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Streiflichter auf das Zeitalter Kaiser Franz Joseph I.

Am 7.8. wurde in St. Veit i.D. eine Ausstellung mit Originaldokumenten und Fotos eröffnet, die interessante Einblicke in die Zeit von 1848 bis 1916 bietet.

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In Erinnerung an den I. Weltkrieg und anlässlich des 100. Todestages von Kaiser Franz Joseph zeigt der Heimatkundeverein St. Veit i.D. im örtlichen Chronikarchiv am Dorfplatz Originaldokumente, Objekte und Fotos, die dem Besucher vor Augen halten, wie sich das Defereggental und insbesondere St. Veit in den Jahrzehnten der Regentschaft des vorletzten österreichischen Kaisers entwickelt haben. „Als Franz Joseph I. nach der Revolution des Jahres 1848 die Herrschaft antrat, war das kleine Bergdorf St. Veit wirtschaftlich fast ausschließlich von Land- und Forstwirtschaft sowie vom Handel der Deferegger Wanderhändler geprägt“, erklärte Dr. Michael Huber am Sonntagvormittag, 7.8., in St. Veit. Schon seit vielen Jahren beschäftigt sich der Obmann des Heimatkundevereines mit der Geschichte des Defereggentales und hat dazu auch bereits zahlreiche Publikationen veröffentlicht.

„Das auffälligste Merkmal der Regierungszeit Franz Josephs ist die außergewöhnliche Dauer von nahezu sieben Jahrzehnten, deren lange Dauer sich auch in entlegenen Regionen wie dem kleinen Dorf St. Veit auswirkte“, informierte er. Gleich das erste Regierungsjahr des jungen Kaisers brachte für das abgeschiedene Bergdorf große Veränderungen: Mit der sogenannten Grundentlastung im Jahr 1848 wurden die Bauern nach Jahrhunderten der Abhängigkeit von sogenannten Grundherrschaften gegen eine relativ niedrige Ablöse erstmals selbst Eigentümer der von ihnen bewirtschafteten Gründe. Jahrzehnte später konnte das Defereggental indirekt auch von der Eröffnung der Pustertalbahn (1871) profitieren. Der etwas später erfolgte Ausbau der Deferegger Straße (ab etwa 1880) führte dazu, dass in dem bis dahin entlegenen Tal auch der Tourismus allmählich Einzug halten konnte. So gab es in St. Jakob Ende des 19. Jahrhunderts schon mehrere Gasthäuser, die von Reisenden immer wieder gelobt wurden.

Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann dann auch der Aufstieg der Deferegger Fabrikanten: Aus den einstigen Compagnien von Wanderhändlern entwickelten sich industrielle Unternehmen. In zahlreichen Städten der Monarchie wurden Fabriken und Geschäfte gegründet. Deferegger arbeiteten in den zumeist auf verschiedene Gesellschafter aufgeteilten Firmen. Da sie ihrer alten Heimat die Treue hielten und regelmäßig nach Hause zurückkehrten, brachten sie auch etwas von der großen Welt ins Defereggental mit.  

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Dr. Michael Huber (im Bild links außen) eröffnete am Sonntag, 7.8., die sehenswerte Ausstellung. Zur Vernissage kamen, neben zahlreichen Interessierten, auch der Bürgermeister von St. Veit, Vitus Monitzer (Bildmitte) ...

 

Zu den wenigen Personen, die mit dem Kaiserhaus direkt in Berührung kamen, gehörte der Pädagoge und Sprachwissenschaftler Valentin Hintner (1843-1923). Er hatte u.a. auch einen Beitrag für das sogenannte „Kronprinzenwerk“ verfasst. Die Nähe zum Herrscherhaus ist auch bei Hintners Schwiegersohn, Johann Ladstätter, greifbar, der sich als wohlhabender Hutfabrikant in Wien für die Errichtung eines Denkmals der Freiheitskämpfer in den Franzosenkriegen einsetzte. Es gelang ihm, nicht nur Spendengeld dafür zu lukrieren, sondern auch den Matreier Künstler Virgil Rainer für die Gestaltung eines Reliefs zu engagieren. Rainer zeigte seine fertige Arbeit in Wien im Rahmen einer Ausstellung im Jahr 1907. Dort sah sie auch Franz Joseph, der dem Künstler dafür sein persönliches Lob aussprach. Im August 1909 wurde das Denkmal in Gegenwart von Erzherzog Eugen, eines Großcousins des Kaisers, in der kleinen Ortschaft Zotten/Gemeinde St. Veit eingeweiht. Kaiser Franz Joseph selbst kam zwar nie ins Defereggen, machte aber im Jahr 1886 anlässlich eines Manövers in Bruneck auch in Lienz kurz Station. Dafür kam mit Julius Graf Falkenhayn erstmals ein Mitglied der kaiserlichen Regierung ins Defereggen: Im Anschluss an das verheerende Hochwasser von 1882 besuchte der damalige Ackerbauminister das Tal, um sich von den Schäden ein Bild zu machen.

Auch kirchliche Würdenträger besuchten wiederholt das Tal. Das ist insofern erwähnenswert, als St. Veit, das rund 600 Jahre in kirchlicher und weltlicher Hinsicht zum Erzbistum Salzburg gehörte, während dieser Zeit nach heutigem Wissen nie einen Salzburger Erzbischof zu Gesicht bekam. Erst mit der Zugehörigkeit zur Diözese Brixen (ab 1814) änderte sich dies: Im Jahre 1868 visitierte der Brixener Fürstbischof Vinzenz Gasser das Dekanat Matrei und kam dabei auch nach St. Veit. 17 Jahre später weihte Fürstbischof Simon Aichner die Kirche von St. Veit neu ein.

Will man heute in St. Veit Spuren aus der Zeit Franz Josephs aufspüren, wird man vergeblich nach einem Denkmal, einer Inschrift o. Ä. suchen. Doch so manches Gebäude oder Kunstwerk (v.a. im kirchlichen Bereich) aus der Zeit Franz Josephs hat sich erhalten. Der prominenteste erhaltene Bau aus der Zeit Franz Josephs ist das ehemalige Armenhaus oder alte Gemeindehaus, errichtet 1902-1906. Die Pläne gehen auf den St. Pöltener Baumeister Heinrich Wohlmeyer zurück, der als Onkel des späteren Bundeskanzlers Raab eine gewisse Bekanntheit erlangte. Der Kontakt zu Wohlmeyer kam durch Vermittlung des Prälaten A. Schöpfer, der seinerseits mit dem gebürtigen St. Veiter Sebastian Rieger (Reimmichl) befreundet war, zustande.

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... sowie der Bürgermeister von St. Jakob, Ingo Hafele (Bildmitte).

 

Mit dem Ausbruch des Krieges fand der bescheidene Aufschwung in St. Veit aber ein jähes Ende. Nicht nur die einheimische Bevölkerung litt unter dem Krieg, sondern auch für die Deferegger Hutindustrie bedeutete diese Entwicklung mittel- und langfristig eine Katastrophe. Das Kriegsjahr 1916 war von zunehmenden Versorgungsengpässen gekennzeichnet. Die Schulchroniken von St. Veit/Dorf und St. Veit/Feld vermerken Sammlungen für notleidende Soldaten, für Gefangene sowie für Witwen und Waisen. Ein früher Wintereinbruch mit „noch nie gesehenen Schneemassen“, wie es in der Pfarrchronik heißt, verschärfte die Situation.

Am 21. November 1916 starb Kaiser Franz Joseph. Fünf Tage später wurde in der Pfarrkirche auf Anordnung des fürstbischöflichen Ordinariates ein Requiem für ihn gefeiert. Zwei Jahre später zerbrach die Monarchie, vier Jahre darauf verstarb Kaiser Karl I. im Exil. Anders als an Franz Joseph erinnert an ihn, der eigentlich nur eine Episode in der Geschichte Österreichs war, eine Darstellung, nämlich das 1934/35 entstandene Deckengemälde in der Pfarrkirche von St. Jakob in Defereggen.

Die Ausstellung im Chronikarchiv von St. Veit kann bis 4.9.2016 jeweils sonntags von 10.00 bis 12.00 Uhr, am 15.8. im Anschluss an die Prozession bzw. jederzeit auf Anfrage beim Vereinsobmann Dr. Huber (0664/2218600) besichtigt werden.

 

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Text: M. Huber/E. Hilgartner, Fotos: Osttirol heute/L. Sulzenbacher