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St. Veit gedenkt seines großen Sohnes „Reimmichl“

Der Deferegger Sebastian Rieger war als katholischer Priester, Publizist und Volksschriftsteller aktiv. Am 28. Mai 2017 jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal.

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Der Reimmichl-Brunnen im Dorfzentrum von St. Veit

 

Sebastian Rieger war breiten Bevölkerungskreisen unter dem Pseudonym „Reimmichl“ bekannt und bleibt. Im Jahr 1920 publizierte er erstmals den gleichnamigen Kalender, der bis heute im Tyrolia-Verlag erscheint. Paul Muigg, langjähriger Schriftleiter des „Reimmichl Kalenders“ hat rechtzeitig zum 150. Geburtstag des in St. Veit geborenen Heimatschriftstellers im Priesterrock ein Buch herausgebracht, das sich durchaus auch kritisch mit der Person und dem Wirken Sebastian Riegers auseinandersetzt. Die Gemeinde St. Veit organisiert zum 150. Geburtstages ihres großen Sohnes am 27. und 28. Mai 2017 ein Programm.

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Einem Kartenspiel in geselliger Runde war Reimmichl (rechts) nie abgeneigt, wie hier bei der Primiz von Hans Brugger.

 

cover reimmichl lesebuchMit freundlicher Genehmigung von Paul Muigg zitieren wir im Folgenden aus seinem soeben erschienen Reimmichl-Lesebuch: Sebastian Rieger wurde am 28. Mai 1867 in St. Veit i.D. geboren. Er besuchte zunächst das Gymnasium und später das Priesterseminar in Brixen. 1891 wurde er zum Priester geweiht. Bald darauf begann der Seelsorger auch als Redakteur der Wochenzeitung „Tiroler Volksbote“ zu arbeiten. Seine Schriftsteller-Karriere startete er ab 1893 mit ersten Texten, ab 1894 erschienen in unregelmäßiger Abfolge zahlreiche Kurzgeschichten. Später tat sich Sebastian Rieger im Zusammenhang mit der Gründung des Tiroler Bauernbundes hervor. Tausende Bauern folgten 1904 seinem Aufruf zur Gründungsversammlung in Sterzing. Aus seiner Zeit beim „Tiroler Volksboten“ stammt, in Anlehnung an einen Südtiroler, der ein begnadeter Erzähler war, das Pseudonym „Reimmichl“. Michael Rogger war Schuster in Sexten. Seine „Reimereien“ lieferten dem jungen Kooperator Rieger Stoff für Geschichten,die er zunächst unter „Was der Michl erzählt“ veröffentlichte. Rogger nannte ihn daraufhin einen „Reimmichl“.

 

Im Laufe der Zeit entstanden mehr als 60 Bücher und über 200 Kurzgeschichten. Mit seinen Romanen und Erzählungen erreichte Sebastian Rieger ein Millionenpublikum. 1920 erschien der erste Reimmichl-Kalender, damals noch unter dem Namen „Tiroler Kalender“. Das Titelblatt zierte das Motiv der Nikolauskirche von Obernberg. Sein Gedicht „Tirol isch lei oans“ gilt bis heute – vertont von Vinzenz Goller – als „heimliche Hymne“ Tirols. Ab 1914 wirkte Rieger bis zu seinem Tod im Jahr 1953 als Kaplan in Heiligenkreuz in Hall in Tirol. Wie Paul Muigg in „Das große Reimmichl-Lesebuch“ 10793 rm05schreibt, sah Sebastian Rieger seine Aufgabe in erster Linie als Priester und Seelsorger, wobei er die Arbeit als Zeitungs- und Geschichtenerzähler durchaus auch als einen Teil der Seelsorge verstand. „Es gelang ihm, mit seinen Themen und seinem Stil direkt zu den Herzen der Leser vorzudringen. Die Leser-Blatt-Bindung beim ,Tiroler Volksboten‘ war legendär“, so Muigg.

Er berichtet auch davon, dass sich Rieger einst mit großer Ernst- und Gewissenhaftigkeit auf die priesterlichen Weihen vorbereitete. „Aufgrund seines höheren Alters erhielt er Dispens und wurde noch vor Beendigung des Theologiestudiums am Peter-und-Paul-Tag 1891 im Brixner Dom von Fürstbischof Simon Aichner zum Priester geweiht. Am 8. Juli 1891 feierte er in St. Veit in Defereggen Primiz.“ Beinahe alle Reimmichl-Bücher und -Geschichten, die bis zum Ersten Weltkrieg auf dem Buchmarkt erhältlich waren, seien, so Muigg, zunächst als eine Art Fortsetzungsroman im Volksboten erschienen. Der große Erfolg veranlasste den Tyrolia-Verlag später, daraus nicht weniger erfolgreiche Bücher zu gestalten. Der Antisemitismus fiel leider auch in Tirol auf fruchtbaren Boden. Muigg dazu: „Der religiös motivierte Antisemitismus mit dem Vorwurf des Jesus- und Gottesmordes war im Land fest verankert.“ Über die Ritualmord-Legenden des Anderle von Rinn, Simon von Trient oder der Ursula von Lienz wurde er tradiert. Auch Reimmichl konnte sich dem nicht entziehen. „Im ,Tiroler Volksboten‘ waren es immer wieder die ,liberalen Juden‘, die für die tatsächlichen oder vermeintlichen Fehlentwicklungen vor allem in der Wirtschaftspolitik verantwortlich gemacht wurden. Es fällt aber auf, dass Reimmichls Angriffe auf die Juden bereits Anfang der Dreißigerjahre aufhörten“, informiert der Autor.

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Bgm. Vitus Monitzer: „Sebastian Rieger ist der größte Sohn unserer Gemeinde. Die Volksschule, die Schützenkompanie, eine Straße und unser Veranstaltungssaal sind nach Reimmichl benannt. Zum 150. Geburtstag werden wir heuer im Mai zwei Tage lang des Priesters und Heimatdichters gedenken.“

 

Bis zu Sebastian Riegers Tod erschienen 33 Reimmichl-Kalender-Jahrgänge, unterbrochen nur von den Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges. Der Verlag Tyrolia wurde 1938 von den Nationalsozialisten enteignet. Bis 1942 wurde der Kalender in München in beschränkter Auflage und 1943 in Bozen gedruckt, bevor das vorläufige Ende kam. Als sich Reimmichl weigerte, inhaltlichen Wünschen der Tiroler Gauleitung nachzukommen, wurde die weitere Publikation untersagt. Kaum war der Krieg zu Ende, arbeitete der inzwischen 78-Jährige bereits wieder am neuen Jahrgang. In seinem letzten „Grüß Gott“, das er – bereits schwer krank – wenige Monate vor seinem Tod gleichsam als Testament schrieb, blickte Reimmichl auf sein Leben zurück. Er zog, wie ihn Muigg zitiert, so Bilanz: „Ich habe im Land Tirol vier Generationen, das heißt vier Menschengeschlechter erlebt, nämlich die Jetztlebenden, ihre Eltern, ihre Großeltern und ihre Urgroßeltern.“ Am 2. Dezember 1953 starb Sebastian Rieger im 86. Lebensjahr. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich damals die Nachricht von seinem Tod dies- und jenseits des Brenners. Zu seinem Begräbnis kamen tausende Tirolerinnen und Tiroler nach Heiligenkreuz, um Abschied zu nehmen von einer jener Persönlichkeiten des „alten“ Tirol, die das Land geprägt haben.
 
Programm zum Gedenken an den 150. Geburtstag von Reimmichl:
Samstag, 27. Mai 2017

Ausstellung des Heimatkundevereins ab 20.00 Uhr im Reimmichl-Saal in St. Veit
Buchvorstellung von Mag. Martin Kolozs „Zur höheren Ehre – Die Tiroler Priesterdichter“ – mit Beiträgen zu Reimmichl, Bruder Willram, Probst Dr. Josef Weingartner und Bischof Dr. Reinhold Stecher

Mitgestaltung durch Kinder der Volksschulen St. Veit und Feld

Sonntag, 28. Mai 2017
Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche am Vormittag
anschließend Feier mit Aufmarsch der Reimmichl-Schützenkompanie und der Musikkapelle am Dorfplatz beim Reimmichl-Brunnen

Text: Raimund Mühlburger und Ausschnitte aus „Das große Reimmichl-Lesebuch“ von Paul Muigg, Fotos: Osttirol heute/David Hotzler, Heimat Defereggen