Wurzelbehandlung – Franui spielt in Innervillgraten auf

Die Musicbanda Franui tritt am Samstag, 9. Mai, um 20.00 Uhr, in Innervillgraten mit ihrem Programm „Wurzelbehandlung“ auf – ein Interview mit Gründer Andreas Schett.

Herr Schett, Sie sind Senior Consultant und Gründungsmitglied der Tiroler Festspiele Erl. Was bedeuten die Festspiele heute für Sie?

Die Tiroler Festspiele Erl waren das erste große Kulturunternehmen, bei dem ich von Anfang an dabei war. Wenn man an eine Idee glaubt und beharrlich bleibt, dann steht irgendwann ein großes Haus da, die Konzerte sind ausverkauft, und die Karteneinnahmen gehen in die Millionen. Davon bin nicht nur ich beeindruckt.

Wie sind Sie zu Ihrem Engagement bei den Tiroler Festspielen Erl gekommen?

Gustav Kuhn war auf der Suche nach einem Unternehmen, das das Design für die Festspiele umsetzen sollte. Er wandte sich an meine Grafik-Firma Circus – das war 1997. Im Laufe der Zusammenarbeit wurde ihm bewusst, dass ich Musiker mit Festivalerfahrungen bin. Die Kulturwiese in Innervillgraten hatte ein Jahr zuvor ein abruptes Ende gefunden. Wir haben dann gemeinsam begonnen, das Festival in Erl auch inhaltlich zu erfinden. Heute sind Gustav Kuhn und ich die einzigen der damaligen Gründungsmitglieder, die noch dabei sind. In die Programmplanung bin ich inzwischen weniger eingebunden, schließlich nimmt die Arbeit mit der Musicbanda einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch. Mit Franui treten wir aber regelmäßig bei den Festspielen in Erl auf – meistens vor ausverkauftem Haus.

Das Festival ist mit Richard Wagner groß geworden. Spielt Franui auch Wagner?

Vor der ersten großen Ring-Inszenierung unseres Freundes Sven-Eric Bechtolf an der Wiener Staatsoper haben wir für ein Matinee-Konzert drei sogenannte „Ring-Cocktails“ geschrieben. Die Musik, die ich am liebsten höre, spielen wir auch mit  Franui – also Schubert, Mahler, Schumann usw. Das ist die Musik, die uns begeistert. Wir deuten sie neu und halten sie deshalb lebendig. Die Werke Wagners sind eine andere Baustelle: großes Orchester, große Stimmen, große Konzeption, große Oper, großes Gesamtkunstwerk.

Was spielt Franui im Sommer 2015 in Erl?

Im kommenden Sommer setzen wir in Erl gemeinsam mit dem Puppenspieler Nikolaus Habjan ein neues Projekt um. Eine erste Zusammenarbeit gab es 2012 am Burgtheater im Rahmen der Produktion „Fool of Love“. Zusammen mit Karsten Riedel haben wir als Musicbanda damals Shakespeare-Sonette vertont. Das neue Projekt mit Nikolaus Habjan nennt sich „Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“. Beim Matinee-Konzert am 12. Juli 2015 im Festspielhaus Erl dreht sich alles um das Motiv des Wanderers. Die Musik kommt von Franui, wir spielen frei nach Schubert, Schumann und Mahler. Die Sätze, die die Puppe bzw. Nikolaus Habjan spricht, kommen aus der Feder von Robert Walser. Es ist faszinierend, wie realistisch und bewegend mittels dieser Klappmaulpuppe, die alles hinter sich lässt, um sich auf die Suche zu begeben, Gefühle vermittelt werden können – wenn sie lacht, wenn sie traurig oder wenn sie verunsichert ist. Die Uraufführung von „Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“ hat übrigens schon stattgefunden – beim Osterfestival 2015 „Imago Dei“ im Klangraum Krems – und es ist irrsinnig gut angekommen.

Mit welchen Projekten setzt sich Franui derzeit auseinander?

Ein großes Projekt ist ein Festival mit dem Titel „Gemischter Satz“. Wir spielen in allen Sälen des Wiener Konzerthauses. Es geht darum, dass die verschiedenen Kunstformen zusammengemischt werden wie beim „Gemischten Satz“ die Rebsorten. Musik, Literatur, Bildende Kunst und Wein werden zusammengeführt. Franui ist der Gastgeber – also das Ensemble, das das Ganze erfindet und programmiert. In wechselnder Zusammensetzung musizieren die Geigensolistin Carolin Widmann, der Bariton Florian Boesch, der Pianist Christoph Berner, Wolfgang Mitterer, das Artemis Quartett, Franui, Alma, Catch-Pop String-Strong und Soyka Stirner. Die Schauspieler Peter Simonischek, Dörte Lyssewski und Reinhold Moritz geben mit ihren grandiosen Stimmen Weltliteratur zum Besten, in der das Wort Wein vorkommt. Es geht um eine künstlerische Wanderschaft zwischen den einzelnen Sälen – Wasser, Wein und anderes werden angeboten. Zum Schluss erfährt das Festival einen Transformationsprozess und wird zum großen Fest.

Mit „Wurzelbehandlung“ besinnt sich Franui seiner Wurzeln und tritt mit diesem Programm auch in kleinen Orten auf. Warum diese Rückbesinnung?

Franui ist inzwischen in vielen großen Musikhäusern und -sälen Europas präsent. Wir möchten aber auch wieder dorthin zurück, wo wir vor mehr als 20 Jahren begonnen haben. Aus diesem Grund haben wir das Format „Wurzelbehandlung“ kreiert. Wir kehren mit diesem Programm sprichwörtlich zu unseren Wurzeln zurück, beschäftigen uns mit unserer Herkunft. Die Wurzelbehandlung ist in kleineren Orten – wie Uderns, St. Johann in Tirol – genauso zu sehen wie in Innsbruck und Brixen. Am 9. Mai spielen wir dieses Programm in Innervillgraten. Wir greifen dabei auf Material zurück, das wir zu Beginn unserer musikalischen Laufbahn gespielt haben – beispielsweise Stücke unserer ersten CD „Drüben“. Die Wurzelbehandlung beim Zahnarzt kann mitunter unangenehm sein, vor unserer Wurzelbehandlung braucht niemand Angst zu haben. Ganz im Gegenteil – man darf sich darauf freuen.

Ein weiteres Format, mit dem Franui in großen Häusern auftritt, nennt sich „Tanz Boden Stücke“. Können Sie uns dazu etwas sagen?

Wir haben „Tanz Boden Stücke“ gemeinsam mit Wolfgang Mitterer konzipiert und spielen dabei Tanzmusik aus inneralpinen Gebieten und aus der Tiefebene. Die musikalische Inspiration dafür stammt von Schubert ebenso wie von Béla Bartók, einem der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Dieses Programm führt quer durch alle musikalischen Epochen und Stile. Die beiden Schauplätze Friedhof (Trauermärsche) und Tanzboden (Tanzmusik) interessieren uns bekanntlich schon seit Längerem. Beides Mal steht eine rechteckige Fläche im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ich spreche ziemlich viel Text – fast ½ Stunde – in breitestem Villgraterisch, was simultan in Übertiteln übersetzt wird. Zu sehen ist das Programm demnächst in der Kölner Philharmonie, in der Elbphilharmonie Hamburg, bei den KunstFestSpielen Herrenhausen in Hannover, bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, im Landestheater in Innsbruck, im Rahmen der Klangspuren Schwaz und im Wiener Konzerthaus. Für das Frühjahr 2016 planen wir, „Tanz Boden Stücke“ auch in Lienz zur Aufführung zu bringen.

Danke für das Gespräch!

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Interview: Raimund Mühlburger, Fotos: Julia Stix, Reiner

08. Mai 2015 um