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Matreier gründete „Gesundheitsschmiede“

Mag. Michael Mattersberger gründete vor zehn Jahren die „Gesundheitsschmiede Tirol“. Er betreut mit seinem Team ältere Menschen mit erhöhtem psychischen Leid.

gesundheitsschmiede pflegesenioren c fotolia Ingo Bartussek

 

Erhöhtes psychisches Leid bei älteren Personen und fehlende Angebote für psychologische Betreuung von Menschen, die in Wohn- und Pflegeheimen leben, haben den gebürtigen Matreier Mag. Michael Mattersberger dazu veranlasst, den Verein „Gesundheitsschmiede Tirol“ zu gründen. Mit einem Team von PsychologInnen betreut und begleitet er ältere Menschen, die beispielsweise unter Angst, Unruhe, Depressionen oder verschiedenen Formen von Demenz leiden.

michlmattersberger c gesundheitsschmiedeHerr Mattersberger, können Sie uns von Ihrem Werdegang und von der Gründung der Gesundheitsschmiede Tirol erzählen?

Schon zu Studienzeiten habe ich mich viel und gerne mit Gerontopsychologie beschäftigt. Während einer anderen Tätigkeit bin ich in ein Wohnheim gekommen und habe dort massives psychisches Leiden der Bewohner wahrgenommen. Das hat mich sehr betroffen gemacht, und ich habe mich entschlossen, dagegen etwas zu unternehmen. Ein Grund für die Gründung des Vereins war sicher auch, dass mein Großonkel Alois, den meine Mutter immer wieder im Wohnheim besuchte, sehr unter seiner Krankheit litt. Meine Mutter belastete glaube ich auch sehr, dass sie das Leiden ihres Onkels nicht verringern konnte. Mir stellte sich die Frage, warum es im psychologischen Bereich so wenig gab, um meine Mutter zu entlasten und meinem Großonkel wenigstens ein bisschen von seinem psychischen Leid zu nehmen. Da ich nach meinem Studium keinen Job gefunden habe, entschloss ich mich, die BewohnerInnen der Wohnheime in Innsbruck zu betreuen. Das war der Startpunkt für die Gründung der Gesundheitsschmiede. Ich begleitete immer mehr Menschen. Irgendwann haben Psychologie-Praktikanten bei uns das Praktikum gemacht. Dieses konnten wir in der Gesundheitsschmiede irgendwann durch die klinisch-psychologische Ausbildung ersetzen. So haben wir immer mehr Leute erreicht.

Woher kommt Ihr Interesse speziell für die ältere Generation?

Neben den vorhin schon genannten Gründen hat sicher auch mitgespielt, dass ich mich in der Umgebung von älteren Menschen bei meinen Besuchen immer sehr wohl fühlte. Und zwar deswegen, weil sie mich so annahmen, wie ich bin. Ältere Menschen fassen oft alles auf das Wesentliche zusammen und treten vor dem Gesprächspartner relativ ungeschminkt auf. Besonders bei den an Demenz erkrankten Menschen kommt man in eine große Nähe. Es kommt zu sehr schönen Beziehungen und Begegnungen, die in anderen Arbeitsbeziehungen so nicht möglich sind.

Warum leiden Menschen mit zunehmendem Alter verstärkt an psychischem Leid?

Im Laufe der Zeit wird der Körper älter, daher wird das Nervensystem anfälliger, der Hirnstoffwechsel kann gestört sein. Die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen wird höher. Dazu kommt, dass bis zu einem Alter von durchschnittlich 75 Jahren die Menschen mehr Gewinne als Verluste haben. Oft überwiegen danach die Verluste. Das ist für mich auch ein wesentlicher Grund für die so genannte „Altersdepression“. Diese ganzen Verluste ertragen zu müssen, führt oftmals zu depressiven Verstimmungen.

Von welchen Formen von psychischen Problemen bzw. Krankheiten können Sie aus ihrer Therapiepraxis heraus berichten?

In der Gesundheitsschmiede werden etwa 80 Personen mehrmals wöchentlich begleitet, betreut und behandelt. Dadurch haben wir mit fast allen Krankheitsbildern zu tun – von hirnorganischem Abbau (Demenz) über Schlaganfälle bis Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, chronische Schmerzen, affektive Störungen oder Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises. Aufgrund der erhöhten Verlusterlebnisse und des hirnorganischen Abbaus haben ältere Menschen verstärkt Angst oder können depressiv werden. Wir machen eine ganzheitliche Therapie, die den Betroffenen in den Mittelpunkt stellt, und sozialtherapeutisches Arbeiten im Umfeld mit Pflegern, Angehörigen und Ärzten.

Häufig geht es bei älteren Menschen ja auch um soziales Leid – also um das Fehlen von sozialen Kontakten und daraus resultierende Einsamkeit?

Ja, das kann ich unterstreichen. Vor allem auch in der Stadt, wo das soziale Netz nicht so eng ist wie am Land, kommt es häufiger zu sozialem Leid. Menschen fühlen sich einsam. Es gibt Menschen, die keine Familie haben oder die Kinder leben weit weg. Die älteren Menschen sind in den Wohnheimen untergebracht oder haben zu Hause kaum soziale Kontakte. Die Begegnung und Beziehung zum Menschen ist ein wichtiger Bestandteil psychischer und auch körperlicher Gesundheit, sodass man in Psychotherapien sogar feststellt, dass eine gute Beziehung und Begegnung bei den Therapien mehr als die Hälfte des Heilungsprozesses ausmacht – mehr noch als die Gesprächsführung selbst.

Wie kann man sich eine psychologische Betreuung bzw. Therapie vorstellen?

Im Laufe der Zeit haben wir unsere Therapieform psychosoziale Therapie genannt. Es gibt hier einen Spannungsbogen zwischen psychosozialer Begleitung, psychosozialer Betreuung, psychologischer Beratung und Psychotherapie. Die psychosoziale Begleitung gründet in dem zuvor besprochenen psychischen Leid und versucht, Menschen mit psychischen Erkrankungen mit anderen Menschen in Kontakt zu bringen und zu begleiten. Es braucht also ein psychologisches Verständnis für diese Menschen, damit Beziehung und Begegnung stattfinden kann und dadurch das soziale Leid – die Einsamkeit – reduziert wird. Die psychosoziale Betreuung ist problemlösungsorientiert. Meistens steht im Mittelpunkt, das emotionale Leid zu lindern. Psychologische Beratung ist eine lösungsorientierte Gesprächsführung, bei der man versucht, mit den Betroffenen oder Angehörigen psychologische Lösungen zu finden. Die Psychotherapie arbeitet sehr stark mit der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen. In den ersten zwei oder drei Gesprächen werden die Inhalte der Therapie erhoben, dann wird ein Therapieplan niedergeschrieben, und die Ziele werden festgelegt. Konkret schaut es im Großteil der Fälle so aus, dass wir von den Ärzten, Pflegern oder auch Angehörigen kontaktiert werden. Es wird ein Aufnahmeformular unterzeichnet, damit wir Einsicht in die Dokumente nehmen können. Anschließend wird ein Erstgespräch und ein Gespräch mit der Pflege und den Angehörigen geführt. Dann geht die Therapie los. Nach drei oder vier Gesprächen kommt zum Hauptbetreuer noch ein Co-Betreuer hinzu.

Psychische Belastungen oder Probleme sind in unserer Gesellschaft – vor allem auch bei der älteren Generation – häufig noch ein „Tabuthema“. Was raten Sie Angehörigen, die beispielsweise bei Ihren Eltern Verhaltensauffälligkeiten feststellen?

Dass psychische Erkrankungen noch immer ein Tabuthema sind, würde ich bestätigen, wobei durch die Thematisierung z.B. von demenziellen Erkrankungen oder Depressionen immer mehr darüber gesprochen wird und in den Fokus rückt, dass der Mensch eben mehr ist als die Psyche oder sein Körper. Es herrscht oft die Meinung: Wenn die Psyche einmal krank ist, kann man sie nicht mehr verändern. Angehörigen, die Verhaltensauffälligkeiten feststellen, würde ich raten, ein Beratungsgespräch mit einem Psychologen oder dem Hausarzt zu suchen. Demenzielle Erkrankungen sind – wenn sie den Angehörigen auffallen – meist eher schon weiter fortgeschritten. Je früher man den kognitiven Abbau erkennt, desto eher kann man noch verhindern, dass die Hirnleistung schnell abgebaut wird. Je genauer Erkrankungen diagnostiziert werden, desto besser kann man damit umgehen und dem Betroffenen helfen. Ich würde Angehörigen also raten, sich eine knappe Stunde Zeit zu nehmen und eine Beratung hinzuziehen.

Wie schauen die finanziellen Rahmenbedingungen für eine Betreuung/Therapie aus?

Grundsätzlich schauen die finanziellen Rahmenbedingungen schlecht aus. Der Verein Gesundheitsschmiede ist ein privater Verein und wird fast ausschließlich von den Honoraren der Patienten und Klienten getragen. Die psychologische Therapie wird auch nicht von den Krankenkassen gezahlt. Wir versuchen, die psychologische Therapie so kostengünstig wie möglich anzubieten. Wir arbeiten sehr viel mit Psychologen in Ausbildung als Co-Therapeuten zusammen. Dadurch können wir sehr niedrige Stundensätze anbieten, die es vielen Patienten und Klienten ermöglichen, diese Therapie durchzuführen. Die Innsbrucker Sozialen Dienste (ISD) haben geförderte Therapieplätze in ihren Wohnheimen. Für diese Patienten/Klienten wird also ein Teil der Kosten von den ISD getragen. Durch diese Förderung kann eine größere Zahl an Betroffenen die Therapie beanspruchen.

Wie würden Sie ihre Vision für die Gesundheitsschmiede beschreiben?

Wir kommen aus einer existenzanalytischen Therapierichtung und Denkpraxis, in die das dreidimensionale Menschenbild integriert ist. Neben der psychischen und körperlichen Dimension hat der Mensch laut unserem Verständnis auch eine geistige – eine personale – Dimension. Diese halte ich für unzerstörbar, immer ansprechbar und gesund. Das Wesentliche im Menschen kann für mich durch Alter, Prägung usw. zwar verschüttet, aber nicht vernichtet werden. Die geistig-personale (im Englischen spirituelle) Dimension ist unserer Meinung nach immer ansprechbar. Für mich und den Verein ist es sehr wichtig, dem Menschen Haltung, Respekt und Wertschätzung auf selbstverständliche Art und Weise entgegen zu bringen – egal ob er alt und krank oder jung und schön ist. Ohne die geistig-personale Ebene des Menschen anzusprechen, bekommt man zu erkrankten oder älteren Menschen oft keinen Zugang. Unsere Mission ist es, psychisches, soziales und vor allem auch emotionales Leid älterer Menschen zu lindern. Uns ist Haltung in der Therapie wichtig. Sie führt zu einer Begegnung von Person zu Person. Aus dieser Beziehung heraus kann mit unseren psychologischen Methoden Heilung passieren.

Worauf sind Sie in der Gesundheitsschmiede Tirol stolz?

Stolz sind wir darauf, dass wir heuer bereits 10 Jahre Gesundheitsschmiede feiern können. Wir veranstalten zu diesem Jubiläum unsere erste Tagung zu unserer Haltung und unserem Denken mit dem Titel „Mit Leib und Seele Menschen“. Stolz sind wir auch darauf, dass wir mittlerweile 9 Klinische- und GesundheitspsychologInnen, 5 Psychologen in Ausbildung zur Klinischen- und Gesundheitspsychologin und 3 Psychologinnen in Ausbildung (Masterstudium) zu unserem Kreis zählen dürfen, die mehr als 80 KlientInnen und PatientInnen mehrmals in der Woche begleiten, betreuen und behandeln. Da wir ein gemeinnütziger Verein sind und sehr kostengünstig für die PatientInnen arbeiten, ist es ein sehr schwieriger und schmaler Grat der Finanzierung, der uns immer wieder zu schaffen und zugleich aber auch stolz macht, dass psychologische Therapie im Alter für viele Menschen zugänglich wird.

Mag. Michael Mattersberger ist Klinischer- und Gesundheitspsychologe (Gerontopsychologe), Psychotherapeut in Ausbildung und unter Supervision sowie Obmann der Gesundheitsschmiede Tirol

Interview: Raimund Mühlburger, Fotos: Ingo Bartussek/Fotolia.com, Gesundheitsschmiede Tirol