasziniert die Bildhauer Georold Leitner und Michael Lang. Gemeinsam mit Kollegen schaffen sie komplexe und detailreiche Skulpturen aus Bronze.

Das Bronzegießen ist eine alte Handwerkskunst, deren Geschichte tausende von Jahren in die so genannte „Bronzezeit“ zurückreicht. Diese ist in Mitteleuropa circa ab 2.200 vor Christus fassbar. Ihren Namen erhielt die Epoche aufgrund der Verwendung von Bronze als dominierendem Werkstoff. Bronze entstand durch die Zugabe von Zinn im Rahmen der bereits seit der Jungsteinzeit bekannten Kupferverarbeitung.

Die Technik verbreitete sich rasch. Sie eröffnete aufgrund der größeren Härte und leichteren Verarbeitung des Materials neue Verwendungs- und Gestaltungsmöglichkeiten, setzte aber großes handwerkliches und künstlerisches Können voraus. Dies gilt auch für die heutige Zeit. Das Handwerk ist aufwändig, bis zur fertigen Bronze-Skulptur gibt es je nach Verfahren zahlreiche Arbeitsschritte.

 

 

„Mich faszinieren die unbegrenzten Möglichkeiten, die das Material Bronze bietet, ebenso wie das Spiel mit den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft. In früheren Zeiten wurden vor allem Waffen, Werkzeuge, Alltagsgegenstände und Schmuck aus Bronze hergestellt“, erzählt Gerold Leitner. Bereits zum vierten Mal hat der aus Prägraten stammende Bildhauer heuer die Siegertrophäen für den Red Bull Dolomitenmann-Bewerb geschaffen. „Es handelt sich um vier Bronze-Skulpturen, jeweils eine für den besten Bergläufer, Paragleiter, Mountainbiker und Kajaker“, sagt er und berichtet, dass die Bronzefiguren nach dem Wachsausschmelzverfahren hergestellt werden. „Es freut mich sehr, dass mir meine Kollegen bei der aufwändigen Herstellung der Trophäen immer sehr behilflich sind“, so Gerold.

 

 

Die grundlegende Technik des Bronzegusses besteht darin, flüssige Bronze in eine vorbereitete Form zu gießen und sie dann so lange abkühlen zu lassen, bis sie erstarrt und die gewünschte Form annimmt. Das Wachsausschmelzverfahren, nach dem die Bildhauer aus dem Virgental ihre Objekte herstellen, ist auch als „Technik der verlorenen Form“ bekannt.

 

Gerold Leitner (links) und Michael Lang stellen in der Steinbildhauerwerkstatt in Virgen zusammen mit ihren Kollegen Bronzeguss-Arbeiten her

 

Der Prozess beginnt mit der Erstellung eines Modells, das als Grundlage für die spätere Gussform dient. Es kann aus verschiedenen Materialien hergestellt werden. „Wir fertigen das Modell meist aus Keramik oder Holz. Es wird mit Silikon und einer überlappenden Stützschale aus Gips abgeformt. Diese Form wird anschließend vom Modell genommen, sodass man damit den Hohlraum für die Wachsschale erhält. Anschließend wird Wachs in die Schale gestrichen oder gegossen. Wenn das Wachs abgekühlt ist, wird es aus der Form genommen, und es werden Guss- und Belüftungskanäle angebracht. Das Modell für die spätere Bronzeskulptur wird schließlich in Flüssigkeramik getaucht und mit verschiedenen Silikaten besandet, um auf die gewünschte Formstärke zu kommen“, erläutert Gerold die ersten Schritte.

 

 

Im weiteren Herstellungsprozess wird die Form in einem Ofen auf 800 Grad erhitzt, wodurch das Wachs im Inneren schmilzt und aus der Form fließt. Dann kann der eigentliche Bronzeguss starten. „Nach dem Abfließen des Wachses bleibt ein Hohlraum zurück, der die genaue Form des ursprünglichen Modells widerspiegelt. In die heiße Hohlform wird die flüssige, auf rund 1.200 Grad erhitzte Bronze, die wir selbst aus Kupfer und Zinn legiert haben, gegossen. Die Bronze füllt alle Bereiche der Form aus und nimmt die Gestalt der gewünschten Skulptur an“, informiert Michael Lang, Gerolds Bildhauer- und Künstlerkollege aus Virgen.

 

 

Nachdem die Bronzeskulptur ausreichend erstarrt ist, wird die Keramikschale zerschlagen. Die Bronzeskulptur hat nun die Form des ursprünglichen Wachsmodells. Die Gusskanäle werden entfernt, und die Skulptur kann weiterbearbeitet werden. „Wir sind sehr froh, dass wir inzwischen den gesamten Prozess des Bronzegießens in unserer Werkstatt selbst durchführen können und dass es nicht mehr erforderlich ist, einzelne Arbeitsschritte aus der Hand geben zu müssen. Beim Bronzegießen können immer wieder auch unerwartete Ereignisse auftreten. Das kann dazu führen, dass sich zufällig auch neue Formen bilden, die uns Bildhauern dann nicht selten auch als Quelle für neue Ideen und Inspirationen dienen“, betont Gerold Leitner.

 

„Scyscraper” von Michael Lang

 

Dass die Heimat der beiden Bildhauer, das Virgental, ein „Tal der Kunst“ ist, ist längst schon über die Grenzen des Bezirkes Lienz hinaus bekannt. Dem Tal entstammen zahlreiche ganz besondere Künstlerpersönlichkeiten. „Das Bronzegießen hatte in unserer Region übrigens schon in vorchristlicher Zeit Bedeutung“, meinen Gerold und Michael abschließend.

 

„Vergänglichkeit des Lebens“ von Gerold Leitner

 

Ein Hinweis auf die lange Tradition der Bronzegusstechnik ist die „Situla von Welzelach“, ein kleiner verzierter Eimer aus Bronze. Er stammt wie andere Artefakte aus einem Gräberfund im Virger Ortsteil Welzelach. Bei systematischen Grabungen stieß man dort auf 56 Gräber mit zahlreichen Beigaben wie Lanzenspitzen, Messer und Beile aus Eisen, Ringe, Armreifen und Fibeln aus Bronze sowie Bruchstücke aus Ton. Die Bronze-Situla ist rund 2.500 Jahre alt und zeigt in Reliefs Szenen aus dem Alltagsleben der damaligen Bevölkerung. Sie wird heute in der Wissenschaft als Glanzstück des Gräberfundes in Welzelach betrachtet.

 

„Atlas“ von Michael Lang

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Hannes Berger

19. Oktober 2023 um