Abriss der Pasterzenzunge: Österreichs größter Gletscher am seidenen Faden

Der Gletschermessdienst des Alpenvereins, der Nationalpark Hohe Tauern und GeoSphere Austria erwarten einen baldigen Abriss der Pasterzenzunge, die im Zuge des Massenverlustes allein von 2024 auf 2025 um 7,3 Meter eingesunken ist.

Nur noch ein dünnes Eisband verbindet die 3,9 Kilometer lange Gletscherzunge am Fuß des Großglockners mit dem nährenden Gletschereis am oberen Pasterzenboden. Der Gletschermessdienst des Alpenvereins sowie der Nationalpark Hohe Tauern und GeoSphere Austria bestätigen, dass die Eisverbindung bei entsprechender Witterung in den nächsten Monaten abreißen könnte. Bei etwas besseren Bedingungen könnte sie noch zumindest dieses Jahr überdauern.

Die anhaltend hohen Temperaturen verheißen nichts Gutes für die letzte verbleibende Verbindung der Pasterzenzunge über den einst so imposanten Eisbruch (den „Hufeisenbruch“) nach oben, zu ihrem Nährgebiet um den Johannisberg. Durch den stetigen Massenverlust und Längenschwund hat die Gletscherzunge im Lauf der Zeit mehrere Eisverbindungen zu einstigen Nährgebieten verloren, aus denen ihr zuvor Eismassen zugeströmt waren.

 

Die letzte Eisverbindung über den Hufeisenbruch zur Pasterzenzunge 2023. Foto: ÖAV/Anna Praxmarer

 

Erst 2020 war die vorletzte Eisverbindung vom „Schneewinkel“ abgeschmolzen, ein Wasserfall trat an ihre Stelle. Die nun letzte Eisverbindung hinab vom „Rifflwinkel“ über die Felswand zur Gletscherzunge hält sich tapfer, wird aber zusehends dünner, bestätigt der Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins, der die Messung der Längenänderungen an der Pasterze seit 1891 durchführt.

Die Leitung der österreichweiten Gletschermessungen des Alpenvereins haben aktuell zwei Wissenschaftler am Institut für Geographie und Raumforschung an der Universität Graz inne: Andreas Kellerer-Pirklbauer und Gerhard Lieb. Die jährlichen Messungen an der Pasterze leitet Andreas Kellerer-Pirklbauer selbst.

 

Blick von der Franz-Josefs-Höhe nach WNW auf Pasterze und Großglockner, 2024. Foto: ÖAV Gletschermessdienst

 

Erheblicher Massenverlust seit 1980

Ergänzend zur Arbeit des ÖAV Gletschermessdienstes befassen sich Michael Avian und Anton Neureiter von der GeoSphere Austria mit der Massenbilanzmessung an der Pasterze: „Wir beobachten seit 1980, dass die Pasterze fast durchgehend Masse verloren hat. Über den gesamten Beobachtungszeitraum bis 2025 ging im Mittel rund 1 Meter Wasseräquivalent pro Jahr verloren (das entspricht einer Tonne Eis pro Quadratmeter Gletscherfläche). In den letzten 10 Jahren hat sich der Wert auf 1,2 Meter Wasseräquivalent (also 1,2 Tonnen pro m²) erhöht.“

Laut Andreas Kellerer-Pirklbauer ist die Pasterzenzunge im Zuge dieses Massenverlusts „von 2024 auf 2025 um 7,3 Meter eingesunken. Die dabei abgeschmolzenen 12,4 Millionen Kubikmeter Eis entsprächen einem Eiswürfel mit 231,5 Metern Kantenlänge“.

An der einzigen verbleibenden Eisverbindung der Gletscherzunge zum oberen Pasterzenboden wird der Massenverlust eindrücklich sichtbar. „Wir beobachten die Veränderungen in diesem letzten Rest des Hufeisenbruchs sehr genau“, betonen Kellerer-Pirklbauer und Avian. Im Jahr 1998 war die Eisverbindung im Hufeisenbruch noch relevant für den Eisnachschub zur Gletscherzunge, 2020 hingegen bestand nur mehr eine 230 m breite Eisverbindung. Im August 2025 wurden zuletzt 120 Meter Breite gemessen.

 

Blick von unten auf den Hufeisenbruch und die letzte Eisverbindung zur Pasterzenzunge im September 2025. Foto: ÖAV Gletschermessdienst/Andreas Kellerer-Pirklbauer

 

Hufeisenbruch wäre erstmals seit 5.000 Jahren eisfrei

„Wann genau die Gletscherzunge abreißt, hängt von vielen Faktoren ab. Höchstwahrscheinlich werden dann die Felswände im ehemaligen Eisbruch das erste Mal seit 5.000 Jahren komplett eisfrei sein. Die Pasterzenzunge wird dann endgültig vom Restgletscher getrennt sein und abschmelzen. Ob dies nun genau heuer oder ein bis zwei Jahre später sein wird, ist sekundär“, sind sich die Wissenschaftler einig.

Nach dem Verlust ihrer Gletscherzunge wäre die Pasterze nicht mehr der größte Gletscher Österreichs, sondern der Gepatschferner in den Ötztaler Alpen in Tirol. Doch auch vor diesem macht der generelle Gletscherrückgang nicht Halt: Der Gletscher im inneren Kaunertal hat aufgrund der Klimaveränderung allein in den letzten fünf Jahren knapp 300 Meter an Länge eingebüßt.

 

Eindrucksvolle Frontalansicht aus südöstlicher Richtung (Viktor-Paschinger-Weg) auf Großglockner, Pasterze und Johannisberg auf einem Foto aus den 1920er-Jahren. Foto: Laternbildsammlung des Österreichischen Alpenvereins

 

Gletscherzunge der Pasterze „schon längst wie Toteis“

Für die Gletscherzunge der Pasterze selbst hat der bevorstehende Abriss nur wenig Bedeutung, erklären die Experten vom Gletschermessdienst des Alpenvereins sowie von der GeoSphere Austria: „Seit den 2010er-Jahren ist der Eisnachschub von oben so gering, dass sich die Gletscherzunge schon längst wie ein Toteiskörper verhält: Ihre Bewegung ist beinahe zum Stillstand gekommen und die Eismasse schmilzt nicht nur dahin, sondern ist einem großflächigen Zerfall preisgegeben.“ Kellerer-Pirklbauer ergänzt: „Die höchste Fließgeschwindigkeit, die wir unterhalb des Eisbruchs gemessen haben, betrug nur mehr 5,3 Meter von 2024 auf 2025. All das sind typische Merkmale eines Restgletschers, der als Toteismasse zu bezeichnen ist und der sich nicht mehr regenerieren kann.“

 

Blühendes Gletschervorfeld: Dort, wo vor 170 Jahren noch mächtige Eismassen die Landschaft bedeckten, haben sich neue, vielfältige und ökologisch wertvolle Lebensräume entwickelt. Sie zeugen von der Dynamik der Natur nach dem Rückzug der Gletscher. Foto: NPHT/Katharina Aichhorn

 

40 Jahre Sonderschutzgebiet im Nationalpark: Gletscherrückgang als Auftrag für die Zukunft

Der Österreichische Alpenverein ist mit 333 km² bedeutendster Grundeigentümer im Nationalpark Hohe Tauern und hat dessen Realisierung maßgeblich mitgestaltet. Das Gebiet rund um Großglockner, Pasterze und Gamsgrube ist das Herzstück des Nationalparks und genießt einen besonderen Schutz. Österreichs höchster Berg und (noch) größter Gletscher vereinen hier außergewöhnliche Lebensräume für seltene Arten. Die ökologische Bedeutung führte dazu, dass dieses rund 36 km² große Gebiet bereits 1986 durch die Verordnung der Sonderschutzgebiete Großglockner-Pasterze und Gamsgrube zusätzlich abgesichert wurde.

Auch wenn sich die Pasterze seit den 1980er-Jahren durch den rasanten Gletscherrückgang tiefgreifend verändert, hat das Gebiet nichts von seiner Faszination verloren, betont Barbara Pucker, Direktorin des Nationalparks Hohe Tauern Kärnten: „Wo sich das Eis zurückzieht, entstehen neue Seen wie der Pasterzensee, Pflanzen besiedeln die Schuttflächen und erste Bäume entwickeln sich zu jungen Lärchenwäldern. Diese sichtbare Dynamik ist Ausdruck jener natürlichen Entwicklung, die im Nationalpark bewusst zugelassen wird. Gleichzeitig wächst damit die  Verantwortung, dieses einzigartige Gebiet gerade in Zeiten des Klimawandels und zunehmenden Freizeitdrucks bestmöglich zu schützen.“

 

 

Text: Redaktion, Fotos: GeoSphere Austria und Universität Graz, ÖAV/Anna Praxmarer, ÖAV Gletschermessdienst, Andreas Kellerer-Pirklbauer, Laternbildsammlung des ÖAV, NPHT/Katharina Aichhorn

02. Juli 2026 um