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Bauernbund: „Wir werden immer mehr zu Erklärern!“

Die Wertschätzung des Konsumenten für die Landwirtschaft und neue Wege der Vermarktung stellten Bauernbund-Vertreter bei ihrer Herbstkonferenz in den Fokus. 

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v.l.n.r.: Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Hechenberger, der Osttiroler Bauernbund-Obmann LA Martin Mayerl und der Tiroler Bauernbund-Obmann LH-Stv. Josef Geisler

 

Ihre Osttiroler Funktionärinnen und Funktionäre lud der Tiroler Bauernbund am Dienstagabend, 29. November 2016, zur Herbstkonferenz in die Landwirtschaftliche Lehranstalt. Davor nahmen die Spitzen der Tiroler und Osttiroler Landwirtschaft bei einem Pressegespräch zu aktuellen Themen Stellung. „Mit der heurigen Ernte sind wir sehr zufrieden, kleinere Probleme gab es im Bereich Obst und Kartoffeln. Die Preissituation bei Milch und Fleisch ist bekanntlich schlecht. Die Talsohle dürfte aber erreicht sein, und die Tendenz bei den Preisen zeigt nach oben“, so der Osttiroler Bauernbund-Obmann LA Martin Mayerl einleitend. Großes Interesse an der Weiterführung der Höfe ortet er bei der bäuerlichen Jugend, die langfristigen Perspektiven würden aber Sorge bereiten. „Es stellt sich die Frage, ob die Höfe in 20 oder 30 Jahren noch bewirtschaftet werden und die Kulturlandschaft gepflegt wird. Wenn man über den Kreuzbergpass in den Belluno fährt, sieht man derzeit schon viele verlassene Höfe – eine fatale Entwicklung“, so Mayerl.

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Martin Mayerl: „In Osttirol gibt es viele junge Familien, die ihre Höfe modern und zukunftsorientiert bewirtschaften. Wir werden uns weiter dafür stark machen, dass sich motivierte Bauern nicht im Bürokratiedschungel verheddern. Die Bezirkslandwirtschaftskammer leistet in der Beratung der Bauernfamilien einen immens wichtigen Beitrag.“

 

Die Wertigkeit der bäuerlichen Arbeit in Bezug auf die Herstellung von gesunden Lebensmitteln und die Pflege der Kulturlandschaft unter den Konsumenten in den Fokus zu rücken, sei ein Gebot der Stunde. „Die Handelskonzerne stellen – teilweise gesteuert von NGOs – in den Medien und in der Werbung ein Bild von der Landwirtschaft, das mit der Realität wenig zu tun hat“, so Mayerl. Für viele Bergbauern sei es weder technisch möglich noch wirtschaftlich vertretbar, in Laufställe zu investieren. „Die Handelsketten versuchen sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, indem sie darstellen, dass nur Tiere glücklich sind, die das ganze Jahr Freilauf haben. Das ist nahezu absurd“, so der Osttiroler Bauernbund-Obmann. Ein offener Brief an alle Osttirolerinnen und Osttiroler soll der Startschuss für eine Bewusstseins-Änderung sein.

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Josef Hechenberger: „Es gibt immer mehr Anfragen bei uns im Haus, weswegen es zum Beispiel Dünger oder Gülle braucht, oder warum die Kühe auch bei Regenwetter auf der Wiese grasen. Solche Fragen zeugen von der zunehmenden Entfremdung des Konsumenten von der Landwirtschaft. Wir Bauern müssen immer mehr in die Rolle des Erklärers schlüpfen.“

 

Die Direktvermarktung würde schon sehr gut funktionieren. Der Stadtmarkt, der Matreier Talmarkt und die geplante Sennerei im Tauerntal seien gute Beispiele dafür. „Regionale Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen wollen wir in Zukunft noch stärken. Wir denken an ein Lebensmittel-Lieferservice in Osttirol, bei dem auch Online-Bestellungen möglich sein sollen“, so Martin Mayerl. Von einer „gefährlichen Entwicklung“ sprach Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Hechenberger. „Der Vollerwerbsbauer ist nicht mehr in der Lage, die Rechnungen zu bezahlen, und der Nebenerwerbsbauer stellt sich immer öfter die Frage: Warum tue ich mir das noch an?“, so der Präsident. Die Konsumenten würden den Berufsstand des Bauern sehr wertschätzen. „Laut einer Studie des Instituts Brettschneider sind die Bauern die zweitbeliebteste Berufsgruppe nach den Feuerwehrleuten, und weitere Erhebungen zeigen, dass die Urlaubsgäste neben den schönen Hotels hauptsächlich wegen der gepflegten Kulturlandschaft nach Tirol kommen“, so Hechenberger.

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Josef Geisler: „Jeder Euro, der in die Landwirtschaft investiert wird, bedeutet sechs Euro für die Region.“

 

Dass die Werbung durch ihre transportierten Bilder die Landwirtschaft verfälsche, bemängelte auch der Tiroler Bauernbund-Obmann LH-Stv. Josef Geisler. „Die Ansprüche des Handels und der Konsumenten passen mit der Wirklichkeit nicht mehr zusammen. Eine ,Vermenschlichung‘ der Nutztiere führt zu Irritationen“, so Geisler. Das Bewusstsein für regionale Kreisläufe und gesunde Lebensmittel sei zu schärfen. „Während die Konsumenten bei ihrem täglichen Einkauf schon sehr bewusst zu hochwertigen regionalen Produkten greifen, haben wir bei den öffentlichen Küchen noch Luft nach oben. Mittlerweile greifen aber schon rund 90 öffentliche Küchen in Tirol vermehrt zu heimischen Produkten, und es gibt immer mehr Projekte, bei denen Gastronomie und Tourismus mit der Landwirtschaft eng zusammenarbeiten“, so der Tiroler Bauernbund-Obmann abschließend.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Osttirol heute/Mühlburger