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Logopädie: Wenn Sprechen zum Hindernis wird

Als Logopädin arbeitet Maria Blasisker in ihrer Praxis in Matrei in Osttirol mit Menschen jeden Alters, die Sprach-, Sprech-, Schluck- oder Hörstörungen aufweisen.

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Logopädin Maria Blasisker bietet in ihrer Praxis Diagnostik, Beratung und Therapie von Sprach-, Sprech-, Schluck- und Hörstörungen an.

 

Dass der Mensch sprechen kann, scheint selbstverständlich. Sprache ist wichtig – in der alltäglichen Kommunikation, um sich zu verständigen, auszutauschen und zu unterhalten. Sprechen ist jedoch weitaus mehr. Sprache wird maßgeblich von der Wahrnehmung des Menschen, seinem Denken, seinen Emotionen und damit vom gesamten Gehirn beeinflusst, was schließlich auch zur Lösung von Problemen beiträgt. Darüber hinaus sind beim Sprechen verschiedenste Organe und weit mehr als 100 Muskeln beteiligt. Was also in einem Gespräch scheinbar „nebenbei“ geschieht, ist sehr komplex. Die kindliche Sprachentwicklung ist ungefähr zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr abgeschlossen. Wenn Kinder jedoch nicht richtig sprechen lernen, erwächst daraus eine Vielzahl von unterschiedlichen Problemen, wie z.B. Mobbing oder Frustration. Ebenso können Jugendliche und Erwachsene von einer Sprachstörung, z.B. infolge eines Unfalles, Schlaganfalles, einer Hirnerkrankung oder bedingt durch eine organische Störung, betroffen sein. In solchen Fällen hilft eine logopädische Therapie bei der Entwicklung bzw. Rehabilitation des Sprechens.

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blasisker3 c luggerIm Bezirk Lienz lässt sich eine gute und flächendeckende Versorgung mit logopädischem Fachpersonal feststellen, wobei die Therapeutinnen in Kontakt miteinander stehen und ihre Erfahrungen bei regelmäßigen Treffen austauschen. Eine von ihnen ist Maria Blasisker, die seit 1999 in freier Praxis in Matrei tätig ist und ihrer Profession mit Leidenschaft und hohem Engagement nachgeht. In ihrer Praxis hängt ein Bild, das sofort ins Auge fällt. Es zeigt den sogenannten „Sprachbaum“ nach Wolfgang Wendlandt, der die Einflussfaktoren auf die Sprachentwicklung bei Kindern thematisiert. „Die Sprache des Kindes entwickelt sich in einer bestimmten Abfolge – wie eine kleine Pflanze, die zum Baum wird. Zunächst müssen die Wurzeln (körperliche, geistige und psychische Fähigkeiten eines Kindes) wachsen. Dann entwickelt sich der Stamm (Sprechfreude und Sprachverständnis), auf dem sich schließlich die Baumkrone (Wortschatz, Aussprache, Grammatik und Kommunikation) entfaltet. Diese Krone, die die gesprochene Sprache versinnbildlicht, ist die Basis dafür, dass Kinder bei Schuleintritt das Lesen und Schreiben erlernen können“, erläutert die Logopädin das Bild.

Maria Blasisker spricht lieber von „Klienten“ als Patienten. Zu ihnen zählen Erwachsene ebenso wie Kinder. „Sprache, sprechen und miteinander kommunizieren zu können, gehört zu den elementaren Grundlagen unseres Menschseins. Es ist die Basis für ein selbstständiges und erfülltes Leben“, hält sie fest. Daher stehe, so die Logopädin weiter, die sprachliche Entfaltung eines Kindes in engem Zusammenhang mit anderen psychischen und emotionalen Bereichen der kindlichen Entwicklung. Keineswegs sei es nur die Aufgabe von Familien, den Kindergärten oder den Schulen, dies zu fördern. „Es ist die Verantwortung aller, die mit Kindern in Kontakt treten!“

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Die Logopädin und ihre Kolleginnen im Bezirk beobachten, dass das mediale Nutzerverhalten der Kinder und Jugendlichen bereits markante Folgen hat. Der Gebrauch von Handys, Tablets oder ebenso TV-Geräten gehört zum Alltag, aber die Verwendung sollte, wie Maria Blasisker empfiehlt, alters- und Entwicklungsgerechter erfolgen. Dafür könne man eine einfache Faustregel als Maß heranziehen: „Die Zeit, die ein Kind mit elektronischen Medien verbringt, sollte in gleichem Maße für einen Aufenthalt im Freien, für spielerische Aktivitäten oder Bewegung genützt werden.“ Dies fördere schließlich nicht nur den Aufbau von Muskeln, Sehnen und Knochen, sondern könne auch Aggressionen abbauen und das allgemeine Wohlbefinden steigern. Kinder brauchen, so die Expertin weiter, für die Sprachentwicklung aber auch das persönliche Gespräch.

„Bei den Kleineren ist etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, das ,Hoppe-Reiter‘-Spiel gut geeignet. Neben dem Körperkontakt, der die emotionale Bindung festigt, befindet sich das Kind hier quasi auf Augenhöhe mit dem Elternteil. Neben dem Hören kann es die Eltern beim Sprechen beobachten: Wie muss ein Mund geformt sein, wenn ein A-Laut kommt, oder welche Miene macht der Erwachsene, wenn er ,Bravo‘ sagt? Dies alles speichert das kindliche Gehirn ab. Auf einem zweidimensionalen Bildschirm gehen hingegen derartige Informationen verloren. Dies wird noch verstärkt, wenn fremdsprachige Filme synchronisiert wurden oder es sich um Zeichentrickfilme handelt. Das Kind kann die so vermittelten Informationen nicht mehr korrekt zuordnen und ist verwirrt.“

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Oft würden Sprachstörungen bei Kindern und Jugendlichen, wie Maria Blasisker berichtet, auch mit Auffälligkeiten im Verhalten einhergehen – Stichwort „mangelnde Sozialkompetenz“. Das könne den Kindern zusätzliche Probleme bereiten, nicht nur im Umgang mit anderen, sondern auch in der Schule und in der Ausbildung. „Vielen von uns sind diese Auswirkungen nicht bewusst, ebenso wenig wie die Tatsache, dass man die Sprachentwicklung der Heranwachsenden mit einfachen Mitteln fördern kann.“ Die Matreier Logopädin rät zur Einhaltung von Ritualen, wie z.B. zum Lesen einer Gute-Nacht-Geschichte und regelmäßigen Zeiten fürs Essen oder Schlafengehen. Sprachfördernd seien Fingerspiele, Dinge im eigentlichen Sinn des Wortes zu „be-greifen“, langsames und deutliches Sprechen, Blickkontakt beim Sprechen und bewusstes Zeit-Verbringen mit den Kindern. „Werden diese einfachen Tipps berücksichtigt, ist eine gute Basis für die allgemeine und sprachliche Entwicklung geschaffen“, so Maria Blasisker.

Text: Jan Schäfer, Fotos: Martin Lugger