Ein besinnliches Fest zwischen den Welten
Bei uns gedenkt man den Verstorbenen an Allerheiligen und Allerseelen, doch rund um die Welt werden zu dieser Zeit des Jahres Feste zur Ehrung der Ahnen zelebriert.
Im katholischen Glauben wird der Zeitraum von 1. bis 8. November als „Seelenwoche“ bezeichnet. Zu dieser Zeit des Jahres ehren viele Kulturen und Religionen auf der ganzen Welt ihre Ahnen und Verstorbenen. Früher dachte man, dass in diesen Tagen die „armen Seelen“ anwesend wären, heute dient der Tag dem Gedenken „aller Heiligen“ bzw. aller Verstorbenen. Die Gräber werden feierlich geschmückt und Kerzen tauchen die Gottesäcker in mystisch-verträumte Stimmung. Am Allerheiligentag am 1. November laden die Pfarren zum Gedenkgottesdienst am Nachmittag auf den Friedhof zum gemeinsamen Gebet für alle Verstorbenen.
Der älteste Hinweis auf dieses katholische Totenfest findet sich im 4. Jahrhundert, wenn auch zunächst als Gedenktag für Märtyrer am Sonntag nach Pfingsten. Während in der (orthodoxen) Ostkirche dieses Fest samt Termin erhalten wurde, tauchte in der Westkirche das Allerheiligenfest im 8. Jahrhundert in Irland und England Ende Oktober, Anfang November auf. Mitte des 9. Jahrhunderts führte Papst Gregor IV. den Allerheiligen-Tag ganz offiziell auch in Kontinentaleuropa ein. Der Allerseelentag am 2. November ist der eigentliche Gedenktag für die Verstorbenen und geht zurück auf den Abt Odilo aus dem französischen Kloster Cluny, der Ende des ersten Jahrtausends alle unterstellten Klöster anhielt, den dahingeschiedenen Gläubigen zu gedenken.
Der 31. Oktober, der „Reformationstag“ ist im evangelischen Glauben seinem Begründer Martin Luther gewidmet, der am Tag vor Allerheiligen im Jahr 1517 seine 95 Thesen zu Ablass und Buße an die Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen und damit die Reformation der Kirche eingeleitet haben soll. Das evangelische Gegenstück zu Allerheiligen ist daher der „Ewigkeitssonntag“, auch „Totensonntag“ genannt, der zum Gedenken an die Verstorbenen aufruft. Es ist der letzte Sonntag vor dem ersten Adventsonntag und damit der letzte des evangelischen Kirchenjahres. Er fällt heuer auf den 24. November.
In direktem Zusammenhang mit Allerheiligen steht das heute nicht mehr nur im amerikanischen Raum ausgiebig gefeierte „Halloween“. Das Wort entstammt dem ursprünglichen „All Hallow’s Eve“, die Nacht vor Allerheiligen, abgeleitet vom Wort „Hallow“, zu Deutsch „Heiliger“. Die Iren pflegten diesen Brauch, entwickelten ihn weiter und brachten ihn in die USA, wo das Fest aus einer Mischung von keltischen und heidnischen Einflüssen seinen weltweiten Siegeszug antrat. Heute gibt es auch hier in Österreich „Süßes oder Saures“, bunte Kostümpartys und ausgehöhlte Kürbisse. Man glaubte, dass in dieser Zeit die Seelen der Toten zu ihren Heimen zurückkehren würden und das Anzünden großer Feuer, sogenannter „Bonfire“, leuchtete ihnen den Weg. Auch Wahrsagerei stand im Fokus der Feierlichkeiten. Das Fest des Totengottes „Samhain“ wird mit der Halloween-Tradition ebenfalls in Verbindung gebracht.
Schon im alten Ägypten feierte man in der Zeit um Ende Oktober das Totenfest des Sonnenauges. Mit dem endgültigen Absinken des Nils auf Normalniveau verschwand diese Feierlichkeit aus den Chroniken. Ein anderer alter Volksstamm – die sagenumwobenen Maya in Südamerika – begeht noch heute ein mehrtägiges Volksfest in Gedenken an die Vorfahren. „Los Días de Muertos“ – das mexikanische Totenfest – wird von 1. bis 3. November in allen Teilen der Welt bunt und ausgelassen veranstaltet und gründet sich auf den alt-mexikanischen Glauben, dass die Toten zu Besuch kommen und mit den Lebenden bei Musik, Tanz und gutem Essen feiern. Ähnlich verhält es sich mit der „Fete Guédé“, zelebriert für das Voodoo-Geistwesen Ghede, dem Wächter der Toten. Am 2. November ehren die nordamerikanischen Pueblo-Indianerstämme Hopi und Zuni ihre Ahnen mit einem Fest. Die Hindus in Indien rufen zu dieser Zeit des Jahres zum Lichterfest „Diwali“ auf. Lichterketten hängen in allen Straßen, und die Menschen kaufen neue Lampen, denn die alten sollen den Seelen der Toten den Weg weisen.
Mancherorts wird den Verstorbenen im Stillen und Leisen gedacht, andere Kulturen und Religionen zelebrieren ihren Totenkult mit Gesang und Tanz. In vielen Teilen des Christentums gehört das Hochfest Allerheiligen zu den sogenannten „stillen Tagen“, an denen öffentliche Unterhaltungsveranstaltungen nicht erwünscht sind, weil sie dem ernsten Charakter dieser Tage nicht entsprechen. Seit 2008 erteilte etwa das bayerische Innenministerium einen Erlass, an Allerheiligen keine Ausnahmegenehmigungen bis drei Uhr nachts mehr zu erteilen. Ein gerne überliefertes „Sing- und Tanzverbot“ an Allerheiligen gibt es in Tirol im Übrigen nicht.
Text: Judith Goritschnig, Foto: Journal
