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St. Korbinian: Kleinod mit bewegter Geschichte

Aloisia Lach ist seit 1969 Mesnerin in der kleinen Kirche St. Korbinian. Sie weiß viel zu erzählen – vor allem auch über den kunsthistorisch bedeutenden Korbinianaltar.

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Sonntags um 10.00 Uhr wird in dem schönen Kirchlein, das auf einer Anhöhe über dem Ausgang des Wilfernertales thront, Gottesdienst gefeiert. Wer außerhalb dieser Zeit den spätgotischen Bau besichtigen möchte, wendet sich am besten an Aloisia Lach. Sie sperrt die Kirche auf und führt auf Wunsch und bei Anmeldung auch durch den Sakralbau. St. Korbinian ist von der Drautalbundesstraße bei Thal aus gut sichtbar. Die Kirche gehört zur Pfarre Assling, die seit 1261 seelsorgerisch vom Chorherrenstift Neustift bei Brixen betreut wird. „Um 1460 erbaut, wurde St. Korbinian im Jahre 1468 von Weihbischof Kaspar von Salzburg geweiht. Kunsthistorisch besonders interessant ist der Korbinianaltar von Friedrich Pacher, der einst als Hauptaltar fungierte“, weist Aloisia Lach ihre Gäste zu Beginn ihrer Führungen immer sofort auf den bedeutendsten Kulturschatz des Gotteshauses hin.

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Aloisia Lach führt mit großer Begeisterung und umfangreichem Fachwissen durch die Kirche St. Korbinian.

 

Rund um den Pacher-Altar lässt sich eine wechselvolle Geschichte erzählen. Die gemalten Einzelteile des Altars entstanden im Spätmittelalter in der Werkstatt des Künstlers Friedrich Pacher, der als einer der wichtigsten Maler der Gotik in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts im südlichen Tirol gilt. Die Schreinskulptur hingegen wird dem Brixener Bildschnitzer Hans Klocker zugeschrieben. In der Barockzeit an die Südseite der Kirche gerückt, verlor der Altar 1864 durch Verkauf seine beiden beidseitig bemalten Drehflügel. Diese gelangten aus dem Antiquitätenhandel auf vielen Umwegen an den Kunsthändler Goudstikker aus Amsterdam. Dessen Sammlung wurde später von den Nazis requiriert. 1946 kehrten die Bilder nach Holland zurück und wurden 2006 an die Erben Goudstikkers restituiert.

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Der Korbinianaltar hat eine bewegte Geschichte hinter sich und ist erst seit Spätsommer 2010 wieder in voller Pracht in Thal-Assling zu sehen.

 

„Lange Zeit konnte nur der Mittelteil des Altars, bestehend aus der Statue des hl. Korbinian, umgeben von den Darstellungen der Apostel Petrus und Paulus und dem Gemälde mit Szenen aus dem Leben des heiligen Korbinian auf der Predella, bewundert werden.“ Doch auch die in Assling verbliebenen Altarteile hatten ihr eigenes Schicksal: 1910/11 und dann 1930/31 in Wien und Lienz restauriert, waren sie zwischen 1930 und 1955 in der Stadtpfarrkirche von Lienz aufgestellt, bevor sie wieder zurück nach Assling gelangten. „Die beiden Seitenflügel galten lange als verschollen und tauchten erst im Frühjahr 2007 bei einer Versteigerung bei Christie‘s in London wieder auf“, berichtet Aloisia Lach weiter. In Zusammenarbeit mit dem Land Tirol gelang es, dieses wertvolle Kulturgut zu retten. Die Landesgedächtnisstiftung kaufte die Flügeltafeln an, die in der Folge in den Restaurierwerkstätten des Bundesdenkmalamtes begutachtet und restauriert wurden.

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„Im Prunkstall des Unteren Belvedere in Wien war der Altar dann im Rahmen der Ausstellungsreihe ,Gefährdet – Konserviert – Präsentiert‘ drei Monate lang ausgestellt. Im Spätsommer 2010 kehrte er schließlich nach St. Korbinian zurück“, erinnert sich die Mesnerin von St. Korbinian. Die kleine Wallfahrtskirche hat neben dem Korbinianaltar übrigens auch weitere kunsthistorisch bedeutsame Kleinode aufzuweisen. Dazu zählt etwa der Passionszyklus in Seccomalerei von Andrä Peurweg aus Lienz. „Entlang der vier nördlichen Schildwände des Langhauses sind 31 Szenen, darunter die Aussendung der Apostel oder das Jüngste Gericht, abgebildet. Vielfach sind auch die Namen der jeweiligenStifter angeführt.“

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Im Bild rechts ist der Passionszyklus in Seccomalerei zu sehen.

 

Von Lienzer Künstlern wurde auch der barocke Hauptaltar aus der Zeit um 1660 geschaffen. Das Altarbild in der Mitte stellt Bischof Korbinian von Freising dar, links ist Johannes der Täufer und rechts Papst Silvester zu sehen. Auf dem Altaraufsatz befindet sich eine Kopie des „Maria Hilf-Bildes“ von Lukas Cranach. „Der linke Seitenaltar wird auch Kreuzaltar genannt und stammt vom so genannten ,Meister von St. Sigmund‘ im Pustertal. Der Magdalensaltar rechts wird dem so genannten ,Barbarameister‘ aus dem Umkreis von Friedrich Pacher zugeschrieben“, informiert Aloisia Lach.

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Der Kreuzaltar

 

Die Kirchenbänke stammen aus dem Jahr 1888, und seit 1967 ist das Kirchlein an drei Seiten von einem Friedhof umgeben. Aloisia Lach: „Die Kirche wird nicht nur für die sonntäglichen Gottesdienste, sondern auch für Hochzeiten und Taufen gerne genutzt. Immer wieder melden sich auch Gruppen für Führungen bei mir an. Erst vor Kurzem habe ich die TeilnehmerInnen einer Sänger- und Musikantenwallfahrt durch St. Korbinian geführt“.

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Der Magdalensaltar

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger, Journal/Mühlburger