osttirol-heute.at Online-Magazin für die Region Osttirol
Artikel drucken

Gertraud Oberbichler: Das Wetter ist ihr Hobby

Der morgendliche Blick zum Himmel gehört für Gertraud Oberbichler zum Start in den Tag wie für andere das Frühstück – sie beobachtet ehrenamtlich für die ZAMG das Wetter.

wetteroberbichler1 c lugger

 

Wenn es um Regen, Sonnenschein & Co geht, weiß die Vize-Bgm. von Nußdorf-Debant Bescheid. Seit nunmehr 14 Jahren beobachtet sie ehrenamtlich für die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) das Wettergeschehen über dem Lienzer Talboden. Im Bezirk Lienz gibt es fünf Wetterstationen, die von der Zentralanstalt ZAMG Klagenfurt betreut werden. Sie stehen in Virgen, Kals, St. Jakob, Sillian und in Lienz. Seit 2007 laufen alle Stationen automatisch, d.h. die gemessenen Daten werden direkt an die ZAMG in Klagenfurt weitergeleitet. 1985 wurde die Wetterstation beim Umspannwerk der Austrian Power Grid (früher Verbund) in Nußdorf-Debant als erste in Osttirol automatisiert. „Heute werden die Messdaten im 10 Minuten-Takt in eine zentrale Datenbank eingespeist“, erklärt dazu Mag. Christian Stefan, Leiter der ZAMG in Klagenfurt.

wetteroberbichler3 c lugger

 

Er berichtet, dass das Wetter in Osttirol schon lange vor den heutigen modernen Stationen über herkömmliche Klimastationen erfasst wurde. In Lienz reiche die Zeitreihe bis ins Jahr 1853 zurück. „Dafür waren ursprünglich ausschließlich menschliche Helfer verantwortlich, die täglich mehrmals die Temperatur ablasen und den Bewölkungsgrad oder etwa auch die Sichtweite beurteilten und aufzeichneten. Zusätzlich wurden zwei Mal täglich die Niederschlagsmenge und im Winter ein Mal pro Tag auch die Schneehöhe gemessen“, so der Meteorologe.

wetteroberbichler4 c lugger

 

Seit der Automatisierung ist vieles an Beobachtungs- und Messarbeit weggefallen, einen menschlichen „Wetterfrosch“ können die Maschinen aber nicht vollständig ersetzen. Zusatzbeobachtungen sind notwendig und wichtig. Im Raum des Lienzer Talbodens erledigt diese tägliche Arbeit, die v.a. im alpinen Bereich mit hohen Bergen und tiefen Tälern für die Wettervorhersage sehr wichtig ist, Gertraud Oberbichler. Egal, ob sich ein Sonnentag ankündigt, oder ob es stürmt oder schneit – zwischen 6.00 und 6.30 Uhr steht sie vor ihrem Haus in Nußdorf und nimmt den Himmel über dem Talboden in Augenschein. Um 14.00 und um 19.00 Uhr wiederholt sie diese Tätigkeit.

wetteroberbichler5 c lugger

 

„Ich schaue mir die Bewölkung an, schätze die Sichtweite in Kilometern ab. Ich vermerke, ob es Niederschlag gibt und zeichne weitere Wettererscheinungen – also etwa Gewitter oder Wetterleuchten – auf“, erzählt uns Gertraud Oberbichler. Mit ihr sitzen wir auf ihrer gemütlichen Hausbank, reden über das Wetter und genießen einen wunderschönen Blick auf den Lienzer Talboden. Klassifizierungen wie „heiter“, „wolkig“, „stark bewölkt“ oder „bedeckt“ kommen bei der Wolkendichte bzw. -menge in Betracht, Regen, Schnee, Hagel oder Nieseln bei den Niederschlagsarten. „Die Frage nach der  Sichtweite würde ich heute mit nicht mehr als 10 km eintragen“, meint sie nach einem prüfenden Blick Richtung Lienz/Peggetz.

wetteroberbichler6 c lugger

 

Zu den täglichen Messwerten kommt auch noch die Bodenbeobachtung hinzu. „Trocken“, „feucht“ und „nass“ gibt es hier als Möglichkeiten. In ihr „Klimaheft“ trägt die Osttirolerin auch den „abgesetzten Niederschlag“ ein und meint damit im Sommer den Tau und im Winter den Reif. „Wenn ich wieder im Haus bin, übertrage ich meine Beobachtungen direkt an die Datenbank der ZAMG.“ Im Winter misst sie täglich auch die Schneehöhe. Dafür steht in ihrem Garten ein so genanntes „Schneebrett“ bereit. „Mithilfe dieses Holzbrettes und eines Messstabes bestimme ich die jeweilige Neuschnee- und Gesamtschneemenge. Meine Messarbeit kann im Winter schon einmal etwas ungemütlich sein, wenn ich bei dichtem Schneetreiben oder hohen Neuschneemengen in aller Frühe vors Haus muss. Inzwischen macht mir das aber überhaupt nichts mehr aus“, lacht sie.

wetteroberbichler8 c lugger

 

Im Laufe der Zeit sei die Wetter- und Klimabeobachtung auch so etwas wie ein Hobby geworden. Derzeit schmökert Gertraud Oberbichler beispielsweise gerne in einem im Vorjahr erschienenen Klimaatlas für Tirol, Südtirol und den Belluno. „Interessanterweise geht mein erster Blick immer in Richtung Himmel, wenn ich ins Freie komme, auch wenn ich nicht zu Hause bin.“ Für die ZAMG ist eine derart engagierte Wetterbeobachterin wie sie ein Glücksfall. „Wir haben in Osttirol viel zu wenige WetterbeobachterInnen wie Gertraud Oberbichler. Wer also Lust hat, sich intensiver mit dem Wetter und Klima vor allem in Sillian, in Kals oder in Virgen zu beschäftigen, soll sich bitte einfach bei uns in der ZAMG Klagenfurt melden“, so Meteorologe Christian Stefan abschließend.

 

  • wetteroberbichler2_c_lugger
  • wetteroberbichler7_c_lugger
  • wetteroberbichler9_c_lugger

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger