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Deferegger Fotschen – jedes Paar ein Unikat

Adelheit Stemberger aus St. Veit im Defereggental hat das alte Handwerk des „Fotschen-Machens“ an ihren Enkel Helmut und seine Freundin Julia weitergegeben.

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Helmut Stemberger beim Arbeiten an der alten Nähmaschine, die mit den Füßen betrieben wird

 

Mit dem Dialektwort „Fotschen“ werden im Defereggental Hausschuhe aus Filz und Loden bezeichnet, die in früheren Zeiten beinahe auf jedem Hof hergestellt wurden. Heute beherrschen das alte Handwerk nur mehr wenige. Am Außerkinnhof auf 1.473 Metern Seehöhe im St. Veiter Ortsteil Moos wird das warme Schuhwerk auch heute noch von Hand hergestellt. „In den kinderreichen Familien früherer Zeiten bestand natürlich ein großer Bedarf. Die älteren Kinder erhielten immer die neuen Hausschuhe, die jüngeren sind dann praktisch in diese hineingewachsen“, erinnert sich Adelheid Stemberger an ihre Kindheit zurück. Damals gab es in ihrer Heimatgemeinde noch zwei Schuster, auch ihr Vater übte dieses Handwerk aus. Trotzdem stellte beinahe jede Familie des Dorfes die Fotschen für den Eigengebrauch selbst her.

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Adelheid Stemberger: „Das Fotschen-Machen ist eine relativ schwere Arbeit, vor allem beim Befestigen der Filzsohle am Leisten werden Hände und Arme sehr stark belastet.“

 

„Es braucht viel Kraft, Zeit und Geschick, bis ein Paar fertig ist. Hände und Arme werden vor allem beim Befestigen der Filzsohle am Leisten stark beansprucht“, berichtet Adelheid vom hohen  handwerklichen Aufwand. Ihr Enkel Helmut hat ihr schon als kleines Kind gerne beim Fotschen-Machen zugeschaut. „Irgendwann durfte ich dann mithelfen, zunächst beim Aufrauen der Sohle. Später habe ich dann meine Oma gebeten, mir jeden einzelnen Arbeitsschritt genau zu zeigen. Mir ist es ein Anliegen, dieses typische Deferegger Handwerk zu erhalten“, betont der heute 38-Jährige. Gesagt, getan: Vom Zuschneiden des Lodens über das Abnähen mit der Maschine, das Aufleisten, das Aufnageln der Filzsohle bis zum Einfassen mit einem starken Band – Adelheid Stemberger lehrte ihren Enkel alles, was man über das Fotschen-Machen wissen muss. „Man muss jeden Handgriff selbst ausprobieren und üben. Erst wenn man einige Paare fertig hat, stellt sich eine gewisse Handfertigkeit ein.“

 

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Auch Helmuts Freundin Julia hat bald Gefallen an der Produktion der Fotschen gefunden. Inzwischen fertigen die beiden die traditionellen Deferegger Hausschuhe ganz ohne Omas Unterstützung. „Alles wird händisch gemacht, nur das Abnähen erledigen wir mit einer alten Nähmaschine, die mit den Füßen betrieben wird“, berichtet Julia. Besonders viel Geschick erfordert, wie sie sagt, das Aufnähen der Lederkappe. „Fotschen werden bei uns im Defereggental von so Manchem auch im Freien getragen. Die aufgeklebte Gummisohle sorgt dafür, dass die Füße nicht nass werden“, ergänzt Helmut.

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Auch aus Helmuts Freundin Julia ist inzwischen eine begeisterte „Fotschen-Macherin“ geworden.

 

Als Grundmaterial für die Anfertigung der Fotschen kommen am Außerkinnhof, wie in früheren Zeiten, auch heute noch vor allem alte Lodenstoffe zum Einsatz. „Für die Sohle benötigen wir vier, für das Übergeschirr drei Lagen Loden. Das sorgt für wohlige Wärme“, sagt Helmut. Und seine Oma Adelheit wirft ein, dass die selbstgemachten Hausschuhe nicht nur warm, sondern auch besonders haltbar seien. „Fünf Jahre überstehen sie auf jeden Fall. So mancher Fotschen-Besitzer hat seine Füße aber auch schon 10 bis 15 Jahre mit diesem Schuhwerk gewärmt.“

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Eine Begleiterscheinung des Fotschen-Machens schätzen Julia und Helmut, wie sie abschließend betonen, sehr. „Es ist eine sehr gesellige Arbeit, die uns vor allem jetzt im Winter in der warmen Stube gut von der Hand geht.“ Bei der gemeinsamen Arbeit lerne man außerdem immer wieder etwas Neues dazu. „Und man kann bei der Auswahl der Materialien und bei der Gestaltung der einzelnen Fotschenpaare auch die eigene kreative Ader so richtig zum Ausdruck bringen.“

 

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Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Journal/Kraner