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Von scharfen Klingen und Messerschleifern

Der Osttiroler Dr. Andreas Rauchegger hat bei der Ausstellung „Schneid – eine Kultur- und Technikgeschichte der Schärfe“ in Dorf Tirol bei Meran wesentlich mitgearbeitet.

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Unterhalb von Schloss Tirol thront, hoch oben auf einem Felsen, eine mächtige Burganlage. Die nach einer nahen Quelle benannte Brunnenburg wurde im 13. Jahrhundert vom Geschlecht der Tarant erbaut, verfiel aber später zusehends. Anfang des 20. Jahrhunderts fand sich ein privater Käufer, der die Burg wieder aufbauen ließ. Bekannt wurde die Anlage Ende der 1950er-Jahre, als sie der amerikanische Dichter Ezra Pound als Wohnsitz auserwählte. Von 1962 bis zu seinem Tod 1972 war er als Bürger von Dorf Tirol eingetragen, ihm ist auch die Ezra Pound-Gedächtnisstätte in der Burg gewidmet. In der Brunnenburg sind heute auch ein landwirtschaftliches Museum und ein Tiergarten untergebracht. Unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Siegfried de Rachewiltz befasst sich das Museum mit den Themen Ethnologie, Volkskunde und Volkskunst. Zudem bringt es dem Besucher anhand von Foto- und Filmdokumentationen die Landwirtschaft, die Verarbeitung von Getreide und das Brotbacken, die Erzeugung von Butter und Käse und vieles andere mehr näher. Das einstige Leben der Tiroler Bauern und Bergbauern und ihr Alltag werden gezeigt sowie alte Berufe vorgestellt.

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Die Brunnenburg im Eigentum von Univ.-Prof. Dr. Siegfried de Rachewiltz befindet sich in Dorf Tirol bei Meran und beherbergt ein Landwirtschaftsmuseum.

 

Während sich vielbesuchte Ausstellungen in den Vorjahren mit der Kunst des Flickens und Wiederverwertens, der Handfertigkeit und dem Erfindergeist der Bäuerinnen und Bauern im historischen Tirol (2014) bzw. mit der Kulturpflanze Mohn, ihrer Bedeutung in Mythologie, Volksmedizin, Speise und Sachkultur Tirols (2015) beschäftigten, befasst sich das aktuelle Museumsprojekt in der Brunnenburg mit der „Schneid“, also mit der Kultur- und Technikgeschichte scharfer Klingen in Tirol. Der gebürtige Abfaltersbacher Dr. Andreas Rauchegger ist seit Jahren an der Vorbereitung und Ausarbeitung der musealen Präsentationen auf der Brunnenburg beteiligt. Bei „Schneid“ ließ er auch Beiträge aus Nord- und Osttirol sowie Vorarlberg einfließen.

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Dr. Andreas Rauchegger: „Die Kulturgeschichte der Schärfe bzw. scharfer Klingen ist untrennbar mit der Geschichte der Menschheit verbunden. Fossile Knochen mit Schnittspuren und scharfkantige Geröllgeräte gehören zu den ältesten Zeugnissen der Urgeschichte und reichen mehr als 2,5 Mio. Jahre zurück.“

 

„Die Kulturgeschichte der Schärfe bzw. scharfer Klingen ist untrennbar mit der Evolutionsgeschichte der Menschheit verbunden. Fossile Knochen mit Schnittspuren und scharfkantige Geröllgeräte gehören zu den ältesten Zeugnissen und reichen mehr als 2,5 Mio. Jahre zurück“, erklärt er. Ziel des Projektes „Schneid“ sei es, die Bedeutung von Gegenständen in den Fokus zu stellen, mit denen man schneiden, zerteilen, schaben oder auch kratzen kann. Sense und Sichel gelten als Paradebeispiele für die bäuerliche „Schneid“ und sind eng mit der Kunst und Sachkultur des Dengelns, Schleifens und Wetzens verbunden. Aderlassgeräte oder Skalpelle sind hingegen als bedeutsame Exponate aus dem medizinischen Bereich zu nennen.

schneid5 c archiv rudolf holzer„Es war immer schon wichtig zu wissen, wie man Schärfe erzeugen und dauerhaft erhalten kann bzw. welche Materialien eine möglichst lang anhaltende Schärfe garantieren“, so der Kulturwissenschaftler. Dass es sich bei „Schneid“ um ein in jeder Hinsicht „scharfes“ Thema handelt, belegt auch die Tatsache, dass aktuell immer mehr Anthropologen erkennen, dass nicht nur die Entdeckung des Feuers, sondern auch die Fähigkeit, Nahrungsmittel mit scharfen Klingen zu zerkleinern, einen entscheidenden Meilenstein in der Evolutionsgeschichte der Menschheit darstellte. Schon die alten Ägypter fertigten chirurgische Messer aus Kupfer, und Ötzi, der „Mann aus dem Eis“, benutzte nachweislich durch Quarzit retuschierte Feuersteinklingen als Messer und Pfeilspitzen. Eine einschneidende Wende in der Geschichte der Schärfe brachte die Eisenzeit, in der eine bis dahin nie dagewesene Vielfalt an Schneide-Utensilien hergestellt werden konnte. „Die Sesshaftwerdung des Menschen wäre ohne Schneidegeräte nicht möglich gewesen. Die Weiterentwicklung dieser Geräte hatte einen wesentlichen Einfluss auf die Bearbeitung der Böden und damit auf die Fruchtbarkeit. Mit Sensen, Sicheln und Co. ging auch ein kultureller Aufschwung einher“, so Rauchegger.

Das Buch zur Ausstellung enthält eine Vielzahl an wissenschaftlichen Beiträgen zum Thema „Schärfe“. Interessantes zum mythischen Aspekt antiker Ackerbaugeräte, etwa in ihrer Rolle als Schöpfungswerkzeuge in den Mythen über die Trennung von Himmel und Erde, beinhaltet der Text von Museumsherr und Projektinitiator Siegfried de Rachewiltz. Andreas Rauchegger ist Autor des Artikels über Scharfschleifer im historischen Tirol. Osttirol-Bezug hat auch der Beitrag „Eine Sense und Schleif- bzw. Wetzsteine aus dem Atriumhaus von Aguntum“ von Dr. Martin Auer. Unter dem Titel „Von keltischen Schneiden und scharfen Kanten“ wirft Mag. Stefan Weis einen Blick auf die Sammlung des Museums Schloss Bruck, und Dr. Sonja Ortner beschreibt in „Scharfe Lieder“ zwei- bis eindeutige Dengellieder, die etwa aus dem Villgratental stammen bzw. früher vom bekannten Ensemble Osttiroler Viergesang vorgetragen wurden.

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Elia, Osvaldo und Donato de Cilia von der Coltelleria de Cilia. Am Schleiferstand von Osvaldo ist die Ortsbezeichnung „Luggau“ zu sehen.

 

„In meinem Artikel widme ich mich jenen sesshaften, aber auch reisenden Messer- und Scherenschleifern, an die sich viele Osttiroler auch heute noch erinnern können. In Vergessenheit geraten ist hingegen, dass es auch bei uns Schleifhütten im Nahbereich von Schmieden gegeben hat. Für die heutige Gemeinde Abfaltersbach etwa ist eine derartige Hütte für die Zeit um 1600 belegbar“, schildert Andreas Rauchegger interessante Details aus seinem Beitrag. Durch das Herumreisen als Scheren- und Messerschleifer hätten viele, v.a. zugewanderte Handwerker früher Beschäftigung gefunden und ihren Lebensunterhalt sichern können. Wie er weiter ausführt, fiel die große Zahl norditalienischer Handwerker, die auf der Suche nach Arbeit ihre Heimat verließen und im historischen Tirol ihr Glück versuchten, in die Jahrzehnte von 1850 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges und dann wiederum in die Zeit nach 1945. Dazu gehörte z.B. auch der ,Moleta‘, wie der Scherenschleifer in der Mundart des Trentino genannt wurde.

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Hans Obwurzer bei der Pflege bäuerlicher Geräte in Außervillgraten

 

Die Zuwanderung dieser Facharbeiter sei auch aus dem Comelico in der Provinz Belluno, den friulanischen Ortschaften Ligosullo und Treppo Carnico sowie dem Veltlin in der Lombardei dokumentiert. Andreas Rauchegger: „Der Osttiroler Fachbetrieb ist die in Lienz ansässige Stahlwaren-Feinschleiferei Buschenreiter, und auch die Firma Duda Schärfdienst von Johann Duda aus dem Rosental ist vielen Osttirolern als mobiler Dienstleister bekannt.“ Seine Recherchearbeit führte ihn auch auf die Spur der Scherenschleifer-Familie de Cillia, die heute in fünfter Generation ein Fachgeschäft im Südtiroler Bruneck führt. Mit dem Schleifgerät am Rücken wanderten die Vorfahren des heutigen Geschäftsinhabers, Andrea de Cillia, – ursprünglich aus Friaul stammend – durch das Puster-, Ulten- und Passeiertal sowie den Vinschgau.

 

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1921 eröffnete Osvaldo de Cillia einen kleinen Laden mit Werkstatt in Bruneck. „Auf seinem Schleiferstand lasse sich, so Rauchegger, deutlich die Ortsbezeichnung „Luggau“ erkennen, womit eine nette Anekdote verbunden sei. Osvaldo habe, wenn er hinaus auf die Höfe ging, immer erklärt, er sei aus „Madonna Luggau“, er sei „a Schlaifa fa Luggau“. Auch sein Sohn Romano habe seinen Vater oft sagen hören: „Fagelts Gott tausendmo, im Himml au und nimma oa.“ Romano ging ab 1954 bei der Fa. Buschenreiter in Lienz in die Lehre. Sein Sohn Andrea lernte später bei ihm und eignete sich durch Weiterbildung neue Schleifverfahren an.

Die Ausstellung „Schneid – Eine Kultur- und Technikgeschichte der Schärfe im historischen Tirol“ wird am 30. September 2016 im Landwirtschaftsmuseum Brunnenburg eröffnet. Sie wird auch in der ersten Jahreshälfte 2017 noch zu sehen sein.

Nähere Infos unter www.brunnenburg.net

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Halfpoint/Fotolia, Archiv Christiane Brunner, R. Mühlburger, Archiv Rudolf Holzer, Archiv Fa. de Cilia, Archiv Hubert Wurzer, Archiv A. Rauchegger