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„Körpersprecher“ Stefan Verra trifft Elisabeth Blanik

Die Körpersprache sagt mehr aus als tausend Worte – auch in der Politik. Davon konnten wir uns bei einem Termin mit Stefan Verra und Bgm. Elisabeth Blanik überzeugen.

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Im Bürgermeister-Büro in der Lienzer Liebburg diskutierten LA Bgm. Elisabeth Blanik und Stefan Verra über die Bedeutung von Körpersprache in der Politik.

 

Auf Einladung von Osttirol heute diskutierte Politprofi Elisabeth Blanik, ihres Zeichens Lienzer Bürgermeisterin und Vorsitzende der SPÖ Tirol, mit dem weit über den deutschen Sprachraum hinaus bekannten Körpersprache-Experten und gebürtigen Lienzer Stefan Verra. Raimund Mühlburger stellte die Fragen.

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Raimund Mühlburger: Frau Bürgermeisterin, wie empfindet man das erste direkte Zusammentreffen mit Stefan Verra? Fühlt man sich beobachtet?

Elisabeth Blanik: Ja, logisch. Der erste Kontakt – das war fixiert.

Raimund Mühlburger: Stefan, was ist dir aufgefallen?

Stefan Verra: Frau Bürgermeisterin, ich habe dich für ein Medium schon einmal analysiert. Das war ein großer Auftritt von dir, nämlich beim Landesparteitag in Zirl, bei deiner Wahl zur Vorsitzenden der SPÖ Tirol. Es eilt dir der Ruf voraus, dass du extrem umgänglich sein sollst. Das habe ich jetzt bei unserem Zusammentreffen auch so empfunden. Ich analysiere Politiker des Öfteren, und mir fällt auf, dass ein offenes aufeinander Zugehen immer seltener wird. Die Fähigkeit, offen auf die Menschen zugehen zu können, stellt jedoch eine der wichtigsten Kernkompetenzen dar, die einen Politiker auszeichnen sollten. Wir wählen Alphatiere, damit sie uns Sicherheit geben. Das bedeutet aber auch, dass eine Politikerin/ein Politiker für die Sorgen des Wahlvolkes da sein muss. Alle Parteien sollten dies beachten und nicht nur jene an die Spitze wählen, die sich intern am besten durchsetzen konnten.

Elisabeth Blanik: Stefan, mich würde interessieren, was du beim Parteitag beobachtet hast. Ich weiß noch, wie ich mich gefühlt habe.

Stefan Verra: Du hast sehr gut gewirkt und machst instinktiv sehr vieles richtig, wenn du vor Leuten sprichst. Du lächelst sie an, du bewegst dich viel und sprichst vor allem nicht stereotyp. Sympathisch wirkt auch, dass du dich sehr modisch und fraulich kleidest.

Elisabeth Blanik: Wenn ich zurückdenke, hat sich diesbezüglich im Laufe der Zeit doch einiges geändert. Zu Beginn meiner politischen Tätigkeit habe ich oft Kostüme gewählt und hochgeschlossene Blusen, um möglichst kompetent zu wirken. Als kleine blonde Frau war es schließlich nicht immer leicht, sich neben großgewachsenen Polit-Kapazundern zu behaupten. Inzwischen nehme ich mir aber die Freiheit, mich so zu kleiden, wie es mir Spaß macht.

Stefan Verra: Hinsichtlich der Körpergröße lässt sich sagen, dass sich vieles nur in unseren Köpfen abspielt. Ich würde dir bei Ansprachen auch nicht unbedingt ein Rednerpult empfehlen, wenngleich man sich dahinter eventuell sicherer fühlen könnte. So wie du auf die Leute zugehst – mit einer sehr offenen Art und einem sympathischen Lächeln – hebst du dich von anderen Politikern genügend ab. Du bist körpersprachlich sehr talentiert. Man darf das nur nicht übertreiben, denn die Gefahr der Überheblichkeit besteht. Was mich in diesem Zusammenhang interessieren würde, ist die Frage, ob du dir selbst deiner Körpersprache bewusst bist, wenn du z.B. durch die Stadt gehst oder vor Leuten sprichst?

Elisabeth Blanik: Nein, eigentlich denke ich darüber nicht nach. Wenn ich mich selbst einschätzen müsste, dann würde ich sagen, dass ich dann gut bin, wenn ich sprichwörtlich im Flow bin. Wenn ich eine Ansprache halte, versuche ich eine Verbindung zu jenen aufzunehmen, die mir zuhören. Und dann reagiere ich auf das, was vom Publikum zurückkommt.

Stefan Verra: Was vielen nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass es auch bei Politikeransprachen nicht immer um die Inhalte geht. Die Zuhörer reagieren wesentlich mehr auf „Bilder“, die man mit Erzählungen in ihnen weckt, als z.B. auf Zahlen oder Fakten. Teil deines Talentes ist es, dass du viele Ausdrücke körpersprachlich darstellen bzw. vermitteln kannst. Du lachst auch viel, was sehr sympathisch wirkt. In der Wissenschaft spricht man vom ,Gesetz der erforderlichen Vielfalt‘. Jener Mensch, der mehr Verhaltensvariationen zu nützen weiß, kann auch mehr Emotionen ansprechen. Der frühere US-Präsident Barack Obama ist ein gutes Beispiel dafür.

Elisabeth Blanik: Heiterkeit und Gelassenheit sind mir sehr wichtig. Das übe ich auch. Außerdem achte ich sehr auf meine eigene Psychohygiene. Jeder, der heute in der Öffentlichkeit steht und Politiker ist, sieht sich ständig mit Angriffen konfrontiert. Es gibt immer jemanden, dem etwas nicht passt. Da besteht natürlich die Gefahr, dass man sich selbst verändert. Ich sage mir jeden Abend: „Alles wird gut!“

Stefan Verra: Dazu fällt mir ein buddhistischer Spruch ein: „Die Mundwinkel sollten näher am lächelnden als am ernsten Gesicht sein.“ Bei dir zeigen die Mundwinkel auch dann leicht nach oben, wenn du gerade nicht lachst.

 

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Raimund Mühlburger: Politiker sollten also, wenn ich das richtig verstehe, körpersprachlich Emotionen ansprechen und eine Vision vermitteln?

Stefan Verra: Ganz genau. Es gibt aber viele, auch hochrangige Politiker, die das nicht können. Sie sprechen lieber über Probleme und Hindernisse als über Ideen oder Visionen für die Zukunft.

Elisabeth Blanik: Mit diesem Thema setze ich mich persönlich gerade sehr intensiv auseinander. Es geht uns in Tirol, in Österreich und in Europa außerordentlich gut – und trotzdem sind wir extrem angstbesetzt.

Stefan Verra: Wir sollten nicht vergessen, dass wir Menschen „Rudelwesen“ sind. Wir agieren eigentlich alle ähnlich, Sicherheit ist uns wichtig. Ein Alphatier – also eine Politikerin/ein Politiker – sollte deshalb nie bestehende Ängste verstärken, sondern muss Visionen vermitteln. Man kann überall Problem sehen. Man kann aber auch sagen: „Ja, es gibt Probleme, aber …“

Elisabeth Blanik: Mir persönlich ist es wichtig, dass meine Einstellung passt, dass meine Visionen stimmig sind und dass ich mir meine positive Weltsicht erhalte. Und dies versuche ich auch zum Ausdruck zu bringen.

Stefan Verra: Als Politikerin/Politiker sollte man vermitteln, dass man zugänglich ist. Die Leute wissen gerne, wen sie vor sich haben. Sie schätzen Authentizität und Lebendigkeit.

Elisabeth Blanik: Ich kann aber nicht nur zugänglich und freundlich, sondern manchmal auch ziemlich zornig sein (lacht).

Stefan Verra: Gut, dass du das ansprichst. Ich finde dies sehr wichtig, insbesondere bei Frauen. Sie sollten vermitteln, dass sie auch einmal auf den Tisch hauen können – Stichwort #metoo.

 

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Raimund Mühlburger: Frau Bürgermeisterin, welche Rolle sollte „Inszenierung“ überhaupt in der Politik spielen?

Elisabeth Blanik: Natürlich ist Inszenierung wichtig. Jeder Auftritt ist Inszenierung – nicht nur in der Politik. Sobald man mit anderen Menschen interagiert, schwingt der Faktor Inszenierung immer mit.

Raimund Mühlburger: Stefan, was sagt der Körpersprache-Experte dazu?

Stefan Verra: Das Wort Inszenierung mag für manche etwas konstruiert wirken, vor allem deshalb, weil die Begriffe „Schauspiel“ und „Inszenierung“ gerne verwechselt werden. Schauspielen meint in dem Fall, ich tue etwas, was nicht meinem Inneren entspricht. Das gehört mit zu den schlimmsten Dingen, die man tun kann, weil man so nicht mehr authentisch ist.

Raimund Mühlburger: Frau Bürgermeisterin, auch wenn sich inzwischen einiges verändert hat, sind Frauen in der Politik doch immer noch in der Unterzahl. Wie fühlt man sich als oft vermutlich einzige Frau in verschiedenen Gremien?

Elisabeth Blanik: Ich habe überhaupt kein Problem damit und fühle mich auch dann wohl, wenn ich die einzige Frau in einer Runde bin. Vielleicht hat das auch mit meinem Studium an der TU zu tun. Meine Studienkollegen waren fast durch die Bank Männer.

Stefan Verra: Und wie fühlst du dich in einer Runde, die nur aus Frauen besteht?

Elisabeth Blanik: Auch gut, ich denke aber, dass Männer für mich kalkulierbarer, also leichter einschätzbar sind. Für sie sind hierarchische Strukturen eine Selbstverständlichkeit. In einer Runde mit Frauen muss hingegen vieles immer wieder neu austariert werden. Männer sind nach meiner Erfahrung unkomplizierter und können – auch nach härteren Diskussionen – wieder miteinander auf einen Kaffee oder ein Bier gehen. Was mir noch auffällt ist, dass Frauen in Führungspositionen von Männern eher akzeptiert werden als von Frauen. Für Männer sind hierarchische Strukturen Normalität, innerhalb von Frauen bleibt immer etwas im Ungewissen.

Raimund Mühlburger: Stefan, wie fällt dein Resümee zu unserem heutigen Gespräch aus?

Stefan Verra: Frau Bürgermeisterin, Du bist ein sehr lebendiger Mensch und in deiner Körpersprache ein „offenes Buch“. Du wirkst sehr authentisch und zugänglich. Mir hat unser Treffen auch sehr viel Spaß gemacht!

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Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger