Sommeraussstellung im Pfleghaus Anras: „Das Schöpferische als Lebenselixier“

Wir haben den gebürtigen Osttiroler in seinem Elternhaus in Tristach besucht – und einen in sich ruhenden und gleichzeitig Energie und Kraft ausstrahlenden Menschen getroffen, der nicht nur mit seinem künstlerischen Œuvre beeindruckt.

Im Garten des Hauses, in dem Leonard Lorenz einst seine Kindheit und Jugend verbrachte, zeigt er uns – direkt vor dem Eingang zu jener kleinen Galerie, die er 2020 in Tristach eröffnet hat – seinen Lieblingsplatz. Hier verbringt der Künstler gerne Zeit, hier schreibt er, feilt an neuen Ideen und horcht in sich hinein. Denn dieses In-Sich-Hineinhorchen, das Erspüren der inneren Sehnsucht und die Suche nach jener Kraft, die den Menschen führt, bilden sprichwörtlich den „Brunnen“ für die schöpferische Welt von Lorenz. Er selbst beschreibt dies damit, dass der Mensch in seinem tiefsten Wesen ein kosmischer Raum sei. „Es gibt eine Sehnsucht, von der unser Verstand nichts weiß, weil sein Wesen die Kontrolle ist. Erst wenn man sich ihr, der Sehnsucht, überlässt, wird der Weg dorthin frei, wohin sie einen führen will. Ohne jede Sentimentalität gibt sie die Kraftströmung vor, damit das eigene Leben gelingt – und man den Kosmos an Möglichkeiten ausschöpfen kann.“

 

Leonard Lorenz in seinem Atelier im Münchner Süden

 

Die Möglichkeit, dieser inneren Kraft, der eigenen Bestimmung folgen zu können, hatte Leonard Lorenz – vor seiner Namensänderung im Jahr 1983 Lorenz Wendlinger – nicht immer. In ländlicher Umgebung und einfachen Verhältnissen aufgewachsen, war sein Lebensweg als Bauer am elterlichen Hof eigentlich vorgezeichnet. Die scheinbar kaum zu überwindende Lebensvorlage bedeutete für den Jugendlichen zunächst, eigene Ideale und Ziele nur im Kopf verfolgen zu können. Ein Schlüsselerlebnis war die Lektüre eines Buches über einen Südtiroler Bildhauer. „Damals verdichtete sich in mir der konkrete Wunsch, Bildhauer zu werden.“ Mit dem Geld, das er sich u.a. beim Schafehüten verdiente, kaufte er sich Schnitzmesser und bewies als 14-Jähriger mit autodidaktischen Schnitzereien erstmals sein Talent. Inspiration war für ihn auch sein Großvater, der jedoch, wie es der Künstler formuliert, „nie die Chance hatte, den Traum vom Künstlerdasein zu verwirklichen.“

 

Bild links: Ausrichtung (2019), Bild rechts: Augenblick der Erkenntnis (2024)

 

Mit eisernem Willen und Hartnäckigkeit verfolgte Lorenz sein Ziel. Dank der Kompromissbereitschaft seiner Eltern konnte er von 1964 bis 1968 die staatliche Bildhauerschule in Elbigenalp besuchen. In den Sommermonaten arbeitete er am elterlichen Hof. Untertags war er am Feld oder im Stall, nachts schnitzte er. Seine erste Werkstatt befand sich in einem rund 15 m² großen Pferdestall. Die Entscheidung, nach Elbigenalp die Ausbildung an einer Akademie fortzusetzen, bedeutete eine weitere große Herausforderung. 1970 bestand der junge Osttiroler die Aufnahmsprüfung an der Akademie der Bildenden Künste in München. Hier studierte er zunächst bei Professor Georg Brenninger und später bei Professor Hans Ladner. Eine für seinen Lebensweg sehr prägende Zeit begann, wenngleich diese, wie Leonard Lorenz erzählt, immer auch von einer tiefen Zerrissenheit gekennzeichnet war. „Der Spagat zwischen der Verpflichtung gegenüber den Eltern und der Kunst war kein einfacher“, blickt er heute zurück. In München entdeckte er eine für ihn bis dahin völlig neue Welt, die ihm den uneingeschränkten Zugang zu Wissen und verschiedensten Disziplinen eröffnete. Lorenz vertiefte sich in Philosophie, Kunstgeschichte, Architektur und in die Gedankenwelt von Schriftstellern wie Dante Alighieri, Platon oder Kafka. Eine besondere Affinität entwickelte er zur Lyrik von Rainer Maria Rilke, die ihn bis heute fasziniert und begleitet. „Man muss den Dingen die eigene, stille … Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann…. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein“ – so ein Auszug aus dem Rilke-Gedicht „Geduld“.

 

Bild links: Visionär (2025) | Bild rechts: Narrenkrug (2018)

 

Übersetzt auf den Lebensweg von Leonard Lorenz könnte man sagen, dass er für sich selbst viele Antworten gefunden hat. Noch vor dem Diplomabschluss an der Akademie reüssierte der Tristacher in einer ersten Einzelausstellung in der Städtischen Galerie in Lienz. 1976 kehrte er mit dem Diplom in der Tasche nach Tristach zurück, musste sich aber a` la longue eingestehen, hier keine Perspektive zu haben. 1980 verlagerte er deshalb seinen Lebensmittelpunkt endgültig nach München, wo er unter schwierigen Bedingungen das Leben als selbstständiger Kunstschaffender in einem Schwabinger Keller aufnahm. Bevorzugtes Ausgangsmaterial seiner bildhauerischen Arbeiten waren zunächst vorrangig Holz, Gips und Aluguss. Lorenz experimentierte aber auch mit dem Werkstoff Bronze. An der Sommerakademie Salzburg bei Professor Josef Zenzmaier eignete er sich weiteres Wissen und Können im Bronzeguss an – die Voraussetzung für eine große Auftragsarbeit für die Frauenklinik in Innsbruck im Jahr 1984. Die Suche nach einem Atelier führte ihn nach Neufahrn bei München. Schritt für Schritt begann er, sich eine Existenz und einen Namen aufzubauen. Einzelausstellungen und Beteiligungen an Präsentationen, wie im Georg-Trakl-Haus in Salzburg, im Münchner Haus der Kunst, im Kunstpavillon in Innsbruck, in Galerien in München und Wien und später in New York, Bielefeld, Berlin, Frankfurt und Paris, trugen das Ihrige ebenso dazu bei wie zahlreiche Auftragsarbeiten und Auszeichnungen.

 

Die Sommerausstellung im Pfleghaus Anras, die von einer Reihe von Kunstwerken aus der Sammlung Koller bereichert wird, steht allen Kunstinteressierten bis Ende August 2026 offen.

 

Eine Lebenskrise, begleitet von gesundheitlichen Problemen vor allem mit den Augen, zwang ihn, nach 1995 eine Auszeit zu nehmen. „Ich konnte nicht mehr dreidimensional sehen, sodass mir das bildhauerische Arbeiten bis zur Genesung für eine längere Zeit nicht möglich war“, erinnert sich der Kunstschaffende heute zurück und erzählt, dass er diese Zeit als tiefgreifenden Wandel und Umbruch erlebte. Die zwischenzeitliche körperliche Einschränkung führte auch dazu, dass sich Lorenz verstärkt der Malerei zuwandte. Ab 1996 maß er dieser denselben Stellenwert wie der Skulptur zu. 2005 gründete der vielseitig Tätige das „Artforum Lorenz“, das sich aus dem zweiten Atelierstandort in Neufahrn heraus entwickelte. Im selben Jahr heiratete er die Violinistin Andrea Schumacher, die er als 50-jähriger kennen und lieben gelernt hatte. Gemeinsam mit seiner Frau, die ihr Musikstudium am Mozarteum in Salzburg absolvierte und seit 2002 Mitglied des Münchener Kammerorchesters ist, veranstaltet der Künstler im „Artforum“ regelmäßig Kulturprogramme, in denen bildende Kunst, Musik und Literatur eine Symbiose eingehen. Heute bezeichnet sich Lorenz als zufriedenen, glücklichen Menschen. „Ich habe schwierige Zeiten durchlebt und bin dankbar für so vieles. Ich fühle mich weitgehend gesund und fit, genieße meine Unabhängigkeit und Freiheit und schätze die Möglichkeiten, die ich habe“, betont er. „Das Leben hat mich aber gelehrt, immer auf dem Boden zu bleiben. Jeder Tag ist ein neues Agon, d.h. ein täglich spielerisches Ringen. Man sollte nie glauben, dass man es jetzt hat!“

In der Sommerausstellung im Pfleghaus Anras, die man noch bis Ende August 2026 besichtigen kann, findet sich ein Werk, das den Titel „Aufbruch III“ trägt. Und Aufbruch ist zweifelsohne auch eine Konstante im Leben von Leonard Lorenz, der immer wieder zu neuen Ideen und Arbeiten „aufbricht“. Aktuell ist der 78-Jährige dabei, seine Biographie zu schreiben. Gleichzeitig beschäftigen ihn verschiedenste Projekte. Als eine Vision schwebt ihm ein Skulpturenweg im Lienzer Talboden vor. „Der Hegel`schen Philosophie folgend, hat alles etwas Prozesshaftes“, meint er. „Ich kann nur werden, wenn ich im Prozesshaften bleibe oder, um es anders auszudrücken: Es gibt ein Universum des Schöpferischen in mir, das es mir ermöglicht, immer wieder etwas Neues in Angriff zu nehmen.“

 

Die Ausstellung im Pfleghaus Anras ist freitags von 17.00 bis 21.00 Uhr und an Samstagen und Sonntagen jeweils von 10.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Am Samstag, 8. August und 15. August, bietet der Künstler selbst Führungen in Anras an. Beginn ist um 15.30 Uhr.

 

Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: Jan Roeder

23. Juli 2026 um