Alpenverein erwartet erneut äußerst verlustreiches Gletscherjahr

Der Gletschermessdienst des Alpenvereins erhebt derzeit die Längenänderungen der Pasterze und rund 90 weiterer Gletscher in Österreich. Der massive Gletscherrückgang ist für den Alpenverein ein Warnsignal für die Intensität der Klimakrise.

Die gesammelten Daten werden ausgearbeitet und im alljährlichen Gletscherbericht präsentiert. Worauf die Beobachtungen im Gelände bereits jetzt hindeuten: Die extreme Hitze könnte den Gletschern die schlechtesten Bedingungen in der 135-jährigen Geschichte der Gletschermessung eingebracht haben. Für den Alpenverein ist der massive Gletscherrückgang ein klares Warnsignal für die Intensität der Klimakrise – und ein dringender Weckruf, die hochalpinen Naturräume stärker zu schützen.

Eiszerfall, tiefe Spalten, ausgehöhlte Eisdecken und abgerissene Gletscherzungen: Die Beobachtungen lassen erneut ein außergewöhnlich verlustreiches Gletscherjahr erwarten. An der Pasterze, Österreichs prominentestem Gletscher am Fuß des Großglockners, wurden große Eisverluste festgestellt. „Auf 3.000 Metern waren wir an einem Punkt fast bei vier Metern Eisverlust. Das gab’s noch nie“, sagt Andreas Kellerer-Pirklbauer, einer der beiden Leiter des Gletschermessdienstes und
Messverantwortlicher im Pasterzengebiet.

 

 

An einem Messprofil auf 2.500 Metern Höhe ist der Gletscher sogar um zehn Meter abgesunken. Der bisherige Rekordwert lag dort bei acht Metern. Statt Eis fanden die Forscher an einigen Messpunkten überhaupt nur mehr Fels vor, der Gletscher ist um einiges schmäler geworden.

Auch die Beobachtungen der Gletschermessteams in anderen Gebirgsgruppen in Österreich deuten auf hohe Rückzugswerte hin. Ob die heurige Bilanz neue Negativrekorde bringt, ist noch offen. Sie dürfte sich aber unter die stärksten Verlustjahre der Messgeschichte einreihen. „Sehr viele Indizien sprechen dafür, dass das heurige jedenfalls zu den gletscherungünstigsten Jahren gehören wird“, sagt Gerhard Lieb, der zweite Leiter des Alpenvereins-Gletschermessdienstes. Die Ergebnisse der diesjährigen Gletschermessungen werden nun ausgewertet und im März 2027 im Rahmen des offiziellen Gletscherberichts des Österreichischen Alpenvereins präsentiert.

 

 

Abriss der Zunge könnte sich noch verzögern

Das vielfach diskutierte Abreißen der letzten Eisverbindung zur Gletscherzunge der Pasterze wird sich laut den Experten des Alpenvereins-Gletschermessdienstes voraussichtlich nicht mehr heuer ereignen. Noch sind Eisbewegungen von oben feststellbar, das Eisband am Hufeisenbruch sei noch etwa 70 Meter breit. Nach aktuellem Stand könnte die Pasterze aber bereits im nächsten Jahr in zwei, möglicherweise auch mehrere Teile zerfallen.

 

 

Ausnahmsloser Gletscherschutz dringlicher denn je

Der Alpenverein unterstreicht angesichts der rasanten Veränderungen seine Forderung nach einem ausnahmslosen Gletscherschutz, der neben den Gletscherflächen auch die durch den Gletscherrückgang eisfrei gewordenen Gletschervorfelder und Moränen umfasst. „Die jungfräulichen, ungenutzten Flächen wecken Begehrlichkeiten – nicht nur unter Skigebietsbetreibern. Neue Gletscher und Gletschervorfelder zu erschließen, bedeutet für uns aber ganz klar ein Überschreiten einer roten Linie und ist in Zeiten der Klimakrise alles andere als zeitgemäß.

Wo früher Eis lag, kommen gänzlich unberührte Flächen zum Vorschein, auf denen sich Pionierpflanzen ansiedeln und einzigartige Lebensräume neu entwickeln können. Solche hochalpinen Naturräume sind nicht nur für die Forschung von großer Bedeutung, sie verdienen – so wie das letzte verbleibende Gletschereis – besonderen Schutz vor weiteren Eingriffen“, betont Birgit Kantner, Ökologin im Österreichischen Alpenverein.

 

Text: Redaktion, Fotos: Alpenverein/Elias Bachmann

21. September 2026 um