Im Stadtarchiv Mittersill wird Geschichte lebendig

Rund 250 Archivkartons, tausende Fotos und eine Fachbibliothek mit 2.000 Bänden: Das Stadtarchiv Mittersill ist das zentrale Gedächtnis der Oberpinzgauer Stadt. Seit Jänner 2023 leitet Gundi Egger die Einrichtung.

Was im Stadtarchiv Mittersill aufbewahrt wird, ist mehr als „nur“ Papier. Es ist Erinnerung. Zwischen Archivkartons, alten Protokollen und vergilbten Briefen wird Geschichte greifbar. In den Räumen im Mittersiller Felberturm lagern rund 250 Kartons mit historischen Unterlagen zur Stadtgeschichte, Sammlungen lokaler Printmedien, Vereinsprotokolle sowie Nachlässe bedeutender Persönlichkeiten, wie zum Beispiel jener von Kanonikus Josef Lahnsteiner.

 

 

Neue Leitung seit 2023

Seit etwas mehr als drei Jahren leitet Gundi Egger das Stadtarchiv. Die gebürtige Mittersillerin war viele Jahre lang als Amtsleiterin in ihrer Heimatgemeinde Stuhlfelden tätig, bevor sie 2019 ihre Pension antrat. Das Stadtarchiv Mittersill hat sie von Hannes Wartbichler übernommen, der die Einrichtung ab 2010 aufgebaut und über mehr als ein Jahrzehnt mit großem Fachwissen, historischer Genauigkeit und persönlichem Engagement geprägt hat. „Hannes Wartbichler war in der Hauptschule mein Geschichtelehrer. Er hat meine Begeisterung für historische Themen geweckt und er hilft mir noch heute, wenn ich in Sachen Stadtarchiv etwas benötige.“

Als die Stadtgemeinde Mittersill mit der Frage an sie herantrat, ob sie das Stadtarchiv zukünftig leiten wolle, hatte Gundi Egger bereits Erfahrungen im Archiv- und Chronikwesen gesammelt. Für den „Archivführer Oberpinzgau“ verfasste sie einen Beitrag über Stuhlfelden, baute dort das Gemeindearchiv auf und war Schriftleiterin der Ortschronik. 2018 absolvierte sie einen Archivkurs in Wien und vertiefte ihr Fachwissen regelmäßig im Rahmen von Chronistenseminaren im Salzburger Landesarchiv.

 

 

Umfangreiche Bestände und Online-Archiv

Früher war das Stadtarchiv Mittersill im Gemeindehaus untergebracht, heute befindet es sich auf dem Areal des Felberturmmuseums. Neben den umfangreichen Aktenbeständen umfasst es auch eine große Fotosammlung, Ansichtskarten, Dias sowie eine Fachbibliothek mit rund 2.000 Bänden zu regionaler Geschichte, Brauchtum und Volkskultur.

Ein besonderes Anliegen von Gundi Egger ist die Topothek, ein digitales, gemeindebasiertes Online-Archiv, in dem historisches Material aus der Bevölkerung gesammelt, gesichert und öffentlich zugänglich gemacht wird. „Die Topothek ist eine wunderbare Möglichkeit, regionale Erinnerungen zu bewahren und Geschichte sichtbar zu machen. Sie lebt als Mitmach-Archiv davon, dass die Menschen selbst aktiv werden“, erklärt die Stadtarchiv-Leiterin. „Wir möchten, dass sich die Bevölkerung dafür interessiert, alte Fotos bringt und ihre Erinnerungen mit uns teilt. So wird auch das Stadtarchiv geöffnet. Jeder kann über den Link Topothek Mittersill online einsteigen und Fotos betrachten.“

 

 

Monatliche Stammtische

Dieses Öffnen geschieht auch bei den monatlichen Archivstammtischen, die jeden ersten Dienstag im Monat stattfinden. An diesen Abenden werden historische Themen vorgestellt und diskutiert – von Familienforschung über die Erstbesteigung des Großvenedigers bis hin zu regionalen Bräuchen. Am 3. Feber 2026 stand etwa das Thema „Schlengern – Arbeitsplatzwechsel zu Maria Lichtmess“ im Mittelpunkt. Brigitte Niederseer, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Stadtarchiv, referierte dazu kompetent vor zahlreichen Interessierten.

Vielfältige Kontakte und Kooperationen

Für Gundi Egger bedeutet Archivarbeit auch gelebte Gemeinschaft und das Miteinander von gestern, heute und morgen. So arbeitete das Stadtarchiv etwa mit den Mittelschulen Mittersill, Bramberg und Neukirchen an einem Projekt über die Zeit des Nationalsozialismus zusammen. Dabei übernahm Gundi Egger den Teil zu den Feldpostbriefen. Rund 280 dieser Zeitzeugnisse lagern im Mittersiller Archiv.

 

 

Im Rahmen eines Leader-Projekts gemeinsam mit dem Tourismusverband wurde weiters auch die Baugeschichte der Region erforscht. Dabei ging es um die Entwicklung der Häuser in Mittersill, Stuhlfelden und Hollersbach. „Wichtig ist das Sichtbarmachen unseres Stadtarchivs“, betont Gundi Egger. Diesem Anliegen widmet sie sich auch in ihrer regelmäßigen Kolumne in der Zeitschrift Oberpinzgau+.

Darüber hinaus steht das Stadtarchiv in engem Kontakt mit Menschen, die nach historischen Spuren suchen. Viele Anfragen erreichen Gundi Egger von Wissenschaftlern, Studenten oder aus der Bevölkerung. Manche Recherchen gestalten sich besonders bewegend. „So hat uns beispielsweise ein Mann aus der Schweiz geschrieben, der mehr über seine Großmutter erfahren wollte, die als KZ-Gefangene während der NS-Zeit auf Schloss Mittersill arbeiten musste. Als wir passende Dokumente fanden, war die Freude bei den Angehörigen groß. Ein Teil der Familiengeschichte konnte wieder ans Licht gebracht werden.“

Das Stadtarchiv Mittersill ist also weit mehr als ein Ort, an dem Dokumente verwahrt werden – es ist ein lebendiger Raum der Erinnerung und eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

 

 

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Franz Reifmüller

02. April 2026 um