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Felix Mitterers Suche nach der Menschlichkeit

Felix Mitterer versteht es wie kaum ein anderer Autor, zeitgeschichtlich relevante und kontroverse Themen aufzugreifen. Wir trafen ihn in Bruneck zum Interview.

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Felix Mitterer auf der Bühne des Stadtheaters Bruneck

 

Wer seinen „Der Boxer“ am Wiener Burgtheater gesehen hat, weiß um die hohe Qualität seiner Arbeit, wer eine Aufführung von „Sibirien“ oder „Kein Platz für Idioten“ besucht hat, verlässt das Theater ebenso nachdenklich wie menschlich berührt. So geschehen vor Kurzem im vollbesetzten Lienzer Stadtsaal oder im Mai während der „Felix Mitterer-Wochen“ im Stadttheater Bruneck. Dort stand Mitterer in der Dramatisierung einer Kafka-Erzählung als „Affe Rotpeter“ selbst auf der Bühne – und überzeugte auch als Schauspieler. Wir trafen den vielseitigen Dramatiker und Autor in Bruneck, wo er uns im journal-Interview von seinem Werdegang, von aktuellen Projekten und davon erzählte, warum es ihn – der heute in Niederösterreich lebt – immer wieder zurück nach Tirol zieht.

Herr Mitterer, Ihr Vorname „Felix“ bedeutet „vom Glück begünstigt“, „der Glückliche“. Wie definieren Sie für sich selbst Glück? Ist Felix Mitterer – nomen est omen – ein Gücklicher?

Wenn es einem Menschen, wie mir, gelingt, das tun zu können, was einem Freude bereitet und selbstbestimmt leben zu können, dann kann man schon von Glück reden. Ich habe mir schon als Kind gewünscht, Schriftsteller zu werden. Das ist eingetreten – also würde ich durchaus sagen, dass ich „Felix, der Glückliche“ bin.

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Ein nachdenklicher Felix Mitterer im journal-Gespräch

 

Ihre Kindheit war nicht einfach, Ihre späteren Anfänge als Dramatiker nicht leicht. Ende der 1980er-Jahre schafften Sie mit „Die Piefke-Saga“ den großen Durchbruch. Nervt es Sie heute, auch 25 Jahre danach, immer wieder darauf angesprochen zu werden?

Nein, überhaupt nicht. Das Thema hat damals stark polarisiert, viele Menschen aus der Tourismuswirtschaft waren auch sauer. Heute ist dies längst anders. Wenn ich ins Zillertal komme, dann berichten mir Hoteliers, dass deutsche Gäste immer noch nach den Piefke Saga-DVDs fragen. Manche können heute noch ganze Dialoge auswendig. Für einen Autor ist es ein Glücksfall, die Aufmerksamkeit in so hohem Maße wecken zu können. Die „Piefke Saga“ war eine Realsatire. 

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Felix Mitterer im Stadttheater Bruneck

 

Als Dramatiker beschäftigen Sie sich vor allem mit sehr ernsten, auch zeitgeschichtlich relevanten Themen – in „Jägerstätter“ oder „Der Boxer“ mit der Nazizeit und mit Menschen, die sich gegen den Opportunismus auflehnen. Was fasziniert an Persönlichkeiten wie Franz Jägerstätter oder dem deutschen Boxer Trollmann?

Menschen, die nicht einfach nachreden, was andere sagen, die gegen den Strom schwimmen, gegen den Opportunismus – das sollten unsere Vorbilder sein. Ich bin 1948 geboren und habe miterlebt, dass in der Nachkriegszeit vieles verdrängt wurde. Zum Teil kann ich das verstehen, als Nachgeborener habe ich mich aber immer verpflichtet gefühlt, mich mit unserer Vergangenheit auseinander zu setzen. Mir geht es dabei nicht darum, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten als einer, der besser ist oder es besser weiß. Schreiben heißt für mich nachdenken – ich versuche, für mich selbst etwas aufzuarbeiten, aber natürlich auch zum Nachdenken anzuregen. Im Gegensatz zu manchen meiner Autorenkollegen bin ich davon überzeugt, dass man auf literarischer Ebene etwas bewegen und Anstöße hin zu Veränderungen geben kann.

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Felix Mitterer vor dem Stadttheater Bruneck

 

Nächstes Jahr steht am Burgtheater die Premiere von „Galapagos“ auf dem Programm. Womit beschäftigen Sie sich darin?

Grundlage von „Galapagos“ ist eine wahre Geschichte, die sich in der Zwischenkriegszeit auf Floreana, einer Insel des Galapagos-Archipels, zugetragen hat. Es geht um Menschen, die fern von der Zivilisation ein naturnahes, spirituelles Leben führen wollten, um ungeklärte Todesfälle und letztendlich darum, dass der Mensch sich selbst auch im vermeintlichen Paradies nicht entkommen kann. „Galapagos“ ist Teil einer Trilogie, zu der auch das Stück „Märzengrund“ rund um die wahre Geschichte eines Tiroler Bauernsohns, der ins Gebirge ging und 40 Jahre nicht in die Zivilisation zurückkehrte, zählt. Im dritten Part möchte ich mich mit Deserteuren im II. Weltkrieg, die sich in die Berge flüchten, beschäftigen.

Ist die Auseinandersetzung mit den oft sehr schwierigen Stoffen nicht auch belastend? Schreiben Sie sich dann vieles sozusagen „von der Seele“?

Ich habe einmal versucht, eine Komödie zu schreiben. Das funktioniert, wie ich glaube, nicht. Mir ist aber Humor sehr wichtig – im Leben und oft auch in meinen Stücken, die die Schwere und Tragik des Lebens thematisieren. Ich bewundere die irischen Dramatiker, die Meister darin sind, das Lustige im Tragischen und umgekehrt das Tragische im Lustigen perfekt herauszuarbeiten.

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Sie haben Irland angesprochen, wo sie lange Jahre gelebt haben. Heute haben Sie Ihren Wohnsitz in Niederösterreich. Was bedeutet Ihnen Heimat?

Heimat ist und bleibt für mich Tirol, hierhin kehre ich auch immer wieder zurück. Obwohl ich heute im Weinviertel lebe, bin ich beinahe jede Woche in Tirol. Hier bin ich aufgewachsen, hier ist auch die Landschaft, die mich geprägt hat, hierher zieht es mich zu meinen Freunden. Im Grunde habe ich ein Leben lang auch darüber geschrieben, was man unter Heimat versteht und was in dieser Heimat passiert und passiert ist, was Menschen einander antun und wie sie miteinander umgehen.

Sie sind heute 68. Ist das Älterwerden für Felix Mitterer ein Thema?

Grundsätzlich eigentlich nicht. Bei der Wiederaufführung von „Ein Bericht für die Akademie“ habe ich mich aber nicht nur einmal gefragt, ob ich das noch schaffe. Die Rolle des „Affen Rotpeter“ ist auch körperlich eine Herausforderung. Natürlich komme auch ich nicht daran vorbei, mir bewusst zu machen, dass mir nicht mehr so viel Zeit bleibt wie damals, als ich noch 20 oder 30 war. Umso mehr versuche ich, meine Zeit bewusst mit jenen Menschen zu verbringen, die ich mag und die ich liebe.

Danke für das Gespräch!

Interview: E. & J. Hilgartner, Fotos: Martin Lugger