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- Dienstag, 07. August 2012
Mineralien werden aus Glocknerwand geborgen
Aus einer der größten bekannten alpinen Klüfte der Ostalpen werden im Rahmen eines wissenschaftlichen Projektes Mineralien – vor allem Kristalle – schonend geborgen.

Stefan Obkircher hat die große alpine Kluft im Jahre 1994 entdeckt und ist mit seinem Kollegen bisher vier Meter in das Innere des Felsens vorgedrungen.
„Diese alpine Kluft in der Glocknerwand ist sicherlich eine der spektakulärsten, die ich je gesehen habe“, erzählt Univ.-Prof. Dr. Franz Walter vom Institut für Erdwissenschaften an der Universität Graz. In Zusammenarbeit mit dem Nationalpark Hohe Tauern Tirol und dem Österreichischen Alpenverein (OeAV) werden seit 1. Juli 2012 Mineralien aus der Glocknerwand im Rahmen eines wissenschaftlichen Projektes schonend geborgen. Entdeckt hat diese große alpine Kluft im Jahr 1994 der Mineraliensammler Stefan Obkircher aus St. Jakob i. Def., weil der Bereich damals vom Eis freigelegt wurde. Obkircher birgt derzeit mit einem zweiten Mitarbeiter von Professor Walter die Mineralien auf rund 3 560 Metern Seehöhe.

Univ.-Prof. Dr. Franz Walter untersucht als einer der profiliertesten Mineralienexperten Österreichs mit seinem Team das aus der Glocknerwand geborgene Material an der Grazer Universität.
Bei den Geländearbeiten, die vom Team um Professor Walter ehrenamtlich durchgeführt werden, kommt außer Muskelkraft nur ein Gasbrenner zum Einsatz, um das Gestein vom Eis herauszulösen. „Das Aufreißen der Zerrklüfte erfolgte in einer Erdtiefe von rund zehn Kilometern bei Temperaturen von 400 bis 500 Grad Celsius. In den Klüften zirkulierten heiße Flüssigkeiten, die aus dem umgebenden Gestein die vorhandenen Mineralien teilweise auflösten“, erklärt Dr. Walter die Entstehung der Mineralien. Durch die stetige Hebung des Gebirges steigen die Klüfte langsam auf und kühlen ab. Dieser Vorgang begann für die heute an der Erdoberfläche angekommenen Klüfte vor rund 10 Millionen Jahren und dauert in einer Tiefe bis rund zehn Kilometern auch heute noch an. Franz Walter bezeichnet die alpine Kluft in der Glocknerwand als relativ junge Kluft.
„In der Kernzone des Nationalparks ist das Bergen von Mineralien nur im Rahmen eines wissenschaftlichen Projektes möglich. Wir haben ein solches in Osttirol erstmals befürwortet, weil es sich um ein Forschungsprojekt handelt und weil der Österreichische Alpenverein als Grundeigentümer zugestimmt hat“, so Nationalpark-Direktor DI Hermann Stotter. „Der wissenschaftliche Wert wurde uns glaubhaft geschildert, und es stehen bei diesem Projekt keine finanziellen oder privaten Interessen dahinter. Wenn man nicht agiert, gehen diese Naturschätze verloren“, betont Dipl.-Geogr. Willi Seifert von der Abteilung Raumplanung-Naturschutz beim OeAV in Innsbruck. „Nach den wissenschaftlichen Untersuchungen sollen die Mineralien in der Region der Bevölkerung und den Gästen im Rahmen einer Ausstellung gezeigt werden“, so Seifert weiter.

Die Mineralien werden vorerst wissenschaftlich untersucht und die optisch ansprechendsten Stücke später in einer Ausstellung im Bezirk Lienz gezeigt.
Die aus der Glocknerwand geborgenen Mineralien werden mittels Hubschrauber abtransportiert. „Wir werden heuer noch bis Ende August an der Glocknerwand arbeiten. Aktuell sind wir rund vier Meter in die Kluft vorgestoßen. Ein Ende ist nicht absehbar, deswegen könnten die Arbeiten im nächsten Sommer weitergehen“, sagt Mineraliensammler Stefan Obkircher. An der Karl-Franzens-Universität Graz wird das Material in Zusammenarbeit mit dem Universalmuseum Joanneum wissenschaftlich untersucht und die Vorkommen im Nationalpark Hohe Tauern dokumentiert. „Ein Ziel ist, die Mineralienvorkommen bezüglich ihrer Vielfalt und Fundorte zu erfassen. Die Erforschung der im Nationalpark vorkommenden Mineralien liefert möglicherweise aber auch Erkenntnisse, um die Entstehung der Alpen zu entschlüsseln“, erklärt Prof. Franz Walter abschließend den wissenschaftlichen Sinn dieses Projektes.
Text und Fotos: Raimund Mühlburger

