„Das Corona-Virus hat das Potenzial, uns immer wieder zu überraschen!“

Welche Erkenntnisse sich bisher aus der Pandemie-Entwicklung ziehen lassen und was er für die Zukunft erwartet, lässt uns Virologe Dr. Gernot Walder im Osttirol heute-Interview wissen.

Er ist der Experte im Bezirk Lienz, wenn es um den Nachweis bzw. die Erforschung des Corona-Virus geht: Dr. Gernot Walder, Osttiroler Facharzt für Hygiene, Mikrobiologie, Infektiologie und Tropenmedizin. In seinem Labor im Villgratental wertet der Mediziner gemeinsam mit 15 MitarbeiterInnen nicht nur Tests von Corona-Verdachtsfällen aus dem Raum vom Kärntner Villach bis ins Südtiroler Brixen mit einer Bevölkerung von rund 200.000 Menschen aus, sondern versucht im Rahmen intensiver Forschungstätigkeit auch den Besonderheiten des SARS-CoV-2 nachzuspüren und daraus wichtige Erkenntnisse für die Bekämpfung dieses Erregers zu gewinnen. Im Osttirol heute-Gespräch geht der Virologe auf verschiedene Fragen ein und lässt mit Aussagen zu Themen wie „Herdenimmunität“, „zweite Welle“ und „mögliche Kombination von Influenza und SARS-CoV-2“ aufhorchen.

Herr Dr. Walder, Sie sind über Foren mit Infektiologen weltweit vernetzt. Wann war Ihnen und Ihren Kollegen klar, dass aus der zunächst regional begrenzten Epidemie in Teilen Chinas eine weltweite Pandemie werden könnte?

Dr. Walder: Die ersten Meldungen, die ab Ende November/Anfang Dezember 2019 in Expertenkreisen kursierten, habe ich wie viele meiner Kollegen mit Interesse registriert und zunächst aus dem sprichwörtlichen Augenwinkel heraus beobachtet. Im Laufe des Dezembers wurde uns dann aber klar, dass die Gefahr durch den neuen Erreger über ein „normales“ Maß hinausgeht. Anfang Jänner 2020 stand fest, dass es sich um einen engen „Verwandten“ von SARS-CoV handelt. Die Bezeichnung „SARS-CoV-2“ wurde gewählt, weil es dem SARS-Erreger von 2002/03, wie gesagt, sehr ähnlich ist. „CoV“ steht für „Corona-Virus“. Die „2“ bedeutet, dass es das zweite bekannte SARS-Virus ist. Die Pandemie-Gefahr kristallisierte sich Ende Jänner 2020 immer deutlicher heraus. Bereits Mitte des Monats haben wir im Labor in Außervillgraten darauf reagiert und uns auf Massentestungen mittels des PCR-Verfahrens vorbereitet. Ab dem 2. Februar wurde dann bereits jeder Intensivpatient mit respiratorischen, also das Atmungssystem betreffenden Problemen in Osttirol getestet, ab dem 15. Februar alle Patienten mit einer respiratorischen Diagnosestellung. Den ersten gesicherten Corona-Fall im Bezirk Lienz verzeichneten wir am 13. März 2020.

In Osttirol wurde also bereits sehr früh getestet? Hat uns dies einen Vorteil verschafft?

Durch die frühe, sehr umfassende Testung ist es uns, wie ich meine, gut gelungen, Infektionen bzw. auch so genannte Infektionscluster zu erkennen, bevor der Erreger großflächig zu zirkulieren begann. Sehr gut bewährt hat sich auch das Screening von Mitarbeitern und Patienten im Lienzer Krankenhaus sowie in den Wohn- und Pflegeheimen. So konnten wir die Verbreitung in diesen systemkritischen Einrichtungen frühzeitig abwehren bzw. auf Einschläge rechtzeitig reagieren und diese begrenzen.

Wie würden Sie einem medizinischen Laien das neuartige Corona-Virus beschreiben?

Dr. Walder: Corona-Viren sind vergleichsweise große, kugelförmige Viren, die über eine Hülle verfügen. Diese zeigt sich unter dem Elektronenmikroskop als „kronenartig“, weshalb die Bezeichnung auch vom lateinischen Wort „corona“ abgeleitet wurde. Der Forschung sind hunderte Arten von Corona-Viren bekannt, die bei Säugetieren, Vögeln und Fischen nachgewiesen wurden. Wenn sich diese Viren vermehren, kann sich auch ihr Erbgut verändern, und sie können von einer Art, die sie zuvor als Wirt genutzt haben, auf eine andere übergehen. Somit sind sie auch für den Menschen gefährlich, obwohl sie bis dahin nur Tiere infiziert haben.

Wie wird eine Infektion mit SARS-CoV-2 labordiagnostisch nachgewiesen?

Für die Feststellung einer akuten Infektion mit dem SARS-CoV-2 ist der direkte Erregernachweis ausschlaggebend. Das Virusgenom wird über hoch-sensitive, molekulare PCR-Verfahren nachgewiesen, die reine Testzeit beträgt rund vier bis fünf Stunden. In der frühen Phase der Infektion sind insbesondere Abstriche aus den oberen Atemwegen als Probenmaterial geeignet, in späteren Phasen werden auch Sekrete aus den unteren Atemwegen, also das so genannte „Sputum” (Auswurf tief aus der Lunge), zur Untersuchung herangezogen. Der Nachweis von SARS-CoV-2 im Stuhl kann unter Umständen auch noch längere Zeit nach Beginn der Symptome erfolgen, sagt aber per se nichts darüber aus, wie ansteckend ein Patient ist.

Warum ist SARS-CoV-2 anders als ursprünglich vermutet und warum sehen Sie in dem neuen Erreger so viel Potenzial, die Wissenschaft immer wieder zu überraschen?

Grundsätzlich ist festzustellen, dass es sich bei Sars-CoV-2 um einen neuen Erreger handelt, von dem wir immer noch zu wenig wissen. Aber wir lernen täglich dazu, wobei der Erreger immer wieder für AHA-Erlebnisse sorgt. Bereits bekannt ist, dass Sars-CoV-2 hochansteckend ist und deutlich leichter übertragen wird als ursprünglich angenommen. Der Hauptübertragungsweg in der Bevölkerung scheint die Tröpfcheninfektion, etwa beim Husten und Sprechen, zu sein. Möglich ist aber auch die Übertragung durch die Raumluft oder eine Schmierinfektion über kontaminierte Oberflächen. Anders als ursprünglich vermutet, gestaltet sich auch die Inkubationszeit, also der Zeitraum zwischen Infektion und Beginn von Symptomen. In seltenen Fällen kann diese sogar bis zu 24 Tage betragen und damit deutlich länger als dies etwa bei der Influenza der Fall ist.

Hinzu kommt, dass sich der Mensch offensichtlich wesentlich schwerer tut, das Virus dauerhaft zu eliminieren. Bei unseren Analysen im Labor in Außervillgraten mussten wir bereits wiederholt eine so genannte Rekurrenz (von lateinisch „recurrens“ in der Bedeutung von „wiederkehrend“, „zurückkommend“) feststellen. D.h. das Virus konnte über mehrere Tage nicht mehr nachgewiesen werden und ist dann plötzlich wieder verstärkt aufgetreten. Unsere Untersuchungsergebnisse deuten darauf hin, dass dabei ein vollständiges, potenziell übertragbares Virus ausgeschieden wird. Derzeit wissen wir noch nicht, wo sich der Erreger im Körper „versteckt“ und welche Mechanismen zu einer neuerlichen Aktivierung führen. Es ist deshalb notwendig, Patienten über einen längeren Zeitraum zu untersuchen.

Überraschend, auch für mich selbst, ist des Weiteren die Erkenntnis hinsichtlich des Immunitätsaufbaues nach einer erfolgten Infektion. Wie bekannt, zeigen nicht alle Infizierten Symptome bzw. erkranken Infizierte unterschiedlich schwer. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass nur jene, die schwer erkrankt sind, einen sicheren Immunitätsschutz aufbauen. Alle anderen könnten potentiell erneut erkranken. Wir versuchen derzeit mit Neutralisationstetsts und durch Untersuchungen der zellulären Immunität besser zu verstehen, wie und ab wann sich der Körper gegen das Coronavirus schützt.

Das heißt, die ursprünglich etwa von Staaten wie Großbritannien angestrebte „Herdenimmunität“ ist nicht haltbar?

Dr. Walder: So siehts aus!

Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass sich das Virus immer wieder neu ausbreiten kann?

Dr. Walder: Genau wissen wir das noch nicht, aber derzeit deutet einiges darauf hin. Das Virus wird uns in Zukunft genauso „begleiten“ wie es etwa die jährliche Influenza auch tut. Darauf müssen wir uns einstellen und vorbereiten. Der wesentliche Unterscheid zur richtigen Grippe besteht darin, dass uns gegen Influenza eine Impfung zur Verfügung steht und dass die echte Grippe innerhalb einer Woche vorbei ist. Bei SARS-CoV-2 ist dies bekanntlich nicht so, und wann sich dies ändern wird, darüber scheiden sich die Geister. Ich rechne mit einem Impfstoff frühestens in einem Jahr – und dann wird erst aber zu prüfen sein, wie die Wirksamkeit ist und welche Nebenwirkungen auftreten. Es wird also eindeutig noch dauern. Abgesehen davon erleichtert die lange Ausscheidungsdauer und die Möglichkeit der Rekurrenz die Ausbreitung von Corona.

Wenn wir auf die Impfung noch länger warten müssen, wie beurteilen Sie die Entwicklung in Sachen Covid-19-Therapie, beispielsweise in Zusammenhang mit der Gabe von Blutplasma bereits gesundeter Patienten?

Dr. Walder: Der Ansatz, Antikörper von genesenen Menschen zu nehmen und Erkrankten zu geben, ist nicht neu. Er wurde bereits bei anderen Virus-Ausbrüchen wie beispielsweise jenem der Schweinegrippe erprobt. Erste Analysen der Antikörpergabe bei schwer an Covid-19 erkrankten Patienten sprechen für gute Behandlungserfolge. Wir selektieren in unserem Labor in Außervillgraten Patienten mit guten Antikörpern, die dann als Spender in Frage kommen. Sie könnten dann bei einer geeigneten Einrichtung, z.B. der Blutbank in Innsbruck, Plasma spenden. Daraus gewinnt man Antikörperpräparate, die für Therapien nutzbar sind. Allerdings haben, wie unsere Analysen zeigen, von 130 Patienten in Osttirol bisher nur 3 Personen Antikörper in einer Qualität gebildet, die für dieses Verfahren ausreicht.

Die positive Entwicklung der Infektionszahlen in Osttirol haben Sie zuletzt mit den Worten „Abklingen der ersten pandemischen Welle“ zusammengefasst. Wann rechnen Sie mit einer zweiten?

Dr. Walder: Wenn wir Glück haben, dann klingt die 1. Welle im Bezirk Lienz weiter ab, und es kommt in den nächsten Monaten zu keinem markanten Wiederaufflackern der Infektionen. Diese Zeit sollten wir alle nützen, wobei bei allen herbeigesehnten Lockerungen der zuletzt geltenden Maßnahmen weiterhin auf Abstandhalten und Hygienemaßnahmen zu achten sein wird. Spätestens mit Beginn der kalten Jahreszeit ist aber von einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen auszugehen. Zu einer großen Herausforderung könnte sich dann eventuell auch die Kombination „Influenza – SARS-CoV2“ entwickeln – mit einer potentiell erhöhten Mortalität und einer potentiell größeren Gefährdung auch für junge Menschen. Eine Influenza-Impfung im Herbst ist deshalb nicht nur unter diesem Gesichtspunkt durchaus sehr empfehlenswert!

Abschließend noch eine Frage zur „Maskenpflicht“: Was halten Sie vom Tragen von Masken als Schutz vor einer Infektion?

Dr. Walder: Grundsätzlich sind Masken sehr effizient, wobei ich hier von chirurgischem Mundschutz und den so genannten FFP2- und FFP3-Masken spreche. Wir haben mit der konsequenten Maskenpflicht im BKH Lienz beispielsweise sehr gute Erfahrungen gemacht. Kritischer sehe ich derzeit Textilmasken. Hier muss meiner Ansicht nach noch geprüft werden, welche Rückhaltequote diese wirklich haben.

Danke für das Gespräch!

 

Interview: E. Hilgartner, Foto: Martin Lugger

24. April 2020 um