Heimischer Wald: Leichte Entspannung nach Rekordschäden, weiterhin große Herausforderungen
Nach den belastenden Vorjahren kann der heimische Wald aktuell wieder etwas „aufatmen“. Seit etwa zwei Jahren zeigt die Kurve nach den extremen Schadholzereignissen und der Borkenkäfer-Massenvermehrung wieder nach unten.
Trotzdem dürfte der Klimawandel den Baumbestand weiterhin unter Druck setzen und die Rahmenbedingungen der Waldbewirtschaftung im Bezirk Lienz auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nachhaltig beeinflussen und verändern.
Wir haben zu diesen Themen, unter anderem zur weiteren Entwicklung des Borkenkäferbefalls, der Schadholzentfernung bzw. der Wiederaufforstung, mit Bezirksforstinspektor DI Hubert Sint gesprochen und ihn im Journal-Interview auch zum Einsatz moderner Technik, dem Schutzwald-Management sowie dazu befragt, wie lange es dauern dürfte, bis sich unser Wald wieder sprichwörtlich „erholen“ wird können.

Herr DI Sint, wie beurteilen Sie die aktuelle Waldsituation im Bezirk Lienz hinsichtlich der Borkenkäferplage?
Grundsätzlich zeichnet sich in den meisten Gemeinden eine Entspannung ab. Hier sind meist nur einzelne Bäume oder kleine Baumgruppen frisch befallen. In einigen wenigen Gemeinden müssen wir jedoch feststellen, dass, entgegen dem Trend, doch wieder größere Schadflächen auftreten. Eine Schweizer Studie nach den großen Windwurfkatastrophen im Jahre 1990 und 1999 hat beobachtet, dass eine Massenvermehrung nach sechs Jahren ausklingt. Insgesamt dürfte dies auch für den Bezirk Lienz zutreffen.
Wie hat sich der Niederschlagsmangel der vergangenen Monate auf die heimischen Wälder im Allgemeinen und im Speziellen auf den Borkenkäferbefall ausgewirkt?
Osttirol ist – im Gegensatz zu anderen Regionen Österreichs – nicht derart stark von der extremen Trockenheit betroffen. Dennoch liegt der Niederschlag deutlich unter dem Wert der vergangenen Jahre. Natürlich stellen die Trockenheit und das heurige Samenjahr eine Belastung für die Bäume dar und natürlich werden dadurch auch die Abwehrkräfte gegen den Borkenkäfer geschwächt. Besonders betroffen waren davon die sonnseitigen Hanglagen in ganz Osttirol.
Wie viel Schadholz ist in den vergangenen acht Jahren im Bezirk angefallen und was ist in Sachen Schadholzentfernung gelungen?
Aufgrund des Windwurfs im Jahr 2018, infolge der Schneebrüche der Jahre 2019 und 2020 und des daraus resultierenden Borkenkäferbefalles gehen wir bis Ende 2025 von insgesamt 5,5 Millionen m³ Schadholz aus. Rund die Hälfte davon ist Borkenkäfer-Schadholz. Wir schätzen, dass derzeit im Verhältnis zum Gesamtausmaß nur noch rund 700.000 m³ Borkenkäferholz und Schadholz nicht aufgearbeitet sind. Das ist in Summe der 30-fache Jahreseinschlag. Dieser enorme Kraftakt ist nur gelungen, weil sehr viel und gut zusammengearbeitet wurde. Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer, Waldaufseher, die vielen Seil- und Holzbetriebe, Transportunternehmen und Sägewerke sowie die Mitarbeitenden der Bezirksforstinspektion und der Bezirkshauptmannschaft Lienz haben daran alle ihren Anteil.

Wo besteht aktuell noch Aufholbedarf?
Grundsätzlich muss man diesbezüglich zwischen Hanglagen und Waldbereichen, die eine wichtige Schutzwirkung erfüllen, und jenen Waldbereichen mit kaum bis wenig Schutzwirkungserfordernissen unterscheiden. Einebesondere Herausforderung stellen die abgestorbenen Käferbäume direkt oberhalb von Straßen und Häusern dar, kann doch die Schwächung der Käferbäume durch Fäule, Schneedruck oder Starkwindereignisse einen Baumsturz auf die darunter liegenden Bereiche auslösen. Deshalb ist es notwendig, das Schadholz aus diesen Bereichen schnellstmöglich zu entfernen. Das ist teilweise gefährlich und mit hohen Kosten verbunden. Ich bitte daher um Verständnis, dass aus diesem Grund auch wichtige Straßenstücke, wie zuletzt die L 273 Villgratentalstraße, zeitweise gesperrt werden müssen, um einerseits die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer während Schlägerung und Holzbringung und andererseits eine dauerhafte Sicherung der Straße vor Baumschlag zu gewährleisten. In den Waldbereichen, deren Schutzwirkung untergeordnet ist und die weitab von Siedlungen und Verkehrsinfrastrukturen in z.T. schwer zugänglichen Bereichen liegen, wird das Käferholz im Wald teilweise stehen bleiben. Beim Aufenthalt im Wald ist zu beachten, dass man den Gang durch derartige Totholzbestände unbedingt vermeiden sollte. Totholzbäume können jederzeit unvermutet umfallen bzw. abbrechen. Zudem ist die Gefahr bei Wind und Schneefall noch höher. Auch wichtig zu wissen ist, dass laut Forstgesetz Waldbesuchende selbst auf waldtypische Gefahren zu achten haben.
Bis Ende 2025 fielen im Bezirk Lienz insgesamt 5,5 Mio. m3 Schadholz an. Rund 50 Prozent davon waren Borkenkäfer-Schadholz.
Welche Rolle spielt in den gerade angesprochenen, schwer zugänglichen Bereichen die natürliche „Selbst-Regeneration“ des Waldes?
Bei Schutzwäldern oberhalb von Straßen und Gebäuden helfen wir der Natur mit aktiver Aufforstung nach, um möglichst schnell wieder die Schutzwirkung zu erreichen. Auch dort, wo es aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll ist, forcieren wir die aktive Aufforstung. Natürlich gibt es Lagen im Bezirk, die schwer zugänglich sind und weitab von Siedlungen und Verkehrsinfrastrukturen verortet sind. Hier setzen wir auf die Selbst-Regulation bzw. -Regeneration. Wo sich zeigt, dass sichder Wald mit Naturverjüngung selbst regeneriert, lassen wir die Natur bestmöglich arbeiten. Der Wald hat beeindruckende Kräfte und kann sich positiv verändern.Dafür braucht es allerdings auch Zeit!
Das beste Schutzwald-Management ist eine rasche Wiederbewaldung von Schadflächen.
Stichwort „Wiederaufforstung“: Was ist gelungen, was steht noch an?
Von 2020 bis 2025 wurden 6,4 Millionen Pflanzen aufgeforstet – davon alleine in den vergangenen drei Jahren rund 4,2 Millionen Pflanzen. Auch heuer werden wieder rund 1,4 Millionen Pflanzen, davon rund 50 % Fichte und 50 % Mischbaumarten wie Lärche, Tanne und Laubholz, neu aufgebracht. Viele unserer Waldbereiche liegen in einer Höhenlage, in der die Fichte auch in Zukunft die natürliche Hauptbaumart sein wird. Hier versuchen wir, möglichst viel Lärche zu pflanzen, um durch diese Mischbaumart die Stabilität der Bestände zu erhöhen. Zusätzlich wollen wir der Naturverjüngung helfen, wieder einen schutzwirksamen Wald zu begründen. In den kommenden Jahren wird es deshalb notwendig sein, jährlich mindestens eine Million Pflanzen aufzuforsten. Besondere Herausforderungen werden dabei sicherlich die Bereitstellung des geeigneten, angepassten Pflanzenmaterials sowie in Zukunft auch die Pflege der Wiederbewaldungsflächen darstellen.
Welche Rolle spielt die moderne Technik?
Das Land Tirol, der Bund und die Europäische Union unterstützen die Wiederbewaldung und Pflege bereits seit Längerem. Dafür wird es auch in den kommenden Jahren dringend weitere Fördermittel benötigen. Gleichzeitig kommen auch technische Möglichkeiten immer mehr zum Einsatz. Der schnelle Zugriff auf Orthofotos, auf Geländedaten, unter anderem auch zur Befahrbarkeit von Forststraßen, auf geologisches Kartenmaterial, auf Baumhöhendaten und vieles andere mehr erleichtern grundsätzlich und insbesondere bei Schadereignissen unsere Arbeit. Moderne Drohnen werden in verschiedenen Bereichen eingesetzt, beispielsweise zum Transport von Forstpflanzen oder zur jährlich notwendigen Begutachtung von Wildbächen. Bei punktuellen Schadereignissen befliegen wir mit Drohnen des Landes die Waldflächen, um die exakten Schadensausmaße abschätzen und besser beurteilen zu können.
Gibt es im Bezirk Lienz eine Art „Schutzwald-Management“, um Straßen und v.a. Siedlungsräume bestmöglich z.B. Muren oder Lawinen zu schützen?
Besonders sensible Bereiche sind bekannt und werden von der Landesgeologie, der Lawinen- und Wildbachverbauung, den Waldaufsehern und Mitarbeitenden der Bezirksforstinspektion, im Winter von den Lawinenkommissionen sowie von vielen interessierten Personen vor Ort beobachtet und die jeweilige Situation analysiert. Zudem werden Problembereiche schutztechnisch von den Experten der Wildbach- und Lawinenverbauung bearbeitet. Das beste Schutzwaldmanagement ist allerdings die schnelle Wiederbewaldung der betroffenen Schadflächen. Dies wird auch weiterhin viel Zeit und großer Anstrengungen bedürfen, sodass wir in den kommenden Jahren nach derzeitigem Kenntnisstand den Großteil der bestehenden Herausforderungen gemeistert haben werden. Äußere Einflüsse wie extreme Unwetterereignisse haben wir jedoch auch in Zukunft nicht in der Hand!
Wo sich zeigt, dass sich der Wald mit Naturverjüngung selbst regeneriert, lässt man die Natur bestmöglich arbeiten.
Wie kann man, abgesehen von außergewöhnlichen Schadereignissen, prinzipiell die Resilienz unserer Wälder mittel- und langfristig erhöhen?
Wie bereits erwähnt, bleibt die Fichte in den höheren Lagen weiterhin die Hauptbaumart, wenngleich derMix mit Lärche und Tanne deutlich zunehmen wird. Unter 1.000 Metern Seehöhe zeigt sich schon jetzt auf den Wiederbewaldungsflächen nach dem Sturmtief Vaia die enorme Zunahme an Laubholz. So kommen z.B. im Bereich Görtschacher Berg flächendeckend und zu über 75 Prozent Baumarten wie Birke, Ulme, Linde, Esche, Bergahorn, Eiche, Schwarzerle, Aspe, Walnuss, Vogelbeere, Vogelkirsche, Traubekirsche, Hasel und Weide vor. Aktiv aufgeforstet wurde auch die Edelkastanie. Aus meiner Sicht können wir in Zukunft nur dann einen resilienteren Wald heranwachsen lassen, wenn wir bereits im mittleren Bestandsalter die Naturverjüngung einleiten, um bei Windwurf oder Schneebruchereignissen bereits einen verjüngten Bestand vorzufinden. Zudem müssen wir die Baumartenmischung, soweit es der Standort zulässt, möglichst hochhalten und nicht zuletzt die Umtriebszeiten, insbesondere bei Fichte, deutlich verkürzen.
Wie lange glauben Sie, wird es dauern, bis sich der heimische Wald, wenn keine weiteren großen Schadereignisse eintreten, wieder halbwegs erholt hat?
In tiefen Lagen, unter 1.000 Metern Seehöhe, haben wir bereits heute, nach sechs Jahren, wieder Bestände mit einer Höhe von vier bis sechs Metern. In mittleren Lagen werden wir in spätestens zehn Jahren so weit sein. Über 1.600 bis 1.700 Metern Seehöhe wird es wohl 15 bis 20 Jahre dauern. Wir setzen auf eine intensive, aktive Wiederbewaldung und auf Naturverjüngung – der Wald ist stark, braucht aber auch Zeit.
Danke für das Gespräch!
Interview: Elisabeth Hilgartner, Fotos: © Land Tirol, AdobeStock/Stephan Dinges




