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Sillian: Vor 50 Jahren kam die große Flut wieder

Innerhalb von nur 15 Monaten richteten 1965 und 1966 drei Hochwasser-Katastrophen im Bezirk verheerende Schäden an – die Flut von November 1966 traf Sillian besonders hart.

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Bei der Hochwasser-Katastrophe im November 1966 glich die Gegend in und rund um Sillian einem See.

 

Peter Leiter ist Gemeindevorstand von Sillian. Der 39-Jährige leitet zudem das Chronik-Team der Marktgemeinde und hat sich in dieser Funktion auch mit den Hochwasser-Katastrophen beschäftigt, die im September 1965 sowie im August und November 1966 weite Teile des Bezirkes Lienz heimsuchten. Im Zuge meiner Nachforschungen besuche ich Peter Leiter auf seinem Bauernhof in Sillian. „Grundsätzlich kann ich sagen, dass Sillian deswegen so hochwassergefährdet ist, weil der Ort mit dem Zentrum bis zu 1,80 Meter unter der Flusssohle der Drau liegt. Das Hochwasser von 1882 soll noch schlimmer als die Katastrophen von 1965/66 gewesen sein. Aber im vorigen Jahrhundert waren die Hochwasserkatastrophen Mitte der 60er-Jahre nach den beiden Weltkriegen sicher jene Ereignisse, die am meisten Zerstörung hervorgerufen haben“, meint der Chronist einleitend. Die Feuerwehrchronik, das Sillian-Buch und historische Zeitungsberichte hat er vorbereitet, und wir versuchen gemeinsam, mehr über diese folgenschweren Naturereignisse herauszufinden.

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„Ein Tief bei den Britischen Inseln hatte einen Trog Richtung Italien gesteuert. Die Wetterlage führte im Nordstau der Alpen zu heftigem Niederschlag, der auch über den Alpenhauptkamm überschlug. Dieser ging mit 3. November in den höheren Lagen der Zentralalpen in Schnee über. Am 4. November setzte Föhn ein, mit Schneeschmelze bis in Höhenlagen von 2.500 m Seehöhe. In der Nacht des 4. November kam heftiger Sturm auf, der von gewittrigen Entladungen (Wintergewitter) begleitet war“, heißt es etwa im Wikipedia-Artikel „Novemberunwetter im Alpenraum 1966“.

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In Westösterreich waren vom Starkregen vor allem der Raum Salzburg, Osttirol, Oberkärnten und die Karawanken betroffen. In der von der Freiwilligen Feuerwehr im Jahr 2000 herausgegebenen Chronik „Im Kampf gegen die entfesselten Naturgewalten“ von Dr. Egon Kühebacher sind alle Einsätze beschrieben. Unter dem Eintrag „3.-4.11.1966“ heißt es: „Um Allerheiligen fielen ungefähr 70 bis 80 cm Schnee. Anschließend kam es zu starken Regengüssen. Dies hatte zur Folge, dass alle Bäche einen bedrohlichen Wasserhochstand erreichten. Seit dem 3. d. M. waren die Wehrmänner im Einsatz. Das Hoferbachl und das Johannesbachl wälzten beachtliche Schuttmassen talwärts. Durch einen gewaltigen Murbruch bei der Loretokapelle in Winnebach wurde die Drau gestaut, und als diese Stauung zum Durchbruch kam, bestand für Sillian allergrößte Gefahr. Durch vom Wildwasser mitgerissene Bäume, Steine und Wurzeln kam es bei der Bahnhofsbrücke zur Stauung der Drau. Gegen Mitternacht brach der Draudamm oberhalb der Bahnhofsbrücke und bei der Schinterbrücke in Arnbach. Die reißenden Wassermassen wälzten sich nun von Westen her und überfluteten den größten Teil des Marktes; das Wasser erreichte stellenweise eine Höhe von 1,70 Metern.“

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Auf die Ausmaße und Folgen des Hochwassers nimmt auch der Historiker Dr. Martin Kofler im 2015 von der Kulturinitiative Sillian publizierten Buch „SILLIAN – Geschichte und Gegenwart“ Bezug. „Anfang November 1966 war Osttirol zum dritten Mal von der Außenwelt vollkommen abgeschnitten und nur mehr per Hubschrauber erreichbar; die Gegend in und um Sillian war aufgrund des Draudammbruchs oberhalb der Bahnhofsbrücke und bei der Schinterbrücke in Arnbach zu einem großen See geworden, mit 127 von 268 Häusern (für mehrere Wochen) im Wasser, das stellenweise eine Standhöhe von 1,70 Metern hatte. Es mussten mehrere 100 Menschen evakuiert werden. 16 Rinder, zwölf Schweine, zwei Ziegen und diverses Kleinvieh ertranken in den eiskalten Fluten.“

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Hunderte Menschen mussten evakuiert werden. 16 Rinder, zwölf Schweine, zwei Ziegen und diverses Kleinvieh ertranken in den Fluten.

 

Details zu den Aufräumungsarbeiten und den Leistungen der Helfer findet man in den Protokollen der örtlichen Feuerwehr. Dort ist u.a. nachzulesen: „Große Hilfe ist uns damals von auswärts entgegengebracht worden. Die Bevölkerung von Panzendorf hat spontan einige Autofuhren trockenes Holz gestellt, das Bundesheer mit seinen Schlauchbooten, Pionieren u. Jägern hat uns besonders viel geholfen. Der Malteserorden hat sich als einer der ersten mit kleinen Schlauchbooten und einigen Männern zur Verfügung gestellt. Die Stadtgemeinde Wien hat uns mit ihren Schlammtankwägen und dem Kanalreinigungswagen große Dienste geleistet. Desgleichen hat die Berufsfeuerwehr Innsbruck zwei Mann mit einer Schlammpumpe entsendet, die besonders für die Reinigung der Keller zweckmäßig war.“

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Norbert Niederegger zeigt uns als Zeitzeuge der damaligen Ereignisse eine Wandmarkierung, die auf den Wasserhochstand im November 1966 hinweist.

 

Einer, der als Zeitzeuge viel über das Hochwasser des Jahres 1966 zu erzählen weiß, ist der Sillianer Norbert Niederegger. Er ist in der „Pension Adelheid“ mitten im Ortszentrum von Sillian zu Hause. Niederegger war 24 Jahre alt, als die große Flut kam. Anhand einer Wassermarke, die der heute 74-Jährige auf eine Wand in seinem Haus malen ließ, zeigt er, wie hoch damals das Wasser stand. Er erinnert sich: „Wo wir uns heute befinden, war früher der Speisesaal. Als das Hochwasser im November 1966 unser Haus erreichte, hatten wir gerade alle Vorbereitungen für die Wintersaison abgeschlossen. Innerhalb kürzester Zeit stand alles unter Wasser. Mit Hilfe des Bundesheeres war es möglich, die Räume von Wasser und Schlamm zu befreien. Es war eine harte Arbeit, die durch den tagelangen Stromausfall zusätzlich erschwert wurde. Trotzdem ist es uns gelungen, einige Wochen später wieder die ersten Gäste in unserer Pension zu begrüßen.“

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Als Konsequenz der drei Katastrophen der Jahre 1965 und 1966 wurde übrigens auf Basis des Katastrophenfondsgesetzes des Jahres 1966 umgehend eine auf Dauer gesicherte Basis für die Finanzierung des Schutzwasserbaues und der Wildbach- und Lawinenverbauung in Österreich geschaffen. „Die in dieser Zeit beschlossene Finanzierungsgrundlage des Katastrophenfonds besteht bis heute“, informiert Peter Leiter abschließend.

Quellen: Wikipedia, Freiwillige Feuerwehr Sillian „Im Kampf gegen die entfesselten Naturgewalten“, „SILLIAN – Geschichte und Gegenwart“ Seite 369: „Sillian in neuerer Zeit – von der Eröffnung der Pustertalbahn 1871 bis in die Gegenwart“ von Dr. Martin Kofler

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Archiv Marktgemeinde Sillian, Archiv Gerhard Holzer, Archiv Sepp Straganz, Mühlburger