Bauern Power: Wie die Tiroler Bauern die Kulturlandschaft formten
Die Ausstellung „Bauern Power. Handwerk, List und Lebenskunst“ auf Schloss Tirol bei Meran zeigt, wie der bäuerliche Alltag über Jahrhunderte hinweg Landschaften formte, Wissen bewahrte und Gemeinschaften stärkte.
Was bedeutet es, Bauer zu sein? Die Ausstellung „Bauern Power“ gibt darauf keine romantisierte, sondern eine vielschichtige Antwort. Sie führt durch acht thematische Schwerpunkte, die das bäuerliche Leben in Tirol als ein Zusammenspiel von Handwerk, Naturverständnis, Glauben und sozialer Intelligenz zeigen.
Die Kuratoren Dr. Leo Andergassen und Dr. Andreas Rauchegger haben mit wissenschaftlicher Tiefe und erzählerischem Gespür eine Schau geschaffen, die das scheinbar Einfache als kulturell hochkomplexes System sichtbar macht.
„Die Ausstellung ist so konzipiert, dass eine Neubestimmung der kulturellen Leistung des Bauerntums angeregt werden mag. Ins Gesichtsfeld rücken Objekte, die es noch zuhauf und in großer Fülle gibt, die im Laufe der Jahrhunderte, sogar der Jahrtausende, kaum eine Formwandlung durchgemacht haben“, erklärt Leo Andergassen, Direktor des Südtiroler Landesmuseums für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol, das sich unter anderem mit dieser Ausstellung am von der Euregio ausgerufenen Museumsjahr 2025 beteiligt. Dieses wiederum steht unter dem thematischen Dach des Gaismair-Jahres. Der Bezug zu Michael Gaismair, dem Anführer des Tiroler Bauernaufstands von 1525, ist dabei bewusst gewählt und vielschichtig: Die Schau würdigt die Kulturleistungen des Bauernstandes – genau jene Leistungen, die Gaismair als Grundlage einer freien, gleichberechtigten Gesellschaft sah.
„Die Ausstellung soll insbesondere veranschaulichen, wie die Kulturlandschaft der heutigen Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino von der bäuerlichen Gesellschaft hartnäckig beackert wurde. Erst dadurch wurden das Überleben und der dauernde Verbleib in den letzten Winkeln des Landes ermöglicht“, informiert der Osttiroler Kulturwissenschaftler Andreas Rauchegger.
Trockenmauern, wie jene auf der Oberen Seebachalm im Defereggental, erzählen von der Kunst, Weiden auch in höheren Lagen nutzbar zu machen.
Das Kapitel „Mauerbau” steht am Anfang: Trockenmauern, Steinschlitten und Keileisen erzählen von der Kunst, steile Hänge nutzbar zu machen. „Die Landschaft wurde nicht nur bewirtschaftet, sondern aktiv geformt – Stein für Stein, Generation für Generation. In einem steten Kampf mit der Natur legte die Bauerngesellschaft Steinmauern und Terrassen, aber auch Wege und Steige an“, so Rauchegger. „Der einzelne Mensch sieht sich als kleines Glied in einer langen Kette bäuerlicher Existenzen. Die Tradition ist gleichzeitig Existenzgrundlage und Verpflichtung, die über Generationen gewachsenen Lebensgrundlagen zu erhalten.“

Im Kapitel „Produktionskosmos” wird der Hof als Mikrokosmos sichtbar. Wohnraum, Stall, Werkstatt und Speicher bildeten ein autarkes System, das sich dem Rhythmus der Natur anpasste. „Im Lauf der Jahrhunderte haben sich aus den mittelalterlichen Altsiedlungen und Althöfen unsere heutigen Haufendörfer und Weiler entwickelt“, erklärt Rauchegger. „Was sich daraus formte, ist ein Splitterland im besten Sinne: kein homogenes Gefüge, sondern ein reichhaltiges Mosaik aus Kulturflächen, Nutzräumen und sakralen Orten, welches das historische Tirol prägte und bis heute fortwirkt.“
Traditionelle Heuernte in Innervillgraten
Das Kapitel „Handwerk” würdigt die Kreativität und den Erfindergeist der Bauern. Werkzeuge wie Kraxen, Beile und Sägen belegen, wie aus Notwendigkeit Kunstfertigkeit wurde. Im Kapitel „Esskultur“ geht es um weit mehr als bloße Nahrungsaufnahme. Die Esskultur der bäuerlichen Welt war geprägt von saisonaler Küche, Vorratshaltung und einem tiefen Verständnis für die natürlichen Rhythmen des Jahres. „Lebensmittel wurden nicht nur angebaut und verarbeitet, sondern mit Sorgfalt konserviert – sei es durch Räuchern, Trocknen oder Einlegen“, erklärt Rauchegger. „Der Moment des Genusses währte im Verhältnis zum Fertigungszyklus nur kurz. Angesichts der Fülle an mühevollen, zeitraubenden Arbeitsschritten war die historische bäuerliche Kost, die als Tradition begriffen wird, ebenso anstrengend wie köstlich.“
Ein weiteres Kapitel widmet sich der „Zeitplanung” – einem zentralen Element bäuerlichen Lebens. „Die Organisation des bäuerlichen Alltags war eng mit dem Jahreslauf, dem Rhythmus der Natur und dem Lebensalter der Menschen am Hof verknüpft. Die bäuerliche Zeit war keine abstrakte Größe, sondern ein gelebter Rhythmus, geprägt von Wetterzeichen, Mondphasen und dem Wissen, wann ein Mensch was leisten kann“.
Frontispiz eines Verfachbuches aus dem alten Landgericht Heinfels-Sillian von 1555
Ein anderes Themenfeld der Ausstellung widmet sich der „Schriftkultur” oder genauer der Frage, welche Formen von Schriftlichkeit unsere bäuerliche Gesellschaft entwickelte, die mehrheitlich nicht schreibkundig war. „Es geht auch um Formen einer anonymen Präsenzdokumentation, die sagt: Es war jemand da, aber nicht wer.“ Diese stille Kommunikation zeigt sich zum Beispiel in Steinmandln, Ritzzeichen, Legesteinen oder Hauszeichen – in Zeichen im Gelände, die Orientierung boten, Besitz markierten oder Geschichten bewahrten. Auch verlassene Hirtenhütten gehören aus heutiger Sicht dazu: Orte, die durch ihre bloße Existenz von Arbeit, Durchgang und Erinnerung erzählen. „Ein besonders bemerkenswerter Fund ist das Frontispiz eines Verfachbuches aus dem alten Landgericht Heinfels-Sillian von 1555. Darauf tummeln sich runenartige Symbole, wie sie auch im benachbarten Comelico Superiore und Cadore bezeugt sind.“
Im Kapitel „Bauernschlauheit” wird die oft unterschätzte Cleverness der Bauern thematisiert. Mit List, Humor und Pragmatismus wurden Herausforderungen gemeistert – nicht selten mit überraschenden Lösungen. „Bauernschläue, Bauernschlauheit, Bauernhumor: Diese Begriffe sind nicht alt. Sie tauchen erstmals im 19. Jahrhundert auf und bezeichnen die Beschlagenheit bäuerlichen Denkens und Handelns, das sich in Gerissenheit, List, Gewitztheit und Pfiffigkeit äußert und sich zum eigenen Vorteil nutzen lässt“, meint Leo Andergassen dazu.
Kreuz auf der kleinen Jagdhausspitze im Defereggental
Schließlich führt die Ausstellung in die „Heilige Landschaft”: Kapellen, Bildstöcke, Wegkreuze, Prozessionen und Wallfahrten zeigen, wie tief religiöse Vorstellungen mit dem Alltag und der Umgebung verwoben waren. Der Glaube war nicht nur spirituelle Praxis, sondern Teil der räumlichen Identität. „Die Landschaft wird als ,Sakral-Landschaft‘ betrachtet, als von Gott geschaffene Erde, die im Sinne einer nonverbalen Offenbarung als Ersatz oder Ergänzung für das konkrete Wort Gottes dient“, so der Museumsdirektor weiter.
Gemeinsam mit dem professionellen Team von Schloss Tirol haben die beiden Kuratoren mit „Bauern Power“ eine Ausstellung geschaffen, die nicht nur informiert, sondern einlädt, hinzusehen, nachzudenken und zu erinnern. Initiator und Ideengeber Leo Andergassen bringt seine kunsthistorische Expertise ein, Andreas Rauchegger ergänzt mit ethnologischer Tiefenschärfe und einem besonderen Blick für Alltagskultur. Ihre Zusammenarbeit macht die Schau zu einem Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und zu einem Plädoyer für die Würdigung des scheinbar Einfachen.
Die Ausstellung „Bauern Power. Handwerk, List und Lebenskunst“ wurde Ende Mai 2025 im Südtiroler Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol (Dorf Tirol oberhalb von Meran) eröffnet und läuft bis 9. November 2025. Zur Ausstellung ist auch ein ausführlicher Begleitband erschienen.
Die Kuratoren

Dr. Leo Andergassen, geboren 1964 in Meran, ist Kunsthistoriker und Direktor des Südtiroler Landesmuseums für Kultur- und Landesgeschichte auf Schloss Tirol. Nach seinem Studium der Kunstgeschichte und Deutschen Philologie in Innsbruck und Wien widmete er sich der Erforschung sakraler Kunst und der Tiroler Kulturgeschichte. Er war unter anderem Landeskonservator und Direktor des Diözesanmuseums Brixen. Andergassen ist Autor zahlreicher Publikationen und gilt als profunder Kenner der Tiroler Bildwelten und ihrer historischen Tiefenschichten.

Dr. Andreas Rauchegger, geboren 1977 in Lienz, ist Kulturhistoriker mit Schwerpunkt auf Alltagskultur und regionaler Kulturanalyse im Alpenraum. Nach seiner Ausbildung zum Kunsthandwerker studierte er Europäische Ethnologie in Innsbruck und promovierte 2012. Er war im Kunstglasbereich tätig und arbeitet heute unter anderem für das Kunst- und Auktionshaus Innsbruck, für den Nationalpark Hohe Tauern Tirol sowie als Ausstellungskurator. Mit einem besonderen Blick für materielle Kultur und soziale Zusammenhänge bringt Rauchegger ethnologische Tiefe in museale Projekte ein.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Museum Ladin Ciastel del Tor, Andreas Rauchegger, Tiroler Landesarchiv


